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Nachrichten Kultur Zur Eröffnung gibt es Hoffnungen aus dem Kongo
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19:03 28.05.2018
Kollegen im Geiste: Festivalleiter Sven Till (links) mit dem kongolesischen Choreografen DeLaVallet Bidiefono gestern in Potsdam. Quelle: FOTO: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Wie entstehen eigentlich Tanzfabriken? Gibt es Kulturminister oder Ministerialbeamte, die von selbst auf die Idee kommen, der Bewegungskunst einen festen Platz im gesellschaftlichen Leben einzuräumen?

Schön wär‘s! Weder in Deutschland noch im Kongo ist das der Fall. Dazu bedarf es Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe machen, Tanzaufführungen und Tanzunterricht durchzusetzen. Am 29. Mai 2018 werden in Potsdam zwei Männer im Scheinwerferlicht stehen, die an der Basis so viel bewegen konnten, dass man ihnen nur kräftig applaudieren und Danke sagen kann. Eine Stunde vor der Eröffnung der Potsdamer Tanztage wird Sven Till von der französischen Botschafterin der Orden für Kunst und Literatur („Chevalier des Arts et des Lettres“) überreicht. Der Mitbegründer und Programmchef der Potsdamer Tanzfabrik bekommt die Auszeichnung des französische Kulturministeriums, weil er sich seit Ende der 1990er Jahre unermüdlich für Austausch- und Residenzprogramme, für Kooperationen und Gastspiele einsetzt. Dabei helfen ihm, der nicht einmal französisch spricht, die frankophile Kollegin Frauke Niemann und auch der Pressesprecher Laurent Dubost, der aus Lyon stammt.

19.30 Uhr werden im Hans-Otto-Theater dann die Tanztage 2018 mit dem Gastspiel der Compagnie Baninga aus dem Kongo offiziell eröffnet. Im Schlussapplaus werden die 14 Akteure den Regisseur und Choreografen DeLaVallet Bidiefono auf die Bühne bitten. Trotz Diktatur und Bürgerkrieg hat er in Kombé, 17 Kilometer südlich der Hauptstadt Brazzaville, vor 15 Jahren eine Tanzfabrik ins Leben gerufen.

Einen Tag vor der Deutschlandpremiere sitzen sich der 54-jährige Till und der 42-jährige Bidiefono zum ersten Mal gegenüber. Till hat die Aufführung „Monstres on ne danse pas pour rien“ (Monster wir tanzen nicht umsonst) in einer kleinen südfranzösischen Arbeiterstadt gesehen und beschlossen, sie nach Potsdam zu holen. „Als Jugendlicher habe ich mich mehr für Literatur und Theater interessiert“, erzählt Till, der 1985 zum Studium an die Pädagogische Hochschule nach Potsdam kam. „Doch in der DDR war der Umgang mit Texten politisch vermintes Gelände. Noch während des Studiums entdeckte ich die Möglichkeiten, mit dem Körper Geschichten und Emotionen zu erzählen und zu bearbeiten. Vor allem hatten sich meine Erfahrungen bei der NVA tief eingeschrieben. Die Erinnerung, mich körperlich einem System unterordnen zu müssen und sich auf engem Raum exerzierend zu bewegen, hatte sich tief eingeschrieben.“

Bidiefono fand über die Musik zur Tanzkunst. „Ich sang in einer Band in der Industrie- und Hafenstadt Pointe-Nore, aus der ich stamme. Plötzlich war ich auch für die Bewegung auf der Bühne zuständig. Mit 19, noch während des Krieges, ging ich nach Brazzaville. Viele dachten, es zieht mich dorthin, weil ich mich an Plünderungen beteiligen will. Aber ich wollte nur eines: tanzen.“

Zwei junge Männer, die sich in bösartigen Verhältnissen nach Freiheit sehnen und eine Möglichkeit suchen, ihre Kritik zu formulieren? Gegen eine Gleichsetzung von Potsdamer Tanzfabrik und dem Baning‘art im kongolesischen Kombé erhebt Bidiefono Einspruch. „Die Tanzfabrik in Potsdam entstand erst nach der Wende, als alles möglich war. Dass wir im Kongo diesen Ort geschaffen haben, ist ein Akt des Widerstands. Wir kämpfen gegen einen Präsidenten, der seit mehr als 30 Jahren an der Macht ist.“

