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Zu Gast bei der Lotte Lehmann Akademie

Talentschmiede in Perleberg Zu Gast bei der Lotte Lehmann Akademie

Einmal im Jahr wird Perleberg zum Anziehungspunkt für Opernsängerinnen und -sänger aus der ganzen Welt. Dann haben Gesangstalente die Möglichkeit, sich in zahlreichen Workshops mit erfahrenen Dozenten weiterzubilden und den Weg für eine Opernkarriere in Deutschland zu ebnen. Die MAZ hat Teilnehmern und Lehrern einen Tag lang über die Schulter geschaut.

Perleberg. Als Taxia Kanati los legt, ihre Arie zu schmettern, zuckt selbst Regisseurin Saskia Kuhlmann kurz auf ihrem Stuhl zusammen. Die kräftige Stimme der Griechin mit den feuerroten Locken erfüllt die Aula des Gottfried-Arnold-Gymnasiums in Perleberg (Prignitz), unwillkürlich meldet sich eine Gänsehaut. Mit festem Schritt schreitet Kanati in azurblauer Uniformjacke über die Bühne und auf ihren Partner Jorge Becerra zu. Der Chilene steht, die Arme schüchtern vor dem Körper zusammengeklammert, am Rand – so verlangt es wohl seine Rolle.

Die beiden Sänger proben für das Gran Finale der Lotte Lehmann Akademie – eine dreiwöchige Sommerakademie für Opernsängerinnen und -sänger aus der ganzen Welt. Ganz zufrieden mit der Leistung ihrer Schützlinge ist Regisseurin Kuhlmann nach diesem Durchgang noch nicht. Sie geht nach vorne und zeigt Taxia Kanati, wie sie die Offiziersmütze von Becerra in die Ecke schleudern soll. Während sich Kanati nach der Probe auf den Weg zum nächsten Kurs macht, wartet Becerra auf seine nächste Gesangspartnerin. Bis sie da ist und sich umgezogen hat, geht er mit dem Pianisten Scott Curry seinen Gesangspart durch – Notenzeile für Notenzeile.

Disziplin ist eine unverzichtbare Eigenschaft für alle, die sich für die Lotte Lehman Akademie entscheiden. Der Stundenplan ist genau durchgetaktet, von morgens bis abends heißt es: üben, üben, üben. Nicht nur für die anstehenden Konzerte, sondern auch für die Talentscouts, die regelmäßig in Perleberg vorbeischauen und immer auf der Suche nach besonderen Stimmen und einzigartigen Charakteren sind.

„Wer es hier geschafft hat, der schafft es überall“

Die Lotte Lehmann Akademie findet zum siebten Mal statt, sie dauerte vom 1. bis 23. August. Die Namensgeberin der Akademie – Charlotte Lehmann – wurde 1888 in der heute mit rund 12 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landkreises geboren. Sie war Opernsängerin, Schriftstellerin und Dichterin, lebte bis zu ihrem Tod 1976 in Kalifornien. Sie war 1933 nicht der Aufforderung des nationalsozialistischen Politikers Herrmann Göring gefolgt, sich in den NS-Kunstbetrieb einzureihen. Fortan waren ihr Auftritte in Deutschland unmöglich, sie emigrierte schließlich in die Vereinigten Staaten.

Die Akademie sei das einzige Opern-Bootcamp in Deutschland, sagt Gesangsdozent Klaus Sallmann und lacht. Er spielt damit auf die amerikanischen Trainingslager an, in denen straffällig gewordenen Jugendlichen gehorsam beigebracht wird. „Wer es hier geschafft hat, der schafft es überall.“ Der 46-Jährige Sänger und Pianist arbeitet als Assistent des Dirigenten Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper. Über seinen Job als Gesangstrainer sagt er: „Wir sind die, die die Sänger quälen, bevor sie auf die Bühne gehen.“

Und auf die Bühne müssen die Teilnehmer regelmäßig: Zum Programm der Lotte Lehmann Akademie gehören mehrmals in der Woche Auftritte in und um Perleberg. Am Ende gibt’s dann die festliche Abschlussgala, die in diesem Jahr unter dem Motto „Weiber? Männer!“ steht und am heutigen Freitag im Kaisersaal des Hotels Deutscher Kaiser in Perleberg stattfindet.

Deutschland als Sehnsuchtsland der Oper

Regie beim Gran Finale führt auch in diesem Jahr wieder Saskia Kuhlmann, sie ist bereits zum dritten Mal bei der Lotte Lehmann Akademie dabei. „Die größte Herausforderung ist, dass es hier keine Infrastruktur wie in einem Theater gibt. Kostüme und Requisiten müssen wir jedes Jahr neu besorgen.“ Mittlerweile habe sie aber mit Hilfe der Oper Berlin einen kleinen Fundus angelegt, sagt Kuhlmann. Sie glaubt, dass die jungen Talente gerne nach Perleberg kommen, weil sie die Akademie als Chance begreifen. Deutschland sei „das Sehnsuchtsland der Oper, in dem man noch auf eine Festanstellung hoffen kann“, sagt Kuhlmann.

