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Zwölf Einwanderer machen von sich reden

Hans-Otto-Theater Zwölf Einwanderer machen von sich reden

Andere Stadttheater haben längst mit den Mitteln des Dokumentartheaters auf die Flüchtlingskrise reagiert. Das Potsdamer Hans-Otto-Theater hat sich Zeit gelassen. In der Aufführung von „Gehen und Bleiben“ setzt Regisseur Clemens Bechtel zwölf Einwanderer in Szene, die es nach Deutschland verschlagen hat. Doch ist nicht schon alles erzählt?

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Die Syrer Alaa Al Haidar und Jalal Mando in einem heftigen Dialog.

Potsdam. In der Reithalle schaut der Besucher in eine wenig einladende Bühnenlandschaft. Drei Stufen hoch hat Iris Kraft einige Laufstege miteinander verbunden. Betten, Sitzgelegenheiten und diverse Fernsehgeräte verteilen sich im Raum. Zwei Türen schaffen eine Art Schleuse. Ein Boxsack und eine Leinwand hängen von der Decke.

Was sich nicht gleich erschließt, ist ein Bild, das sich keinesfalls aufdrängt. Unter einem der Podeste wuchert grünes Buschwerk, ausgeleuchtet von blauen Neonröhren. Die Pflanzen sind eingezwängte, transportable Lebewesen, darauf angewiesen, dass ihnen Licht und Wasser zugeführt wird.

„Gehen und Bleiben“ heißt das „Theaterstück über Flucht und Heimat, basierend auf Erfahrungen der Mitwirkenden“, wie es die Ankündigung formuliert. Die Bühne markiert das Zufluchtsland Deutschland. Zwölf Laien, darunter kein einziger Muttersprachler, berichten in Dialogen, was sie hierzulande umtreibt. Manchmal reden sie auch englisch oder arabisch und eine schriftliche Übersetzung läuft mit.

Maxi Obexer hat Flüchtlinge und Auswanderer aus Syrien, Israel und Mazedonien, aus Frankreich, Russland und dem Iran interviewt und eine Textcollage erstellt, die auf Zwischentöne und Differenzierungen setzt und das Leid und Heimweh der Protagonisten nicht plakativ ausstellen möchte. Gewiss ist auch von Gefängnis und Folter die Rede, von Krieg und von zerstörten Häusern. Aber es kommen auch Einwanderer zu Wort, die jederzeit in ihr Ursprungsland zurückkehren könnten – „für einen Urlaub oder den Rest des Lebens“, so wie die Jüdin Sharon. „Wenn ich nach Hause gehe, bringe ich Haribo und Käse mit.“

Aber da ist auch Jalal, der mit seinem Bruder in Syrien hadert. Per Skype möchte er ihm verbunden bleiben, ihm aber auch vorwerfen: „Warum hast Du gewartet, bis Dich die Armee holt, anstatt abzuhauen? Und warum bist du sechs Scheißjahre dabeigeblieben, bis Dir ein Auge aus dem Kopf geschossen wurde. Du Idiot!“

Regisseur Clemens Bechtel möchte kein „Betroffenheitstheater“. Die Menschen auf der Bühne sagen deshalb nicht immer die eigene Geschichte auf. Manchmal stiftet er vorsätzlich Verwirrung, wenn etwa plötzlich drei Männer eine Augenklappe tragen. Denn um seinem Bruder „wieder in die Augen sehen zu können“, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen, probiert Jalal aus, wie es ist, einäugig zu leben.

Im Aufnahmelager Eisenhüttenstadt findet ein 50-jähriger syrischer Rechtsanwalt erstmals im Leben die Zeit, seinen 20-jährigen Sohn Kais näher kennenlernt. „Du musst mir helfen. Ich komme mit diesem Integrationstest nicht klar“, gesteht er und lernt Worte wie „gefühlsselig“, um dann doch wieder englische Vokabeln zu pauken, denn seine Frau und die Töchter hat es nach Kanada verschlagen. Da vergeht Kais, der einer Freundin in Damaskus nachtrauert, die Freude über einen Architekturstudienplatz in Deutschland. Er möchte den gerade gewonnen Vater eigentlich nicht ziehen lassen.

In „Gehen und Bleiben“ werden erstmals authentische Flüchtlinge in eine Inszenierung am Hans-Otto-Theater eingebunden. Andere Häuser in Deutschland und auch die freien Theater in Potsdam waren da schneller, beherzter und vielleicht auch skrupelloser. Das Ensemble um Tobias Wellemeyer tat stets viel für die Flüchtlingshilfe, die Schauspieler sammelten Spenden und arbeiteten auch mit theaterinteressierten Flüchtlingen. Aber in einer Aufführung schlug sich das bisher nicht direkt nieder.

Nach dem Flüchtlingssommer 2015 nahm sich das Theater viele Wochen Zeit, um ein Willkommensfest auszurichten, das sich dann als recht problematisch erwies. Die Schauspieler wollten den rangekarrten Flüchtlingen deutsche Dialoge vortragen. Es fehlte an Dolmetschern, das Programm musste abgebrochen werden. Als dann revolutionär gestimmte Syrer in der Reithalle arabisch Lieder vortrugen, sprang eine Zuschauerin auf und rief „Stopp! Sie haben eben von ,durchgetrennten Kehlen’ gesungen! Das wollen wir hier nicht!“

Immerhin war das der Auftakt für einen „Refugees Club“, den die Stadt Potsdam dann sogar mit einem Integrationspreis bedachte. Andere Stadttheater brachten inzwischen mit den Mitteln des Dokumentartheaters Einzelschicksale oder gar Flüchtlingschöre auf die Bühne. Besonders alarmierend und unvergesslich war eine Inszenierung von Nicolas Stemann, der in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ im Mai 2014 am Hamburger Thalia-Theater eine ganze Schar zumeist afrikanischer Lampedusa-Flüchtlinge aufbot. Das brachte ihm auch den Vorwurf ein, das Leid der Menschen künstlerisch auszunutzen. Doch die Asylsuchenden sahen darin auch eine Gelegenheit, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.

Mit „Gehen und Bleiben“ ist nun in der Reithalle eine eher hintergründige, alltagsnahe, poetische Skizze zu erleben, die von Menschen handelt, die getrennt von ihren Angehörigen leben und auch ihre zurückgelassenen Haustiere und Pflanzen vermissen.

info Karten gibt es noch für die Aufführungen am 2., 8.,11., 12., 13. April. Reithalle, Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/9811900

Von Karim Saab

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