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„Das ist eine tief greifende Reform“

NDR-Intendant Lutz Marmor „Das ist eine tief greifende Reform“

ARD und ZDF verursachen zu hohe Kosten. Dieser Kritik sehen sich die Öffentlich-Rechtlichen immer wieder ausgesetzt. Mit einer Reform sollen jetzt Milliarden eingespart werden. Ein Interview mit Lutz Marmor, Intendant des NDR.

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Seit 2008 ist Lutz Marmor Intendant des Norddeutschen Rundfunks.

Quelle: dpa

Hannover. Im Interview äußert sich Lutz Marmor, Intendant des NDR zu den starken Veränderungen, die die Reformprogramme der ARD mit sich bringen. Ein Gespräch mit dem 63-Jährigen über umstrittene Kooperationen, Sparmaßnahmen und die Zukunft des linearen Fernsehens.

Herr Marmor, die Politik hat der ARD als Hausaufgabe aufgegeben, sich zukunftsfähig und kostengünstiger zu machen. Wie wollen Sie das schaffen?

Das war nicht nur die Politik – es liegt in unserem eigenen Interesse! Wir haben zusätzlich zu den Reformprogrammen, die sowieso in den einzelnen Häusern laufen, neue gemeinschaftliche Ziele formuliert, unterschrieben von allen neun Intendanten. Wir planen große Vereinheitlichungen in der Verwaltung, der Produktion und Programmerstellung. Das ist eine tiefgreifende Reform. Wir wollen gemeinsame Standards, einheitliche Systeme und Werkzeuge. Das ist bei neun unabhängigen Anstalten eine richtig große Anstrengung.

Wie wird sich die ARD denn konkret verändern?

Wir vereinheitlichen Computersysteme, bauen ein völlig neues gemeinsames Archivsystem auf, standardisieren unsere Verfahren. Das bringt starke Veränderungen der Arbeitsprozesse mit sich. Dazu kommt eine große Verwaltungsreform. Wir werden kooperieren, wo immer es geht und zu mehr Effizienz führt. Kooperation wird die Regel, nicht die Ausnahme sein – ohne die Programme oder die regionale Vielfalt zu beschneiden.

Die Ministerpräsidenten haben Sie auch aufgefordert, so zu wirtschaften, dass der Rundfunkbeitrag über 2021 hinaus bei 17,50 Euro stabil bleiben kann. Kriegen Sie das hin?

Der Rundfunkbeitrag bleibt über die nächsten drei Jahre bis 2020 stabil. Das sind weitere dreieinhalb Jahre ohne Steigerung. Und wir möchten auch für die Zeit danach eine gute Relation zwischen dem Rundfunkbeitrag und unseren Leistungen. Wir wissen hier im Norden, dass die meisten Menschen uns das zubilligen. Seit zehn Jahren fragen wir repräsentativ jedes Jahr über 3000 Menschen, ob der NDR sein Geld wert ist. Zwei Drittel sagen: ja. Aber damit das so bleibt, brauchen wir jetzt eine große Reform. Für die Höhe des Beitrags ab 2021 wird die unabhängige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten voraussichtlich Ende 2019 eine Empfehlung aussprechen, dabei bleibt es. Wir sind jedenfalls bereit, im Zeitrahmen unserer Reformagenda alles, was an digitalen Herausforderungen auf uns zukommt, aus dem Bestand zu finanzieren – und nicht wie früher für neue Projekte neues Geld zu beantragen. Die Menschen zahlen unter 60 Cent pro Tag und nutzen öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen im Schnitt drei Stunden und 23 Minuten.

Verstärkte Kooperation – das klingt ein bisschen nach Sparmaßnahmen, die nicht wehtun dürfen.

Das tut schon weh! Da fragen Sie mal in den Verwaltungen. Das wird Arbeitsplätze kosten, auch beim NDR. Wie viele genau, steht noch nicht fest, aber wir werden das dank der Fluktuation ohne betriebsbedingte Kündigungen hinbekommen Das Sparen ist für uns jetzt auch nicht neu. Wir haben beim NDR seit Mitte der 90er-Jahre mehr als 700 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut. Das Neue ist jetzt: Wir haben uns in der ARD zusammengerauft und uns neue gemeinsame Ziele gesetzt.

Aber warum fusioniert man nicht zum Beispiel die beiden digitalen Spartensender tagesschau24 und ZDFinfo zu einem gemeinsamen Nachrichtenkanal?

Weil die beiden völlig unterschiedliche Programmangebote haben. Das sind keine Konkurrenten, da gäbe es so gut wie keine Synergien. Tagesschau24 hat ein verlässliches Nachrichtengerüst und schafft innerhalb von ARD-aktuell unglaublich viele Synergien, auch für die schnelle Berichterstattung bei aktuellen Nachrichtenlagen wie zum Beispiel Unglücken, Naturkatastrophen und Terroranschlägen.

Und wann geht Radio Bremen im NDR auf und der Saarländische Rundfunk im SWR?

