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Kultur Xavier Naidoo hat eine Chance verdient
Nachrichten Kultur Xavier Naidoo hat eine Chance verdient
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08:00 20.11.2015
Xavier Naidoo singt bald für Deutschland. Quelle: dpa
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Hamburg

Darf dieser Mann für Deutschland singen?“, fragte – scheinheilig entsetzt – die „Bild“-Zeitung 1998. Es ging um Guildo Horn, um fettige Haare, äußerliche Zauseligkeit und innere Knalltütenhaftigkeit. Bis dahin war der deutsche Vorentscheid ja, wir erinnern uns, eine ziemlich spaßfreie Rüschenblusenparty. 17 Jahre später ist die Frage wieder aktuell: Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat Xavier Naidoo zum deutschen Vertreter beim Eurovision Song Contest am 14. Mai 2016 in Stockholm erkoren. Äußerlich fällt Naidoo nicht aus dem Rahmen. Innerlich jedoch ist ihm eine gewisse Zauseligkeit nicht abzusprechen. Darf dieser Mann – zweifellos einer der begabtesten Soulsänger und Songwriter des Landes – für Deutschland singen?

Naidoo schuf sich eine Art mystische Privatideologie

Es ist – nach null Punkten und dem letzten Platz in Wien für Ann Sophies „Black Smoke“ – keine Überraschung, dass der NDR den Modus umkrempelt und einen Künstler direkt nominiert, wie schon 2009 (Alex Swings Oscar Sings!) und 2011 (Lena). Es dürfte eine unmögliche Mission gewesen sein, Musiker nach dieser Pleite zu einem Wettsingen zu motivieren. Aber Naidoo? Da lief Twitter heiß: Der Mann, der einst den Soundtrack zum WM-Sommermärchen 2006 lieferte („Dieser Weg“), bis er sich (angeblich) als heroisch-messianischer Anführer einer christlichen Armee esoterischer Kämpfer zu verstehen begann? Der soll nach Stockholm? Trotz seines Kuschelkurses mit homophoben Rappern und seiner Sympathie für die kruden Theorien der „Reichsbürger“, wonach das Deutsche Reich von 1937 weiter existiert und Deutschland bloß eine GmbH ist? Man twitterte sich in Rage. Deutsches Reich – twelve points? Ist das nicht wie der Integrations-Bambi für Bu-shido? Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) erklärte gestern, Naidoos Nominierung sei „bedenklich“. Seine Songtexte seien voll von offenen Gewaltfantasien gegen Homosexuelle. Treten wir einen Schritt zurück. Es ist ein vertrautes Phänomen, dass Künstler irgendwann die Banalitäten des Chartsgeschäfts abzustreifen begehren und sich höheren Aufgaben verpflichtet fühlen – siehe Bono, Westernhagen, Campino, Chris Martin von Coldplay. Aus seinem Grundinteresse an den ganz großen Fragen schuf sich Naidoo eine Art mystische Privatideologie, während das feixende Volk ihn als Che Guevara der Falschparkeraufschreiber verlacht, als Lothar Matthäus der Weltverschwörung.

Hier erklärt NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber, warum Naidoo der richtige Mann für den ESC ist


Herr Schreiber, warum haben Sie sich für Xavier Naidoo entschieden?

Für uns war es wichtig, mit jemandem anzutreten, der über eine hervorragende Bühnenpräsenz verfügt, der ein sehr guter Sänger ist und der mit uns auf die Suche nach einem Lied geht – und bei dem das Lied nicht von vornherein feststeht, weil es die neue Single ist. Wir wussten, was wir nicht mehr wollen – Künstler, die den Vorentscheid im Wesentlichen als Promotion-Fläche genutzt haben.

Sie wussten, dass er provoziert?

Das wussten wir. Er hat sicher nicht alles richtig gemacht im Leben, aber er ist weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch. Xavier ist als Kind selber massiv diskriminiert worden und hat Schläge bekommen, weil er keine weiße Hautfarbe hat. Seit Jahren setzt er sich für die deutsch-israelische Freundschaft ein, engagiert sich für Flüchtlinge (ohne jedes Mal darüber zu reden). Er steht für Werte wie Frieden, Toleranz, Liebe.

Wie schätzen Sie seine Chancen in Stockholm ein?

Wer ihn im Konzert erlebt, weiß, dass die Sonne aufgeht, wenn Xavier singt. Er ist erfahren, hat den nötigen Hunger, um ganz vorne landen zu wollen, und er stellt sich ohne Angst vor Risiko in den Dienst der Sache. Wir hoffen natürlich auf einen Hit.

Naidoo: „Mein Image war schon immer etwas verdreht“

Der NDR müht sich um Deeskalation – und verweist auf Naidoos Engagement für Amnesty International, für Rock gegen rechts. Tatsächlich wirkt sein Wertesystem eher schizophren als rechtspopulistisch. „Mein Image war schon immer etwas verdreht“, sagt Naidoo selbst. „Man bezeichnet mich als homophob, als esoterischen Spinner und religiösen Fanatiker. All das bin ich genauso wenig wie rechtspopulistisch.“ Im Juni unterzeichnete er einen offenen Brief pro Homoehe an die Kanzlerin.

In der hitzigen Debatte gerät in den Hintergrund, dass Naidoo ein hochbegabter musikalischer Emotionalisierer ist – eine Schlüsselqualifikation für den ESC. Als Juror bei „The Voice of Germany“ und als heimlicher Held der Vox-Show „Sing meinen Song“ bewies er, dass er ein TV-Publikum zu fesseln imstande ist. „Ich trete öffentlich für Werte wie Freiheit, Toleranz und Liebe ein“, sagte er selbst gestern Abend zu der Debatte. „Ich bin froh, in einem ,bunten’ Deutschland zu leben, mit einer Vielfalt an Lebensentwürfen und Religionen, über die ich mich freue. Ich habe auch immer betont, dass ich die Auffassung der sogenannten Reichsbürger nicht teile, von denen ich mich deutlich distanziert habe.“

TV-Publikum wählt Naidoos Song für den ESC aus

Sechs Produzententeams werden bis Mitte Dezember Songs entwickeln, dann werden Studenten von Film- und Kunsthochschulen Inszenierungsideen erarbeiten. Denn die Show wird immer wichtiger. Naidoo wird am 18. Februar live in der ARD-Show „Unser Song für Xavier“ alle sechs Songs singen – anschließend entscheidet das Publikum. Eine Jury mit ESC-Siegerin Lena Meyer-Landrut hat nur beratenden Charakter.

Jahrelang rief die ESC-Gemeinde nach einem prominenten Teilnehmer, einem deutschen Superstar. Nun hat sie einen. Er hat eine Chance verdient.

Von Imre Grimm

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