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Die Sache mit dem Bart

Debatte um Kika-Beitrag Die Sache mit dem Bart

Eine Kika-Doku über die Liebe eines deutschen Mädchens und eines syrischen Flüchtlings erregt die Gemüter – auch, weil der Sender handwerkliche Fehler machte. Und damit erst Recht Öl ins Feuer goss.

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Unter Beobachtung: Malvina und Diaa sind ein Paar. Um das Alter des syrischen Flüchtlings gab es Irritationen.

Quelle: Kika

Leipzig. Malvina und Diaa sind ein Paar. Malvina ist ein deutsches Mädchen. Diaa ist ein Flüchtling aus Syrien. Der Kinderkanal (Kika) von ARD und ZDF hat die beiden am 26. November 2017 in einer 24-minütigen Doku namens „Malvina, Diaa und die Liebe“ vorgestellt. Es ist ein Film über eine schwierige Beziehung, der Spannungen und Unwuchten nicht ausspart. So weit die Fakten.

Plötzlich aber finden sich Malvina und Diaa im Zentrum einer hochideologischen Debatte wieder. Befeuert wurde sie von Dirk Spaniel, Bundestagsabgeordneter der Alternative für Deutschland (AfD), der bei Facebook über das „Rührstück“ und die „unerträgliche und gefährliche Propaganda der Staatsmedien“ schäumte. Mehr noch: Spaniel zog eine direkte Linie vom Kika-Beitrag zum Mord in Kandel. Dort war ein Mädchen von einem angeblich erst 15 Jahre alten afghanischen Flüchtling in einer Beziehungstat erstochen worden. Und schon war die Sache für leicht erregbare Social-Media-Kommentatoren klar: Wieder ein vollbärtiger Moslem, der ein minderjähriges deutsches Mädchen ins Bett und unters Kopftuch zwingt. Wieder ein politisch motivierter Manipulationsversuch durch die „Staatssender“, die in falsch verstandener Toleranz blind sind für die mittelalterlichen Machtansprüche der Eindringlinge. Kika propagiert Islamisierung! Die „Bild“-Zeitung haut seit Tagen in dieselbe Kerne und fragt zornig: „Was hat sich das Kinderfernsehen dabei nur gedacht?“

„Schnell heiraten? Daraus wird nichts.“

Rational betrachtet ist die Sache komplexer. Tatsächlich enthält der vom Hessischen Rundfunk (HR) produzierte Film auch irritierende Szenen. Er würde sich wünschen, sagt Dia in die Kamera, dass Malvina konvertiere. Auch missfällt ihm, dass sie deutsche Freunde zur Begrüßung umarmt. Das Mädchen jedoch reagiert deutlich cooler und abgeklärter auf seine befremdlichen Wertvorstellungen als mancher Facebook-Kommentator. „Du hast mir nicht zu sagen, mit wem ich mich unterhalten darf“, sagt sie klipp und klar. Als Diaa erklärt: „Ich will sie einfach schnell heiraten“, kontert sie selbstbewusst: „Daraus wird nichts.“ Auch ein Kopftuch lehnt sie ab. Von einem naiven deutschen Schulmädchen, das den Verlockungen eines glutäugigen muslimischen Prinzen erliegt, kann keine Rede sein.

Es war der Kika selbst, der durch einen unseligen Handwerksfehler noch Öl ins Feuer goss: Im Film wird Malvinas Alter mit 16 angegeben, Diaas Alter wird nicht thematisiert. Vermittelt wird der Eindruck, beide seien in etwa gleichaltrig. Auf der Kika-Website stand im einer Bildunterschrift zunächst, dass Diaa – dessen Name eine Kurzversion seines Nachnamens ist – 17 Jahre alt sei. Als dies angesichts seines Bartwuchses in den sozialen Medien heftig angezweifelt wurde, korrigierte der Kika das Alter des Syrers ohne weitere Erklärung auf 19 – Wasser auf die Mühlen derjeniger, die politische Indoktrination und „linksgrün versiffte Meinungsmanipulation“ witterten. Inzwischen hat der Sender eine Erklärung nachgereicht: „Entschuldigen wollen wir uns für einen Fehler in Bildunterschriften: Im Film wird über Malvinas Alter (zum Zeitpunkt des Drehs 16 Jahre) gesprochen, nicht aber über Diaas. Recherche und Drehbeginn für die Dokumentation lagen am Beginn 2017. Diaa war zu der Zeit 19 Jahre alt. Als er und Malvina sich kennenlernten, war er 17 Jahre alt.“ Dass dieses Alter dann in Bildunterschriften aufgetaucht sei, sei irreführend – „wir haben das korrigiert“. Inzwischen habe er Geburtstag gehabt. Tanja Nadig vom Hessischen Rundfunk: „Wir haben den Ausweis von Diaa gesehen. Er ist jetzt 20 Jahre alt.“

In der Debatte schwingen die Klischees mit

Zu Beginn der Beziehung waren also beide minderjährig. Und jetzt? Auch sexueller Kontakt zwischen einem 18-Jährigen und einer 15-Jährigen ist nicht automatisch strafbar. Falls es zur Anzeige kommt, gelten diverse Parameter, darunter die Entscheidungsreife oder die Einvernehmlichkeit. Absolut tabu ist Sex mit unter 14-Jährigen.

Das Problem an derlei Debatten: Es schwingen stets die Klischees mit – das vom bärtigen Muselmann mit Kindsbraut ebenso wie das vom Gutmenschen, der die Augen vor der Realität verschließt. Die Generalforderung von rechts, eine solche Liebesbeziehung sollte für das Kinderkanal-Publikum überhaupt kein Thema sein, ist absurd. Die Doku lief (begleitet von einem Chat) um 20.35 Uhr – also für ein eher schulreifes Publikum – in der Reihe „Schau in meine Welt“, die sich explizit mit der Lebenssituation von Minderheiten beschäftigt. Dort wurden auch ein junger Boxer oder eine 15-jährige Musikerin mit Down-Syndrom porträtiert. „,Schau in meine Welt’ erzählt Geschichten konsequent aus der Sicht von Protagonisten“, teilte der Sender mit. „Ungeschönt zeigen die Protagonisten selbst die Probleme auf.“

Malvina ist bei dem Thema differenzierter als die Diskussion

Tatsächlich sind der Film und der Umgang des Mädchens mit ihrer Situation deutlich vielschichtiger als die aktuelle Debatte darüber. An keiner Stelle enthält der Film die Botschaft, dass Malvinas Lebensentwurf erstrebenswert sei. Nüchterne Aufklärung freilich hat es schwer mitten in der vulkanischen Diskussion über medizinische Zwangstests bei minderjährigen Asylbewerbern nach dem Mord in Kandel. In einem zwar unkommentierten, aber durchaus nicht unkritischen Porträt über ein ungewöhnliches Paar einen propagandistischen Aufruf zur kritiklosen Akzeptanz voraufklärerischer Moralvorstellungen zu sehen, wird nur jemandem gelingen, der das unbedingt möchte.

Mit der „Bild“-Zeitung jedenfalls will Malvina nicht mehr sprechen.

Von Imre Grimm

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