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Zukunft ungewiss: Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf

Kulturpolitik Zukunft ungewiss: Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf

Welcher Künstler träumt nicht davon – Einmal dem Alltag enthoben sich ganz dem Schreiben, Malen oder Komponieren widmen! Das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf erfüllt seit Jahrzehnten seinen Stipendiaten diesen Traum.Die Zukunft des Hauses schien gesichert. Aber die Rechnung wurde ohne die Niedrigzinspolitik gemacht.

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Blick auf das ehemalige Gutshaus derer von Arnim, das jetzige Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf.

Quelle: Foto: Martina Burghardt

Wiepersdorf. Trotz der Frühlingssonne haben sich etwa 60 Literaturinteressierte im Gartensaal eingefunden. „Ich lese Ihnen jetzt ein Kapitel vor, das hier in Wiepersdorf entstanden ist“, sagt Markus Ostermair am Sonntagnachmittag. Auch Malte Borsdorf liest aus einem Manuskript, an dem er noch hart arbeitet. Anschließend gibt es eine Fragerunde.

„Mir ist die Zeit in Wiepersdorf sehr zuträglich“, bekennt der bärtige Ostermair aus München. „Ich konnte hier alle Sorgen vergessen und tief in meine Arbeit eintauchen.“ Eine Fachjury hielt seine Prosa für so viel versprechend, dass er für ein viermonatiges Stipendium ausgewählt wurde.

Drei Stipendiaten geben Einblick

Markus Ostermair arbeitet an einem Episodenroman, der im Obdachlosenmilieu spielt. Seine Hauptfigur ist nach einem Verkehrsunfall zum Säufer geworden. Über Karl lernt der Leser auch andere Figuren kennen, etwa den buckligen Ferdinand, der im Obdachlosenasyl einen Tisch vor sich braucht, um nicht nach vorn zu kippen.

Martin Ahrends , selbst ein bekannter Autor und derzeit Wieperdorf-Stipendiat, moderierte am Sonntag die Doppellesung mit Markus Ostermair und Malte Borsdorf. „Im Stil formuliert der Autor seine Art, die Welt anzuschauen“, meinte er und befragte seine Kollegen, ob es ihnen gelingt, den Freiraum Wiepersdorf effektiv zu nutzen.

Malte Borsdorf hat seinen Roman fast abgeschlossen, er hat einen Agenten beauftragt, einen Verlag zu finden. Das Buch spielt 1962, im Jahr der Hamburger Sturmflut, und handelt von Hafenarbeitern, die eigentlich Tagelöhner sind. Es möchte „über eine Armut erzählen, die auch die Kompetenz mit sich bringt, das Leben zu meistern“.

Seit Jahrzehnten ist es für Autoren ein Privileg, im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf arbeiten zu dürfen. Nicht alle Stipendiaten waren später so erfolgreich, wie die aktuelle Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch, die zwei Mal in Wiepersdorf weilte. Aber das 1946 begründete Künstlerrefugium in dem romantischen Landschloss im Kreis Teltow-Fläming kann mit einer Reihe großer Namen aufwarten: Anna Seghers und Christa Wolf, Sarah Kirsch und Maxi Wander, Irmtraud Morgner und Kathrin Schmidt, um einmal nur Frauen zu nennen. Auch Komponisten und Bildende Künstler schätzen das Arbeiten in der Abgeschiedenheit.

In Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Künstlerhäusern, doch Wiepersdorf ist besonders begehrt. Denn hier gibt es nicht nur ein Dach überm Kopf, sondern auch drei stilvolle Mahlzeiten am Tag. Die Künstler könnten sich auch gar nicht selbst versorgen, denn in dem abgelegenen Fläming-Dorf gibt es keinerlei Einkaufsmöglichkeit.

2005 übertrug das Land Brandenburg die Schlossimmobilie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die Haus und Park seitdem unterhält und den laufenden Betrieb führt. Eine kulturelle und gemeinnützige Nutzung wurde bis 2018 festgeschrieben. Für diesen Zeit-raum trat das Land der Stiftung auch den Ertrag aus einem Kapitalstock von 7,5 Millionen Euro ab. Das Kulturministerium in Potsdam wollte so die Zukunft des Künstlerhauses sichern. Der Vertrag läuft nun aber aus. Und da die Geldanlagen heute kaum noch etwas abwerfen, spitzt sich hinter den Kulissen ein bedrohlicher Streit zu. Das Land Brandenburg und die Stiftung Denkmalschutz konnten sich bisher nicht darüber einigen, ob und wie das Schloss als Künstlerresidenz erhalten bleiben kann. Im Kern geht es darum, wer ab 2019 jährlich etwa 250 000 Euro für die Bewirtschaftung aufbringt.

Die Stiftung agiert bisher sehr unflexibel. Sie hat für das Schloss keine spezielle Trägerschaft entwickelt, die es ermöglichen würde, durch Vermietungen oder Gastronomie zusätzlich Eigeneinnahmen zu erzielen. Die Nachfrage danach gibt es. In der Orangerie gibt es für Besucher und Touristen nicht einmal mehr Kaffee und Kuchen.

Dank einer Initiative des Freundeskreises Schloss Wiepersdorf wird das Künstlerhaus aktuell vom Auswärtigen Amt und vom Goethe-Institut als geeignete Adresse gehandelt, wenn künftig mehr ausländischen Stipendiaten ein Aufenthalt in Deutschland finanziert wird. Vielleicht ein rettender Strohhalm?

Noch sitzen die Beteiligten nicht an einen Tisch. Noch hat auch das Land Brandenburg nicht geprüft, ob ein Kapitalstock, der keinen Nutzen bringt, abgeschmolzen werden darf. Noch liegt das Ziel, einen Traditionsort zu sichern, der weit über Brandenburg hinaus bekannt ist, in unbestimmter Ferne.

Von Karim Saab

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