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Nachrichten Kultur Zwei Fallada-Biografien – was nun?
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18:16 27.01.2017
Trügerische Idylle: Hans Fallada posiert für eine Illustrierte auf seinem Grundstück in Carwitz. Quelle: Hans-Fallada-Archiv Carwitz
Potsdam

Wie sich kleine Leute durch widrige soziale Verhältnisse hindurchwursteln und dabei Anstand und Würde bewahren, das war das Lebensthema von Hans Fallada. In Romanen wie „Kleiner Mann – was nun?“ (1931) nahm der „deutsche Balzac“ die Perspektive von Angestellten wie dem Buchhalter Pinneberg und der Verkäuferin Emma „Lämmchen“ ein. Fallada erlebte sich aber auch selbst als Charakter, der höchst gefährdet, instabil, ja gebrochen war, wovon er in autobiografisch grundierten Büchern wie „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ (1934), „Der Alpdruck“ (1947) oder „Der Trinker“ (1950) Zeugnis ablegte. Er war Spießbürger und Junkie, treusorgender Vater und Hallodri in einer Person. Wegen Beschaffungskriminalität saß er zwei Mal im Gefängnis, 1924 für drei Monate in seiner Geburtsstadt Greifswald, dann 1925 für zweieinhalb Jahre in Neumünster. Nachdem er 1944 Suse, seine langjährige Ehefrau und Mutter der drei geliebten Kinder, in einem Morphium-Delirium fast umgebracht hatte, geriet er wiederum in Untersuchungshaft. Elf Jahre zuvor hatte er wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers wegen des Erzählens von politischen Witzen in den eigenen vier Wänden elf quälende, einschüchternde Tage im Amtsgefängnis Fürstenwalde zugebracht. Ein Nachbar hatte gelauscht und ihn angezeigt.

Kein Wunder, dass dieser getriebene Vielschreiber mit dem wechselvollen Leben und Werk auch 70 Jahre nach seinem Tod noch die Gemüter und Moralapostel beschäftigt. Zwei Wissenschaftler haben parallel die sechste und die siebte Fallada-Biografie vorgelegt, um der irischen Germanistin Jenny Williams („Mehr Leben als eins“, 2002) nicht das letzte Wort zu lassen. Inzwischen tauchten bisher unbekannte Fallada-Briefe auf und ein von ihm verfasster Lebenslauf. Außerdem förderte der Mediziner Klaus-Jürgen Neumärker („Der andere Fallada“, 2014) eine Vielzahl von Krankenakten zu Tage.

Zwei Biografen, zwei Bücher

André Uzulis wurde 1965 in Hannover geboren. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft und promovierte über Nachrichtenagenturen im Dritten Reich. Er war acht Jahre lang Chefredakteur des „Nordkurier“ in Neubrandenburg. Seit 2012 arbeitet er als Pressesprecher für das Bistum Trier und belegt im Fernkurs ein Studium der Theologie.

 André Uzulis: Hans Fallada. Biografie. Steffen Verlag, 440 Seiten, 26,95 Euro.

Peter Walther wurde 1965 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Greifswald. Er promovierte über den Totentanz in der St. Marien-Kirche Berlin. Seit 1994 arbeitet er für das Brandenburgische Literaturbüro. Als dessen Geschäftsführer brachte er viele Ausstellungen und Publikationen auf den Weg und entwickelte das Internet-Literaturportal www.literaturport.de

Peter Walther: Hans Fallada: Die Biographie. Aufbau, 518 S., 25 Euro.

Die Faszination Fallada bleibt, weil sich vieles nicht eindeutig beantworten lässt. Darin sind sich André Uzulis („Hans Fallada. Die Biographie“) und Peter Walther („Hans Fallada. Biografie“) einig. So ähnlich die Titel ihrer Neuerscheinungen klingen, so vergleichbar sind auch ihre Bücher in Textumfang, Ausstattung und Dramaturgie. Der obsessive, realistische Autor der Neuen Sachlichkeit bietet Kennern ein reiches Betätigungsfeld, da sich Züge vieler realer Personen aus seinem Leben in seinen fiktionalisierten Figuren wiederfinden. Anhand von Tagebüchern und Briefen, Akten und Zeugenaussagen lässt sich außerdem belegen, wie unmöglich es einem um Erfolg und Anerkennung ringenden Autor war, in den Nazi-Jahren integer zu bleiben.

Hans Fallada brachte es nicht übers Herz, aus Nazi-Deutschland auszuwandern. Nach einem Abschiedsspaziergang über die wunderschöne Halbinsel Bohnenwerder in der Uckermark ließ er die Koffer wieder auspacken. Die Entscheidung für die innere Emigration hat sich auf die Qualität seines Werkes negativ ausgewirkt, so war es auch bei Erich Kästner oder Werner Bergengruen.

