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Zwei Bücher zeigen die Brandenburger Tristesse

Foto-Kunst Zwei Bücher zeigen die Brandenburger Tristesse

Rainer Sioda und Andreas Gehrke wohnen in Berlin. Über viele Jahre sind die beiden Fotografen immer wieder ins Berliner gefahren. Nun hat jeder von ihnen einen Fotokunst-Band herausgebracht, der die von Menschen überformte Landschaft zeigt.

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Diesen verlassenen Hügel entdeckte Andreas Gehrke bei Großräschen (Oberspreewald-Lausitz).

Quelle: Foto: Andreas gehrke

Potsdam. Wenn ein Kino-Bestseller „Fack you Göhte“ heißt, dann dürfen Fotokünstler ihre Bildbände auch „Fack“ nennen oder „Brandenburg“. So geschrieben, wie man spricht. Die Bücher von Rainer Sioda und Andreas Gehrke lassen sich unbedingt nebeneinander halten, denn sie sind beide in diesem Jahr erschienen und entdecken die leere, spröde, oft trostlos wirkende Landschaft rings um Berlin. Als miteinander befreundete Großstädter sind Sioda und Gehrke oft auch gemeinsam auf Motivsuche ins Umland gefahren. Sie teilen eine paradoxe Leidenschaft: die Absicht, das Gewöhnliche und Unspektakuläre visuell auf den Punkt zu bringen.

Als Sioda 17 war, wurde Gehrke geboren. Der Ältere, ein Vertreter der Punk-Generation, unterwies um 1990 den Jüngeren in einem Ostberliner Fotozirkel.

Die Fotokünstler

Rainer Sioda

Andreas Gehrke wurde 1975 in Ostberlin geboren. Ihm wurde gerade der Europäische Architekturfotografiepreis Architekturbild 2017 zuerkannt. Zurzeit finden von ihm Ausstellungen in Stuttgart (vhs-photogalerie) und Berlin (Galerie pavlov’s dog) statt. Sein aktuelle Buch „Brandenburg“ erschien bei Drittel Books (150 Seiten, 48 Euro).

Im Gespräch macht Sioda keinen Hehl daraus, dass er fremdenfeindliche Tendenzen in der Brandenburger Landbevölkerung zum Kotzen findet. Seine Bilder sind aber hintersinnig und subtil. Er entwickelte einen besonderen Blick für wilde Treffs von gelangweilten Jugendlichen, für ihre aufgebrezelten oder geschrotteten Autos, für zerfahrene Pisten und Feuerstellen. Mit der Kleinbildkamera fahndet er nicht nach Hakenkreuzen, um den Brandenburgern etwas zu nachzuweisen, sondern nach ästhetischen Abdrücken von Menschen, die sich in keinem Bild zeigen. Dazu zählen auch Tags, etwa wenn Waldarbeiter auf einen zersägten Baumstamm „Fack“ gesprüht haben, oder Schriftzüge wie „Fick die Ex“, „Kiosk ab 14 Uhr“ oder „Ich habe Dich immer geliebt“.

Andreas Gehrke taucht dagegen die brandenburgische Landschaft in ein milderes, poetischeres Licht. Seine Bilder sind versöhnlicher und erfreuen sich grafischer Feinzeichnungen, er fotografiert mit einer Plattenkamera. Doch auch Gehrke interessiert sich nicht für malerische Alleen und geschwungene Felder, für Gartenzwerge und Pferdekoppeln, Windräder und schicke Fertighäuser. Er schaut neben die touristischen Fassaden, misstraut den Klischees und arrangiert sich mit ernüchternden Motiven.

Ist Brandenburg wirklich so hässlich, so bedrückend, so unidyllisch? Warum ist auf keinem der Fotos der Himmel blau? Mit der Sonne stehen die beiden Fotografen wirklich auf Kriegsfuß, daraus machen sie auch keinen Hehl. Sie wollen die Farben und Oberflächen ohne jede Beschönigung und ohne jede Verschattung zeigen. Diese unsentimentale Art der menschenlosen, sterilen Landschafts- und Architekturfotografie hat in Deutschland Tradition. Nach dem Aufkommen der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren begründeten Bernd und Hilla Becher in den 1970er Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf die sogenannte „Becher-Schule“, deren dokumentierender Charakter seither weltweit Furore macht. Die Arbeiten von Schülern wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer oder Thomas Ruff erzielen heute Höchstpreise auf dem internationalen Kunstmarkt.

Hilla Becher (1934-2015) stammte übrigens aus einer großbürgerlichen Potsdamer Familie und sammelte ihre ersten Berufserfahrungen als Fotografin Anfang der 1950er Jahre im Park Sanssouci. Mit ihrem Mann wandte sie sich später den Überbleibseln der Industriekultur im Ruhrgebiet zu, fotografierte ausgediente Hochofenanlagen und Zechen, die lange als hässlich galten, bis sie der Denkmalschutz entdeckte.

Als positive Identitätsstifter sehen sich die Berliner Fotografen Rainer Sioda und Andreas Gehrke nicht. Weder verklären sie ihre märkische Herkunftslandschaft noch machen sie in den Überformungen der ländlichen Heimat bewahrenswerte Zeugnisse aus. Brandenburg hat bei ihnen den Charme eines verlassenen Tatortes oder Truppenübungsplatzes. Für sie besitzt es einen zweifelhaften, irritierenden und gern verdrängten Reiz.

Jeder der Fotografen hätte sein Buch auch „Mein Brandenburg“ nennen können. Mit diesem Titel landete bekanntlich der Schriftsteller Günter de Bruyn (mit der Fotografin Barbara Klemm) in den 1990er Jahren deutschlandweit einen Bestseller. Rainer Sioda kennt das Buch, in dem er auf ein Zitat von Ludwig Tieck stieß. Der Romantiker hatte Anfang des 19. Jahrhunderts Sandwege und Sümpfe als „Gemeinheiten“ bezeichnet. Ein Landschaftsmaler, so Tieck, der bloß Sümpfe, Heiden und Sandhügel darstelle, dürfte deutlich weniger Liebhaber finden als ein Prediger mit erbaulichen Betrachtungen, notierte damals Ludwig Tieck. Dieses Schicksal widerfährt nun 200 Jahre später auch den beiden Realisten Sioda und Gehrke mit ihrer Vorliebe für das Banale.

Dass Sioda und Gehrke trotz des dürftigen Gegenstandes starke Bilder gelungen sind, kann niemand bestreiten. Ihre Fotos vermitteln ein Gefühl der Verlorenheit. Sie zeigen konkrete, rätselhafte Orte, die aber ins Abstrakte hinausweisen.

Ihre Bücher sprechen gewiss keine Einladung in die Mark Brandenburg aus. Aber Saarländer und Mecklenburger, Weißrussen und Wallonen können beim Durchblättern gewiss das Brandenburg bei sich zu Hause entdecken.

Von Karim Saab

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