Laurent Dubost, der das Gespräch übersetzt, wirft ein Stichwort ein, das für beide Seiten gilt: „Tatsachen schaffen“. Sven Till wandte sich nach der Maueröffnung an die Tanzfabrik in Berlin-Kreuzberg. Um die Unterrichtsstunden dort in D-mark bezahlen zu können, verkaufte er kleine Bruchstücke aus der Berliner Mauer an Touristen. Parallel dazu besetzten Till und seine Freunde leer stehende Räume in Potsdam und umwarb die neuen Politiker, Legalität herzustellen und Subventionen zu gewähren.

Fragt man Bidierfono, was sein größter Traum ist, antwortet er, wenn ich den Präsidenten zum Tanzen bringen würde. Und er berichtet Dieudonné Niangouna, einem Schriftsteller, (ebenfalls ein Chevalier des Arts et des Lettres), der 2015 einen kritischen Brief an den Präsidenten richtete, daraufhin ins Exil fliehen musste und in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. „Die Künstler meines Landes reagieren darauf zum Teil eingeschüchtert, sehr aufgeregt und empört. Wir haben die Aufgabe, unseren Protest zu verbalisieren – in den unterschiedlichsten Formen“, so Bidiefono. Der Stadtteil, an dem er seine Schule für modernen Tanz und das Tanztheater ins Leben rief, wurde im Bürgerkrieg völlig zerstört. „Wir wollten ein Zeichen der Hoffnung setzen. In der Compagnie sind Vertreter aller Ethnien, die sich bei uns im Land bekriegen und auch Frauen und Schwule“, betont er. An staatliche Subventionen ist natürlich nicht zu denken. „Wir zahlen alles selber, die 200 Schüler erhalten kostenlosen Unterricht. Sollte von ihnen später einmal einer mit dem Tanzen Geld verdient, wird er uns etwas zurückzahlen“, erklärt er.

Woher aber kommt das nötige Geld? „Das verdienen wir durch Tourneen wie diese. Nach dem Gastspiel in Potsdam geht es weiter nach Paris und Lausanne, dann wieder zurück in die Heimat.“ Bei einem Festival in Frankreich gewann Baninga kürzlich einen Preis. Zahlender Sponsor war der Mineralölkonzern Total, der im Kongo für neokolonialistische Praktiken verschrien ist. „Es gab Diskussionen, ob wir das Geld annehmen dürfen. Ich meine aber, wir können froh sein über alles, was in unser Land zurückfließt“, so Bidiefono.

Sven Till holte in den 1990er Jahren all das nach, was ihm in der DDR verwehrt war. „Wir waren so erstaunt und beglückt. Die größten Koryphäen kamen nach Potsdam, um uns zu unterrichten und aufzutreten.“ Mit Wolfgang Hoffmann performte er schließlich ein eigenes Programm, das sie weltweit 150 Mal aufführten. „Pandora 88“ spielt auf einer Grundfläche von 1,5 Quadratmeter und handelt vom Überleben in der Enge. Auch die Potsdamer bleiben auf Einnahmen aus Tournee-Erfolgen angewiesen, um Veranstaltungen wie die Tanztage zu finanzieren. Hinzu kommen jährlich noch bis zu 30 000 Euro, die durch Tanzkurse und Unterricht reinkommen und nach Abzug der Kosten für das Programm übrig bleiben.

Etwa für das Gastspiel der Afrikaner zur Eröffnung der Tanztage. Bidiefono verspricht ein Stück, „das das Heute erzählt. Wir möchten Hoffnung machen, auch den Leuten, die sie bereits verloren haben. Egal, ob man sich politisch engagieren will oder auch nur Energie braucht, um gesund zu werden“, sagt er und beendet das Gespräch mit drei Worten „Resistance, Resistance, Resistance“.

Von Karim Saab

Am Wochenende wurde in Potsdam das Festival Intersonanzen eröffnet.

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