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Zum Tode von Hermann Kant

Nachruf Zum Tode von Hermann Kant

Der Spagat zwischen Geist und Macht in der DDR wurde ihm zum Verhängnis. So sah es Hermann Kant selber, als er nach dem Zusammenbruch des Staates sein Wirken als Schriftsteller und Funktionär bilanzierte. Am 13. August starb der letzte Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes in einem Pflegeheim in Neustrelitz. Was bleibt? Seine Bücher? Seine Polemiken?

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Hermann Kant über die DDR: „Ich fand dieses Regime in Ordnung, mit all seinen Lücken und Fehlern.“

Potsdam. An der Spitze des DDR-Schriftstellerverbandes hat sich Hermann Kant unter Kollegen viele Feinde gemacht. Als der Lyriker Reiner Kunze 1976 in den Westen ausreiste, kommentierte das Kant mit den Worten „Kommt Zeit, vergeht Unrat“. Joachim Seyppel kanzelte er als „gescheiterte Existenz“ ab. Und der integere Franz Fühmann verfügte nach vielen Auseinandersetzungen 1984 sogar testamentarisch, dass Hermann Kant nicht an seiner Beerdigung teilnehmen soll.

Viele Leser in der DDR mochten indes Hermann Kants Prosa, weil in ihr ein witziger, satirischer Ton gegen den herrschenden Todernst ins Feld geführt wurde. Aber als Scharfzüngler, der mit dem SED-Politbüro gemeinsame Sache machte, betrieb Kant mit seiner elaborierten Sprache die Verhöhnung und Erniedrigung Andersdenkender. Seine klassenkämpferischen Reden waren eine merkwürdige Melange aus weihevollen Beteuerungen, sophistischem Humor und infamen Dreckspritzern.

Es gab aber auch den anderen Kant, den Autor, der einen ausgeprägten Sinn für die Anekdoten des Alltags hatte und der diplomatisch hinter den Kulissen agierte. Er selbst hielt sich zugute, in seinen Jahren als Verbandspräsident die Veröffentlichung von Erwin Strittmatters „Der Wundertäter III“ durchgesetzt zu haben und auch Bücher wie Werner Heiduczeks „Tod am Meer“, Chrisoph Heins „Horns Ende“ und Erich Loests „Es geht seinen Gang“. Nicht zuletzt betrieb Kant auch die Begnadigung des „Schund-und-Schmutz-Autoren“ Karl May in der DDR. Der Germanist Wolfgang Emmerich versuchte eine Abwägung: „Selbst wenn das so ist, bleibt auf Kants Konto ein viel zu großer Gegenposten der Beihilfe zu Zensur und Schikanierung.“

Einflussreich bis 1989

Von 1978 bis 1989 war Hermann Kant Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR. Ab 1981 hatte er auch einen Sitz in der DDR-Volkskammer inne und ab 1986 dem ZK der SED angehört.

Nach der Wende wehrte er sich zunächst gegen Vorwürfe, er habe als IM „Martin“ mit der Stasi zusammengearbeitet. Später räumte er dies ein.

Zuletzt war Kant gesundheitlich angeschlagen und ein wenig verbittert, dass sich niemand mehr für ihn interessiert. Seine Biografin Linde Salber soll in den letzten Stunden bei ihm gewesen sein.

Günter Grass zu Kant: „Ich habe Sie immer für einen begabten Autor gehalten und wenn Sie pauschal angegriffen werden, werde ich Sie immer als den Autor von Büchern wie „Der Aufenthalt“ verteidigen. Aber ich werfe Ihnen Ihr Verhalten als Verbandspräsident vor, Sie sind an der Maßregelung von Schriftstellern beteiligt gewesen.“

Marcel Reich-Ranicki meinte über Kant: „Vielleicht ist er ein Halunke, aber schreiben kann er.“

Hermann Kant wurde 1926 in Hamburg in ärmlichen Verhältnissen geboren. Seine Familie flüchtete 1940 vor den Bombenangriffen ins mecklenburgische Parchim. Im Dezember 1944 wurde er nach einer abgeschlossenen Elektrikerlehre noch als Wehrmachtssoldat eingezogen. In den Jahren der polnischen Kriegsgefangenschaft entwickelte sich Kant zu einem glühenden Kommunisten. Nach seiner Rückkehr 1949 trat er in die SED ein und rechnete es dem jungen Staat DDR hoch an, dass er, obwohl nicht von bürgerlicher Herkunft, die Arbeiter- und-Bauern-Fakultät (ABF) absolvieren durfte. Anschließend studierte er von 1952 bis 1956 Germanistik an der Humboldt-Universität Berlin.

