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Zum letzten Mal: Castorfs Baal

Theatertreffen beendet – eine Bilanz Zum letzten Mal: Castorfs Baal

Beim 52. Berliner Theatertreffen wurde der von Frank Castorf zuvor in München inszenierte Baal zum letzten Mal aufgeführt: Die Brecht-Erben waren gerichtlich eingeschritten. Sie sehen in der Arbeit mit Fremdtexten einen Verstoß gegen das Urheberrecht. Diese Inszenierung wurde daher zum Symbol für den Streit ums Regietheater.

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Baal, gespielt von Arel Manthei, kämpft in Indochina.

Quelle: Thomas Aurin

Berlin. Vor dem Haus der Berliner Festspiele werden Unterschriften für die Volksbühne gesammelt. Seit bekannt ist, dass der Hausherr Frank Castorf 2017 gehen muss, fürchtet die links-intellektuelle Szene der Hauptstadt um ihr Theater. Vor dem Hintergrund dieser Debatte erscheint Baal, dieser anarchische Genius, auch als Alter Ego Castorfs, der Brechts Frühwerk am Münchner Residenztheater inszenierte und damit am Sonntagabend das 52. Berliner Theatertreffen beschloss. Ein Coup für das Festival: Denn dieser Baal wurde bis auf diese letzte Aufführung von den Brecht-Erben verboten, die in der Arbeit mit Fremdtexten einen Verstoß gegen das Urheberrecht sehen. Diese Inszenierung wurde zum Symbol für den Streit ums Regietheater.

Castorf versetzt Baal in die Gemengelage aus Korea-, Indochina- und Vietnam-Krieg, Aleksandar Denić baute ein Militärcamp und einen asiatischen Tempel auf die Bühne. Castorf stellt Baal vor eine „Apocalypse Now“-Folie und macht ihn zum traumatisierten Kämpfer, der sich in dieser orgiastischen Höllenfahrt fremde Völker wie Frauen nimmt. Aurel Manthei spielt die Titelrolle mit imperialistischem Penetrationsdrang. Dieser Baalsche Buschkrieg kommt dem Geist des Stückes sehr nah, das der Autor zwischen zwei Weltkriegen schrieb. Selbst Brechts Prinzip des epischen Theaters treibt Castorf auf die Spitze, wenn er die Schauspieler zu Beginn das Wesen des Protagonisten erläutern lässt.

Quasi das Theatertreffen-Gegenstück zur verbotenen Brecht-Produktion ist Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“. Der Leipziger Autor schreibt im Vorwort: „Streichungen und das Einfügen von Fremdtexten in größerem Maße sind nicht nur erlaubt, sondern ratsam.“ In dem Stationendrama nach der Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad schickt Lotz einen Hauptfeldwebel der Bundeswehr nach Afghanistan. Gleich acht Mal wurde das erfolgreichste neue Stück dieser Spielzeit inszeniert, es durfte beim Theatertreffen nicht fehlen.

Theaterpreis mit einer Million Euro dotiert

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat im Rahmen des 52. Berliner Theatertreffens einen Theaterpreis gestiftet.

Die Auszeichnung ist insgesamt mit einer Million Euro dotiert. Das „Gütesiegel des Bundes“ soll Ende des Jahres verliehen werden.

Die nach Berlin eingeladene Uraufführung von Dušan David Pařízek (Akademietheater Wien) nimmt die schwarze Ironie des Autors auf: Den somalischen Seeräuber aus dem Prolog spielt zum Beispiel eine Frau, die in tiefstem Wiener Dialekt von ihrem Boot namens „Hoffnung“ berichtet. Blackfacing-Debatten werden karikiert, wenn die Schauspieler beim Schwarzanmalen inbrünstig die Wildnis besingen: „The Lion sleeps tonight“. Während der Pause jagen die Darsteller das Bühnenbild aus Sperrholzbalken durch den Häcksler. Der schluckt alles, am Ende das Theater selbst. So schön kann Postdramatik sein. Das Stück trifft ins thematische Zentrum des diesjährigen Theatertreffens aus Krieg, Gewalt, Postkolonialismus, Vertreibung und Heimatlosigkeit.

Im Haus der Festspiele kann man zwischen Programmheft und einem „Somersby“-Cider (laut Barmann gerade „eins der angesagtesten Getränke Europas“) ein gutes Gewissen in Form einer Spende für Flüchtlinge erwerben. Die standen im Zentrum von Elfriede Jelineks Eröffnungsstück „Die Schutzbefohlenen“.

Letztlich erleben auch Samuel Becketts Streuner wie Flüchtlinge die Diskrepanz zwischen Erwartung und Ergebnis. Ihr Boot der Hoffnung zerschellt jeden Abend aufs Neue, wenn Godot nicht erscheint, um sie mit in ein besseres Leben zu nehmen. In Ivan Panteleevs Inszenierung am Deutschen Theater Berlin spielt das bravouröse Duo Samuel Finzi und Wolfram Koch die bitterkomischen Gaukler, die sich alte Witze wie Bälle zuwerfen.

Das Profil des Maxim Gorki Theaters Berlin passt mit seinem Multikulti-Ensemble und dem Fokus auf interkulturellen Konflikten gut zum Schwerpunkt dieses Theatertreffens. Die israelische Hausregisseurin Yael Ronen lässt in „Common Ground“ sieben Darsteller nach einer gemeinsamen Basis suchen, von denen vier in Ex-Jugoslawien geboren sind und als Kinder nach Deutschland kamen. Mit sebstironischer Distanz entlarvt Ronen in dieser semidokumentarischen Arbeit die Sprachregelungen im Umgang mit der Geschichte. So freut sich eine israelische Schauspielern, dass ihr Volk nicht „the most fucked up people“ sind. Dieser Abend handelt zwar von Jugoslawien, erzählt aber auch viel über deutsche Schuldarbeit - und das auf überraschend unterhaltsame und leichtfüßige Weise.

Das letzte Ticket für die seit langem ausverkaufte „Baal“-Vorführung wurde übrigens am Sonntag vor Aufführungsbeginn versteigert. Das Team des Theatertreffen-Blogs will den Erlös von 135 Euro „den bedrohten Brecht-Erben“ zukommen lassen. Solidarität mit Randgruppen - Thema dieses Theatertreffens bis zuletzt.

Von Nina May

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