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Xavier-Naidoo-Bezwinger räumt jetzt ab

Joe Carpenter in Rathenow Xavier-Naidoo-Bezwinger räumt jetzt ab

Als er vor zwei Jahren Xavier Naidoo in der Radio-Hitparade überholte, wusste Joe Carpenter, dass seine Karriere ins Rollen kommt. Anfang dieses Jahres hörte er in der Kreisverwaltung auf und hat sich ausschließlich auf seine Lieder konzentriert. An diesem Freitag spielt er sein großes Konzert in der Heimatstadt Rathenow, auf der Bühne des Kulturzentrums.

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Der Hut mit rotem Band zählt zu den Markenzeichen von Joe Carpenter. Macht er Schlager oder Deutschpop? Er weiß es selber nicht genau.

Quelle: Carpenter

Rathenow. Joe Carpenter fährt durch den dritten Kreisverkehr, sein Kombi wippt, er spricht vom Tag, als er geweint hat. „Ich saß vorm Radio, im MDR spielten sie ihre Hörerhitparade, Xavier Naidoo war schon gelaufen, Unheilig auch. Das Motorrad holte Luft und sagte: Auf Platz zwei ,Alles andere findet sich’ von Joe Carpenter.“ Der Sänger saß zu Hause auf der Couch in Rathenow und er verlor für Augenblicke die Kontrolle. Eine Träne lief ihm über das Gesicht.

Carpenter parkt den Kombi am Hafen, wo jetzt ein Hausboot ablegt, „die darf man auch ohne Führerschein fahren, gefährlich!“. Er steuert zu aufs Restaurant, wo Rathenow die beste Currywurst zu bieten hat. Er hat Alben dabei, Flyer, Joe Carpenter ist ein Handlungsreisender in eigener Sache. Anfang des Jahres hat er in der Kreisverwaltung aufgehört, „ich habe das keine Minute bereut“. Er setzt jetzt voll auf seine Lieder, sie nähren in gut. Er pikst zwei Pommes auf die Gabel.

Joe Carpenter, 42 Jahre, heißt bürgerlich Zimmermann, ein Name, mit dem man in der Kreisverwaltung klarkommt, aber nicht als Barde auf der Bühne. Er übersetzte Zimmermann ins Englische, heraus kam Carpenter. Unter dieser Überschrift hatte er also vor zwei Jahren Xavier Naidoo und Unheilig überholt.

Freitag steht das große Heimspiel an, im Fußball ist das eine aussichtsreiche Perspektive. Im Pop, oder doch im Schlager oder im Rockschlager (Joe Carpenter erzählt, im Radio mischen sie die Begriffe ständig durcheinander, wenn sie über seine Lieder sprechen) hat so ein Heimspiel durchaus Fallhöhe. „Mensch, ich bin nervös. Ich habe Demut. Frag nicht, wie schnell mein Puls schlägt.“ Er spießt jetzt eine dritte Pommes auf die Gabel. „Endlich im Kulturzentrum Rathenow, 450 Plätze!“ Er legt die Gabel neben seinen Teller. „Es gibt Leute in der Stadt, die fragen, was ist los, wenn da nur 90 Menschen kommen?“

Der Vorverkauf läuft gut, er muss sich nicht mehr sorgen.

„Ich freue mich so sehr auf das Konzert, es löst in mir Gefühle aus, die ich kaum beschreiben kann. Auf dieser Bühne standen Größen mit Rang und Namen wie die Puhdys, Costa Cordalis, City, ich war hier als Kind im Weihnachtsmärchen zu Besuch.“ Wieder so ein Satz, bei dem er Gänsehaut bekommt. Das passiert ihm öfter. „Das Konzert ist für mich wie ein Ritterschlag... Ich bin doch einer von hier.“

Er hat sich gerade zwei Anzüge für die Bühne gekauft. Anzug gehört für ihn dazu. Es ist der Respekt vorm Publikum. Carpenter fühlt sich gut gekleidet, weltläufig und irgendwie am Ende auch geschützt im feinen Garn.

Er ist in Rathenow aufgewachsen, für die Liebe ging er nach Genthin in Sachsen-Anhalt. Für zwölf Jahre. Und kehrte zurück, als die Liebe nicht mehr hielt. Er wohnt am Rathenower Stadtrand, „200 Meter, dann beginnt der Wald.“ Mit dem Motorboot fährt er manchmal stundenlang über die Havel. Oder sitzt an deren Ufer. Denkt mal nicht an die Musik, sondern an den Gardasee, wo er neulich mit seiner Freundin war, und kommt zum Schluss: „Hier ist es auch schön.“

„Rathenower gelten als grummelig, nichts könne man ihnen recht machen ... Das sehe ich anders. Die Stadt ist nach der Wende sehr, sehr schön geworden, sie hat Verstecke am Wasser, die mit dem Fahrrad gut erreichbar sind.“ Doch es solle wieder mehr Miteinander geben, findet Carpenter, „wir kennen uns doch alle, wir sind ’ne Kleinstadt.“ Die Leute feiern nicht mehr so viel, das gebe ihm zu denken. Wenn er den Chef vom Autohaus anschreibt, ob er ein Plakat für sein Konzert aufhängen könne, bekommt er keine Antwort. „Das verstehe ich nicht. Wir sollten uns nicht durch unsere geschäftlichen Interessen auseinanderbringen lassen.“ Geld dürfe nicht zum Egoismus führen.

Die Bundesgartenschau wurde 2015 in der Havelregion ausgerichtet, auch in Rathenow. Der Hafen, wo Joe Carpenter die Pommes mittlerweile aufgegessen hat, wurde im Vorfeld erneuert. Die Kreisverkehre, „von denen wir jetzt mindestens fünf haben“, sind Früchte der großen Restaurierung. „Aber als Sänger wurde ich nicht engagiert, als waschechter Rathenower. Die Agentur hat ihre eigenen Leute mitgebracht, die achten nicht auf Heimat, für die ist alles Business.“

Wenn Joe Carpenter ein Kompliment bekommt, blüht er auf. „Ich möchte, dass mal einer zu mir kommt und ein Autogramm will.“ Er lächelt. Carpenter sang mal in einer Coverband im Vorprogramm von City – Toni Krahl, der City-Gründer, kam zu ihm und war beeindruckt: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Kleine so gut singen kann.“ Wie sich Carpenter da fühlte? „Gänsehaut!“

Info: Joe Carpenter im Kulturzentrum Rathenow, 20. Oktober, 19.30 Uhr. Tickets unter 0 33 85 / 51 90 51.

Von Lars Grote

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