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Zehn Bemerkungen zu zehn bemerkenswerten Inszenierungen

53. Theatertreffen Zehn Bemerkungen zu zehn bemerkenswerten Inszenierungen

Am Wochenende geht in Berlin das alljährliche Theatertreffen zu Ende. Das Festival präsentiert die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum und bietet eine gute Gelegenheit, dem deutschen Regietheater einmal den Puls zu fühlen.

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Mit dem Stück „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderen Melodien“ in einer Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg klingt das Theatertreffen aus.

Quelle: Matthias Horn

Berlin. Welche Trends gibt es? Was haben die eingeladenen Ensemble aus Hamburg und Zürich, Wien und Basel, München und Kassel, Karlsruhe und Berlin zu bieten? Eine Bilanz.

Eins Recht unbekannte, junge Theaterregisseure waren beim 53. Theatertreffen am Start. Die abwesenden Regie-Gurus drückten ihren Aufführungen aber einen Stempel auf. Der feine und gütige Geist des 2009 verstorbenen Jürgen Gosch stand Pate bei „Väter und Söhne“, eingerichtet von Daniela Löffner. Die beiden Ibsen-Inszenierungen waren inspiriert vom obsessiven, sozialwissenschaftlichen Schwadronieren eines René Polleschs. Die chamäleonartige Karin Beier richtete ihr „Schiff der Träume“ zunächst ganz unverhohlen an der Ästhetik von Christoph Marthaler aus. Die Epigonen boten leider nur einen milden Abglanz und blieben hinter ihren Vorbildern zurück. Nur Herbert Fritsch, der erzfröhliche Theater-Erneuerer, lieferte mit „der die mann“ ein unübertreffliches Original ab. Seine Detail- und Experimentierfreude setzt immer wieder neue Maßstäbe.

Zwei Die Schauspiel-Profis überließen 2016 keinem Laien die Bühne. Sorgfältig gecastete „Experten des Alltags“ wurden in letzter Zeit oft ins Rampenlicht gerückt und für ihre Authentizität gefeiert. Der Trend erfuhr aber durch zwei Fakes eine Fortsetzung. Im „Schiff der Träume“ und in „The Situation“ kamen Schauspieler zum Einsatz, die nach Deutschland geflüchtet sind. Ihr Deutsch als Fremdsprache bereichert das deutsche Theater ungemein. In „Mittelreich“ ließ Regisseurin Anna-Sophie Mahler einen Darsteller einen deutschen Text mit dem Idiom eines englischen Muttersprachlers aufsagen.

Drei Gerade in den gesellschaftspolitisch engagierten Inszenierungen wurde entschieden zu viel geredet. „The Situation“ (über Palästinenser und Israelis im deutschen Exil) und „Stolpersteine“ (über die Machtergreifung der Nazis am Staatstheater Karlsruhe) boten ein unentwegtes Sperrfeuer aus schnell und oft auch scharf gesprochenen Worten und Sätzen, Bekenntnissen und Argumenten. So unpoetisch und belehrend kann Aufklärung sein. Der Autor Dietmar Dath und der Regisseur Stefan Pucher wollten mit ihrer Version von Ibsens „Volksfeind“ zum Ausdruck bringen, dass im scheindemokratischen Dauergeschwätz die Wahrheit zugetextet wird.

Vier In einem Stück wurde gar nichts gesagt. Ersan Mondtags „Tyrannis“ erwies sich aber als angestrengtes und langweiliges Monstrum. Die Schauspieler agieren als stumme und obendrein blinde Dämonen, die aber nicht wirklich etwas zu erzählen haben.

Fünf Bühnenbildner hatten recht wenig zu tun. Aber in „Tyrannis“ und auch in „der die mann“ durften die Kostüm- und Maskenbildner ihr äußerliches Verwandlungsspiel auf die Spitze treiben. Während sich bei Ersan Mondtag der Gruselfaktor schnell abnutzte und die Darsteller hinter einer Einheitsfassade verschwanden, ließ Herbert Fritsch durch Victoria Behr effektvolle Gruppen-Outfits entwerfen, ohne den Schauspielern ihren individuellen Gestaltungsraum zu nehmen.

Sechs Musik ist zum Lebenselixier des Sprechtheaters geworden. Für den „Volksfeind“ wurde die amerikanische Alleinunterhalterin Becky Lee Walters engagiert, die mit Sounds zwischen Retro und Elektro Stimmungen erzeugt. Im „Schiff der Träume“ werden professionelle Instrumentalisten ins Bühnengeschehen einbezogen und es wird unnötigerweise auch noch Musik aus dem Off eingespielt. In „der die mann“ rahmen vier Keyborder und Schlagzeuger die Bühne. Barbara Bürk und der Marthaler-Schauspieler Clemens Sienknecht wählen für das Schauspiel „Effi Briest“ das Format einer Radioshow der 1970er Jahre. Anna-Sophie Mahler erklärt „Mittelreich“ sogar zum „Musiktheater“ und bietet neben vier Musikern einen zwanzigköpfigen Chor auf. Wie in der Oper wirbelt vorn in der Mitte eine Dirigentin. Schauspielergesang, auch mehrstimmig, lockert viele Aufführungen auf und sorgt für zusätzliches Kolorit. Selbst die vier Schauspieler in „Stolpersteine“ stimmen einige Schnulzen aus den Hitler-Jahren an, um den Staub von den Akten zu blasen.

Sieben Das zeitgenössische Theater sucht ausschweifend nach neuen Formen. Elemente aus Artistik und Kabarett, aus Sport und Popkultur werden einbezogen. Gebrüll ist out. In „John Gabriel Borkmann“ unter Regisseur Simon Stone wird ein ehrwürdiges Drama auf Klamauk gebürstet. Ohne die großen Schauspieler Martin Wuttke, Birgit Minichmayr und Caroline Peters wäre die Boulevard-Version peinlich geworden. Durch tänzerische Bewegungen und Verrenkungen werden viele Texte unterwandert. Herbert Fritsch und das Regieduo Birk/Sienknecht setzen dieses Stilmittel besonders plakativ und effektiv ein.

Acht Das zeitgenössische Regietheater mag keine Theatertexte. Alle Vorlagen wurden selbst erarbeitet, die Bühnenadaptionen aus Filmen (Frederico Fellini) oder Romanen (Iwan Turgeniew, Josef Bierbichler, Theodor Fontane) hergestellt oder – wie im Falle der beiden Ibsen-Stücke – schrille und aktualisierende Überschreibungen vorgenommen. Woraus zu schließen ist: Das Theater versteht sich heute kaum noch als Leitmedium, sondern eher als Glied einer Verwertungskette.

Neun An die Unterstützung der Schauspielkunst durch Videos hat sich er Zuschauer schon gewöhnt. Bei Karin Beier ist das Geflimmer und Geflacker nur wichtigtuerische Dekoration, bei Andreas Mondtag sind drei große Bildschirme Teil des Bühnenbilds und geben Einblick in andere Räumen eines Hauses. Was dort geschieht, ist aber relativ unwichtig. Stefan Pucher, ein Altmeister der Verschmelzung von Licht- und Bühnenbild, setzt Live-Kameras ein. Sein „Volksfeind“ gipfelt in einer Direktschaltung zwischen Bühne und Theaterfoyer. Ein Teil des Publikums wird aus dem Parkett nach draußen gelockt. Auch die „Borkmann“-Aufführung möchte signalisieren: Das Theater ist im Internet-Zeitalter angekommen.

Zehn Alles in allem aber ein schwacher Jahrgang, kein starker.

Von Karim Saab

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