Das ideologische Bollwerk DDR, das er bis 1990 mitprägte, überlebte Hermann Kant mehr als ein Vierteljahrhundert. Nach der Wende zog er sich nicht in die alten Schützengräben zurück, sondern ließ auch nachdenkliche Töne von sich hören. Als „Großinquisitor” sei er vor allem nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 aufgetreten, die einen beispiellosen Exodus von Künstlern aus der DDR zur Folge hatte, für Kant rückblickend „ein fast tödlicher Vorgang”. Auch seinen Spagat zwischen Geist und Macht, Literatur und Politik bezeichnete er als „Illusion – man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, oder man zahlt selber drauf dabei”.

Für den Erzähler und Fabulierer Hermann Kant war es also eine fatale Entscheidung, 1978 Anna Seghers ins Amt des Verbandspräsidenten zu folgen. Kants bestes Buch, vielleicht auch sein untypischstes, war ein Jahr zuvor erschienen. In „Der Aufenthalt” schlug er einmal nicht seinen neunmalgescheiten, gedrechselten, gestelzt-witzigen Ton an, hier ging er in einer Ehekrise seiner exemplarischen Biografie auf den Grund. Denn als 18-Jähriger hatte Hermann Kant an der Ostfront und im Warschauer Ghetto gekämpft. 30 Jahre später legte er darüber Rechenschaft ab und reflektierte seine Verstrickung in diesen Vernichtungsfeldzug.

„Die Aula” hingegen, den Debütroman, mit dem er 1965 berühmt wurde und den manche Leser heute immer noch zu den Klassikern der Nachkriegsliteratur zählen, war ein äußerst problematischer Befreiungsschlag. Er redete eine verhärtete Ideologie schön, die auch mit noch so viel Esprit und kritischen Spitzen nicht weich zu spülen war. Wer in der DDR seinen Aufstieg suchte, konnte sich mit Kants spöttelnder Prosa über die dumpfen Verhältnisse hinwegtrösten. Heute lassen sich aus der „Aula” die Hoffnungen herauslesen, die der propagierte Aufbau des Sozialismus wecken sollte.

Zwischen „Aula” und „Aufenthalt” hatte Hermann Kant „Das Impressum” geschrieben. Das Buch brauchte einige Monate, bis es 1972 die Zensur passierte. Selbst DDR-Kritiker beanstandeten schließlich, dass er die gesellschaftlichen Konflikte in der DDR verharmlose. „Ermüdend und enervierend”, in der „Technik der Sklavensprache” geschrieben, meinte auch der 1963 von Leipzig nach Westdeutschland ausgewanderte marxistische Germanist Hans Mayer.

Als Verbandsfunktionär und Kulturpolitiker reihte Hermann Kant seinen Charakterkopf in die gesichtslose Funktionärsriege der SED ein. Im Zuge der Biermann-Affäre betrieb er das Ausschlussverfahren gegen Kollegen wie Stefan Heym. Nach der Wende rechtfertigte er seine Position damit, dass der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Konrad Naumann, gedroht habe, anderenfalls den Berliner Bezirksverband aufzulösen. Delikat an dieser Konstellation war, dass es auch dieser Mann war, der Kant die zweite Ehefrau, die Schauspielerin Vera Oelschlegel, ausgespannt hatte. Mit ihr war er von 1971 bis 1976 verheiratet.

In den 1990er Jahren zog sich Hermann Kant aus Berlin zurück und lebte nach dem Scheitern einer weiteren Ehe einsam und zurückgezogen in Prälank bei Neustrelitz. Kurz nach der Wende hatte er sich noch einmal aufgebäumt und Unterlassungsklagen gegen jene durchgesetzt, die sagten, er sei unter dem Decknamen „Martin” für die Staatssicherheit tätig gewesen. Seine 1991 erschienene Autobiografie „Abspann” brachte ihm heftige Kritik ein. Sie wurde als „selbstverfasster Persilschein” bezeichnet.

2005 meldete sich Hermann Kant mit „Kino”, einem fein komponierten Roman voller Zeitkolorit, Eleganz und Satire zurück. Der Machtverlust ist dem Schriftsteller also gut bekommen. Dieses Buch erschien wie auch „Escape“ (1995), Okarina (2002) und „Lebenslauf. Zweiter Absatz“ (20011) noch im Aufbau-Verlag. Seine letzte Erzählung „Ein strenges Spiel“, brachte der Kleinverlag „Kulturmaschine“ heraus.

Kant starb am 13. August, auf den Tag genau 55 Jahre nach dem Bau er Mauer, mit 90er Jahren in einem Heim für betreutes Wohnen in Neustrelitz. Sein Nachlass vermachte er nicht der Berliner Akademie der Künste, sondern dem in Baden Württemberg ansässigen Literaturarchiv Marbach.

Von Karim Saab

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