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Kultur Zukunftsmusik mit Dorothee Oberlinger
Nachrichten Kultur Zukunftsmusik mit Dorothee Oberlinger
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18:08 11.06.2018
Dorothee Oberlinger zieht in diesem Jahr von Köln nach Potsdam. Quelle: promo
Potsdam

In der oberen Lage klingt die Blockflöte bei Anfängern schrill und fiepend, in der unteren Lage brav und dünn. Für Tollpatsche und zur Geduld verdammte Zuhörer ist sie sicher sogar ein Folterinstrument. Schon Kindergartenkinder sollen mit dem billigen Blasrohr ans Musizieren herangeführt werden. Gar nicht so einfach, Atem und Finger zu koordinieren.

Einen Abstecher in betörende und beglückende harmonische Sphären erlebten am Sonntagabend in der Potsdamer Friedenskirche Sanssouci die Besucher des Blockflötenkonzertes „Europäer am Preußenhof“. Vom ersten Moment an demonstrierte Dorothee Oberlinger, was aus dem archaischen Instrumenten an emotionalem Feuer und an Sanftmut herauszuholen ist. Die Flöte – das ist für sie „eine Verlängerung des Ichs“. Mit ihrem zwölfköpfigen Ensemble 1700 im Rücken und in wechselnden Duetten mit Fagott, Geige oder Laute erfüllte sie mit temperierten und ungestümen Flötentönen jeden Winkel der Kirche mit göttlichem Atem.

Es war ein besonderer Auftritt. Nachdem Dorothee Oberlinger bereits zwei Mal, 2003 und 2014, bei den Musikfestspielen in Potsdam gastiert hatte, wurde die „ungekrönte Königin der Blockflöte“ im Januar 2017 zur künftigen Intendantin der Musikfestspiele bestimmt. Sie wird damit die Musikwissenschaftlerin Andrea Palent ablösen, die diese Aufgabe über 28 Jahre inne hatte. Oberlingers Berufung war eine Überraschung, nachdem der belgische Dramaturg Jelle Dierickx mit viel Sinn für extravagante Inszenierungen über Jahre das Festivalprogramm mitgestaltet hatte und schon als Kronprinz galt.

Vielseitig unterwegs

2002 gründete Dorothee Oberlinger das Ensemble 1700. Mit ihm nahm sie mehrere CDs auf, zum Beispiel „Telemann“ (2009), „French Baroque – Versailles 1700–1740“ (2010), „The Passion of Musick“ (2014) .

Celtic Baroque hieß ein weiteres, kleineres Format, mit dem Dorothee Oberlinger am Samstag in der Ovidgalerie in Potsdam auftrat. Hier stimmte sie auf insgesamt acht Flöten mit vier Musikern irische Volksmusik an.

Mit Yello, einem Schweizer Pop-Duo, nahm sie die CD „Touch“ auf. In ihrer Freizeit hört sie auch gerne Patti Smith oder Kraftwerk.

Von 2009 bis 2018 leitete sie die Arolser Barockfestspiele.

Die 48-jährige Oberlinger wird weiterhin CDs aufnehmen und Konzerte in aller Welt geben. Aber ihren Lebensmittelpunkt will die Pfarrerstochter aus Aachen noch 2018 von Köln nach Potsdam verlegen. Auch die Professur am Salzburger Mozarteum ist der Mutter eines fünfjährigen Sohnes nicht so wichtig wie die Potsdamer Musikfestspiele. Dass die künstlerische Leiterin während des Festivals selbst zur Flöte greift, dürfte zu einem Markenzeichen der Veranstaltung werden. Immerhin gab es in Potsdam mit dem Alten Fritz einen König, der nach Kabinettssitzungen Konzerte gegeben hat. Und die originalen Spielorte sind noch erhalten.

Die große, schlanke Frau mit dunklen, langen Haaren kennt sich aus im preußischen Musikleben und gilt als vielseitig. Am Sonntag legte sie sogar die Flöte beiseite und sang (fein intoniert, aber mit wenig Volumen). Künftig möchte sie außerdem auch dirigieren. Als studierte Germanistin und Musiklehrerin schreibt sie ihre Texte selbst und man hört ihr auch gern zu, wenn sie frei ins Mikrofon spricht.

Mit 24 Jahren, also recht spät, entschied sich Dorothee Oberlinger für eine künstlerische Laufbahn. Zur Alten Musik fand sie dann als 30-Jährige. Sie wurde wiederholt „Teufelsflötistin“ genannt, weil sie schnelle Läufe in halsbrecherischer Geschwindigkeit zu nehmen versteht. In einem Quantz-Menuett springt sie dabei zwischen zwei Oktaven hin und her und verknüpft so ihre Virtuosität noch mit dem Effekt der Zweistimmigkeit.

Manchmal gibt sie auch den verträumten Engel, etwa wenn sie in einem Duett von Händel auf ein im Untergrund hastendes Fagott lange, zerbrechliche Haltetöne legt. Ihre Tongestaltung, ob legato oder staccato, ist atemberaubend. Stärke und Zerbrechlichkeit, Übermut und Zögern werden bei ihr in jedem Detail hörbar. Dabei gelten Blockflöten-Töne eigentlich als „fertig“, weil sie ja schon durch bloßes Reinpusten entstehen.

Dorothee Oberlinger akzentuiert kristallklar. Sie scheut sich nicht, Konturen und Bögen deutlich zu überzeichnen und lässt auch mal einzelne Töne kontrastvoll aufjaulen. Jede Note, jeder Lauf dient der Beschwörung. Wer sie live erlebt, wird ihre Behauptung, dass Konzerte für sie nicht Stress bedeuten, sondern Erholung und Entspannung, nicht länger anzweifeln. Im Zusammenspiel mit ihren Musikern agiert sie überwach. Anfeuernde Blickkontakte verstärken die Präzision und die Dynamik, gerade vor einem pointierten Finale.

Dorothee Oberlinger ist nicht allein auf das barocke Klangideal fokussiert. Mit einer gewagten Uraufführung, die das Publikum in der Friedenskirche mit starkem Beifall quittierte, demonstrierte sie ihre Offenheit auch für die Neue Musik. Eine maßgeschneiderte Komposition des angereisten 57-jährigen Italieners Simone Fontanelli setzte auf starke Theatralik, viele Triller und autobiografische Texte von Casanova, die von Oberlinger und Dmitry Sinkowvsky gesprochen und artifiziell gesungen wurden. In dem russischen Geiger und Countertenor fand die Flötistin einen exzentrischen Partner, der wie sie sichtlich Freude daran hat, auf der Bühne Leidenschaft und Vielseitigkeit auszuleben. Gegen die beiden nahm sich Schauspieler Matthias Brandt, der zur Zäsur historische Berichte über das höfische Musikleben las, wie ein kühler Gegenpol aus.

Unter Dorothee Oberlinger dürften die Musikfestspiele ab 2019 emotional neu an Fahrt aufnehmen.

Von Karim Saab

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