Auf eine Karriere in einem deutschen Opernhaus hofft auch Taxia Kanati. Die Griechin ist zum ersten Mal in Perleberg. Sie studiert im Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt Oper in Stuttgart, lebt seit zwei Jahren in der Baden-Württembergischen Hauptstadt. Sie schätzt an der Lotte Lehmann Akademie, dass die Dozenten so viel Erfahrung mitbringen, die Workshops machen ihr durchweg Spaß, sagt die 29-Jährige. „Ich will alles aufnehmen, was mir hier beigebracht wird. Aussortieren, was für mich persönlich am wichtigsten war, kann ich auch danach noch“, sagt sie und lacht.

Der künstlerische Leiter der Akademie, Angelo Raciti, erwartet von seinen Bewerbern, dass sie hochmotiviert sind und außerdem die Bereitschaft mitbringen, an ihre Grenzen zu gehen. Sein Wunsch ist es, die Akademie das ganze Jahr über mit Leben zu füllen. „Das ist allerdings ein großer Schritt und sollte nicht unterschätzt werden.“

Originalflügel von Lotte Lehmann wieder in Perleberg

Gesangsübungen und das szenische Spiel auf der Bühne stehen klar im Mittelpunkt der Kurse. Aber auch grundlegendes Bewegungstraining ist wichtig. Die Frau, die sich damit auskennt, heißt Anisa Kureishi. Die 20-jährige Kanadierin unterrichtet die Teilnehmer der Sommerakademie in Tai Chi und Qi Gong, beides chinesische Kampfsportarten. Bereits um acht Uhr morgens müssen alle Teilnehmer geschlossen zum Training antreten, im Laufe des Tages gibt Kureishi dann Einzelstunden. „Bewegung fördert die Glaubwürdigkeit der Sänger und spart außerdem 20 bis 30 Minuten Zeit beim Einsingen“, weiß die kleine Frau mit den kurzen braunen Haaren.

Rund 30 Jahre nach ihrem Tod kam auch ein Teil von Lotte Lehmann wieder zurück in die Prignitz. „Dieser Flügel hier hat Lehmann persönlich gehört“, sagt Angelo Raciti stolz. Er ist der künstlerische Leiter der Akademie. „Die Akademie in Santa Barbara, wo Lotte Lehmann zuletzt gearbeitet hat, wollte ihn nicht und so hat der Nachlassverwalter sich bei uns gemeldet.“ Seit 2006 schmückt das Instrument einen der Übungsräume am Großen Markt.

Jährlich mehr Bewerber als freie Plätze

Lotte Lehmann war in Amerika als Regisseurin tätig, auf dem sogenannten „Walk of Fame“, wo zahlreiche Künstler mit einem in den Gehweg eingelassenen Stern verewigt sind, hat auch sie ein Denkmal bekommen. Dort heißt sie allerdings „Lottie“.

Bis zu 45 Bewerbungen gehen jedes Jahr für die Teilnahme an der Lotte Lehmann Akademie ein, 15 bis 20 Plätze sind allerdings nur zu vergeben. „Vielleicht hätten wir mehr Bewerber, wenn unser Anspruch nicht so hoch wäre“, sagt Angelo Raciti. Neben einem Fragebogen müssen die Bewerber außerdem ein ausführliches Motivationsschreiben abliefern.

Bei der Auswahl der Dozenten ist es Raciti wichtig, dass diese eine lange und nachhaltige Karriere vorweisen können. „Nur so haben sie den Teilnehmern etwas zu sagen und können Vorbild sein“, sagt der künstlerische Leiter.

Der Sitz der Lotte Lehmann Akademie befindet sich seit 2012 am Großen Markt. Nicht alle Räume werden aber von der Akademie selbst genutzt. Neben dem Fachbereich Kultur zog auch die Stadtverwaltung mit ein, außerdem nutzt ein Mehrgenerationenhaus mehrere Räume im Obergeschoss.

2 300 Euro kostet die Teilnahme an der Akademie. Diese Gebühr deckt die Kosten für die Workshops, dazu kommen Kosten für Unterkunft und Verpflegung, die von den Teilnehmern selbst zu tragen sind.

Info: Das Programm der Abschlussgala wird noch mal beim Garzer Kultursommer (Ostprignitz-Ruppin) am Sonntag, 23. August, aufgeführt. Kartenreservierungen sind unter 03876/78 14 01 möglich. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

Von Josephine Mühln

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