Die moralischen Konflikte lassen sich zum Beispiel am Fall der Sekretärin Else Marie Bakonyi vergegenwärtigen. Der Verleger Ernst Rowohlt hatte sie dem Erfolgsautor 1938 nach Carwitz in die Feldberger Seenlandschaft geschickt, wo Fallada mit seiner Frau Suse ein idyllisches Heim mit eigener Landwirtschaft am See errichtet hatte (heute: Hans-Fallada-Museum). Sie sollte ihm das Manuskript „Der eiserne Gustav“ abtippen, nachdem ihre Vorgängerin nach England geflohen war. „Rowohlt wies ausdrücklich auf Bakonyis ,arische Abstammung’ hin“, was Uzulis als Warnung „vor allzu offenherzigen politischen Äußerungen ihr gegenüber“ interpretiert. Doch es kam ganz anders. 1943 weigerte sich diese Sekretärin „aus politischen Gründen“, den „Barmat-Kutisker-Roman“ abzutippen, weil ihm ein antisemitischer Stoff zugrundelag. Fallada versicherte der Sekretärin in einem Brief, dass sein Roman, den er bei Kriegsende sang- und klanglos verschwinden ließ, „nicht annähernd so pöbelhaft antisemitisch ausfallen wird wie ein gewisser ,Jud Süss’ von einem gewissen Lion Feuchtwanger“ und stellt dem Propagandaministerium die Fertigstellung des Werkes in Aussicht. Seiner Sekretärin schreibt Fallada zornig anlässlich ihrer Arbeitsverweigerung: „Ich glaube, Sie hätten den Roman ganz gut tippen können, ohne Schaden für Ihr Seelenheil und Ihre Sympathien...“

In Falladas antifaschistischem Nachkriegsroman „Jeder stirbt für sich allein“ (1947), den er auf Anregung von Johannes R. Becher schrieb, verherrlicht er dann den kleinen Widerstand eines Schreinermeisters und seiner Frau. Diese Kehrtwende brachte Else Marie Bakonyi auf die Palme. Bereits am 31. Dezember 1945 zitierte sie in einem Zeitungsartikel öffentlich aus privaten Briefen, die Fallada 1943 als Angehöriger des Reichsarbeitsdienstes geschrieben hat, um deutlich zu machen, wie weit sich der Autor der Endsieg-Rhetorik und Nazi-Ideologie angepasst hatte. „Dieser Meinung waren Sie noch Ende September 1943, und heute schon wollen Sie berufen sein, unsere Jugend zu retten, Führer zu sein auf dem Wege zu einer wahrhaften Demokratie“, so Bakonyi. Der Biograf Uzulis verteidigt Fallada. Dieser habe zum einen die Briefe im Hinblick auf die Zensur geschrieben, aus taktischen Erwägungen heraus. Zum anderen, so Uzulis, könnte sich die Sekretärin auf diese Weise gerächt haben, weil Fallada sie als Liebhaberin verschmäht habe, hier folgt er ganz Falladas Erklärung. Uzulis spricht sogar von einer „Denunziation“ ihrerseits, Walther dagegen von einem „sachlich berechtigten Einwand“. Walthers Einschätzung: „Nein, es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Fallada anders denkt als die allermeisten Deutschen zu dieser Zeit... “ Die Indoktrination habe, „zumindest zeitweise, auch bei Nazi-Gegner Fallada Wirkung gezeigt“.

Doch im Großen und Ganzen liegen beide Biografen nah beieinander. Uzulis lässt in seiner gut lesbaren Lebensnacherzählung auch Urteile anderer Literaturwissenschaftler einfließen sowie interessante Exkurse. Walther arbeitet mit sehr viel ausführlicheren Fallada-Zitaten und sein Gespür für groteske Dokumente und Details wirkt belebend. Was Uzulis „Prolog“ nennt, heißt bei Walther „Vorspiel“. Darin schildern beide, als hätten sie sich abgesprochen, das tödliche Duell, bei dem der 18-jährige Rudolf Ditzen (so hieß Fallada bürgerlich) im Morgengrauen des 17. Oktober 1911 Hanns Dietrich von Necker erschießt. Geplant hatten die beiden Gymnasiasten einen als Duell getarnten Doppelselbstmord. Doch der spätere Schriftsteller überlebt schwer verletzt. Dass die Mordanklage fallen gelassen wurde, hatte er auch seinem Vater zu verdanken, der als bedeutender Jurist eine Neufassung des Strafgesetzbuches miterarbeitet hatte, die Schuld- und Zurechnungsfähigkeit verknüpfte. So kam Fallada in die Heil- und Pflegeanstalt für Nerven-und Gemütskranke Tannenfeld bei Gera. Der Psychiater Otto Binswanger hatte als Koryphäe ein Jahr zuvor den Patienten Johannes R. Becher zu begutachten, dessen Selbstmord ebenfalls gescheitert war, nachdem er seine Jugendliebe erschossen hatte.

Falladas spätere Aufenthalte in Krankenhäusern, Entzugs- und Nervenheilanstalten sind kaum zu zählen. Dabei wuchs er in einer mustergültigen gutbürgerlichen Familie auf und war als Gutsverwalter und Agrarökonom durchaus gefragt. 1909 waren seine Eltern von Berlin-Schöneberg in die Schenkendorfstraße 61 nach Leipzig gezogen. Dort erlitt Fallada einen schweren Fahrradunfall, ein Pferdefuhrwerk rollte über seinen Bauch. Gegen die Schmerzen wurde ihm Morphium verabreicht, was seine Suchtstruktur verursacht haben könnte.

So kam es, dass er sich immer wieder Ärzten anvertraute, aber mit absoluter Regelmäßigkeit die verordneten Therapien selbst abbrach. So kam es auch, dass er wiederholt Totalabstürze erlebte. Die fast drei Jahre, die er in Gefängnissen aus dem Blechnapf fraß, waren für ihn sogar heilsam. In den Anstalten kam er ohne Drogen wieder zu sich, lernte viele kleine Leute kennen und durfte zeitweise auch schreiben.

Von Karim Saab

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