Das würde nicht sehr viel Geld sparen. Und außerdem liegt das gar nicht in unserer Hand. Wir können darüber nicht entscheiden, das ist Sache der Länder.

Und die tut sich traditionell schwer damit, Sender aufzugeben, die auch für sie wichtige Plattformen sind.

Dafür kooperieren wir ja schon sehr stark mit Radio Bremen. Wir machen mit dem NDR Fernsehen gemeinsam mit Radio Bremen ein Programm für fünf Bundesländer. Als Intendant einer Mehrländeranstalt sehe ich diese Debatte gelassen. Ich halte das für ein zukunftsfähiges Modell. Wir haben ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Radio Bremen.

A propos freundschaftliches Verhältnis: Was kann man denn tun, um den Konflikt zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und vielen Verlagen zu entschärfen, die Ihnen vorwerfen, mit beitragsfinanzierten presseähnlichen Angeboten den Markt zu verzerren?

Wir müssen alle zur Sachlichkeit zurückfinden. Ich bin immer gesprächsbereit. Es ist aber auch eine Sache der Wahrnehmung. Als wir das junge Angebot Funk gemacht haben, haben wir dafür zwei lineare Programme eingestellt. Es ist selbstverständlich nicht unser Ziel, die Presse zu verdrängen. Das wäre ja auch völlig verrückt. Wir haben gemeinsame Probleme – das sind die Googles, Facebooks, Amazons und Youtubes dieser Welt. Aber die Menschen, die unsere Angebote nutzen, erwarten schon, dass wir auch im Netz eine Rolle spielen. Wenn wir das nicht tun würden, hätten wir keine Zukunft. Ich bin dafür, sich noch mal an einen Tisch zu setzen.

Ein weiteres umstrittenes Geschäftsfeld sind Kooperationen mit Privaten. Die Tom-Tykwer-Serie „Babylon Berlin“ kostet mehr als 30 Millionen Euro, das Geld kommt unter anderem von der ARD und Sky. Dafür gucken ARD-Zuschauer ein Jahr lang in die Röhre, während Sky-Zuschauer die Serie schon im Oktober sehen, obwohl sie dafür bezahlt haben. Wie wollen Sie das erklären?

Es ist ein Experiment. Wir müssen am Ende sehen, ob die Sache aufgeht und fair bleibt. Sky hat aber halt auch Geld dazugegeben. Dafür liegen die Rechte ab Herbst 2018 für mehrere Jahre bei uns, und wir haben eine Top-Serie im Programm. Das war die Idee. Uns wird so oft vorgeworfen, dass wir nichts riskieren und ausprobieren. Nun haben wir’s mal getan und was Neues versucht und die Kräfte gebündelt. Ich finde, das war einen Versuch wert.

Netflix, Amazon und Co. sitzen Ihnen im Nacken: Sie verändern die Ansprüche an das lineare Fernsehen, was Komfort und Qualität angeht. Wie wollen Sie sich da zukunftssicher machen?

Grundsätzlich erlebt das lineare Fernsehen ein Hoch, allen Unkenrufen zum Trotz. Die Akzeptanz und Nutzung ist groß, auch wenn wir um jüngere Zuschauer viel stärker werben müssen. Wir arbeiten daran, unsere Mediatheken komfortabler und besser zu machen. Die müssen zeitgemäß sein. Menschen verstehen nicht, warum Ki.ka-Beiträge in der Ki.ka-Mediathek nicht auftauchen – weil sie eingekauft sind und die Rechtslage uns das Einstellen nicht gestattet. Da sollten sich die Regeln viel stärker an den Bedürfnissen der Zuschauer orientieren. Es ist doch nicht nachvollziehbar, wenn wir im Ersten „Sherlock“ von der BBC zeigen, ebenfalls öffentlich-rechtlich, aber das dann nicht in der ARD Mediathek zu finden ist.

Der Druck auf ARD und ZDF kommt derzeit von vielen Seiten. Wir wollen Sie bei denen, die Ihnen nicht vertrauen, größere Akzeptanz erreichen? Die AfD möchte das öffentlich-rechtliche Fernsehen gern abschaffen.

Erstens tragen Reformprozesse dazu bei, dass das Programm gut bleibt. Je besser unser Programm, desto höher unsere Akzeptanz. Aber ja, wir müssen besser erklären, was wir tun und warum. Abschaffung des Rundfunkbeitrags – was würde das denn heißen? Kein „Tatort“ mehr, keine „Sportschau“. Vor allem will die AfD Unterhaltungsprogramme abschaffen. Das ist sicher nicht im Sinne aller ihrer Wähler – für eine populistische Partei ein interessanter Gegensatz. Aber man muss auch sagen: Diese Partei haben in Deutschland 13 Prozent gewählt. 87 Prozent der Wähler haben sie nicht gewählt. Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird. Auch bei der Ausgestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss nicht maßgeblich sein, was eine Partei mit 13 Prozent sich vorstellt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht über der Diskussion von Minderheitspositionen die Interessen der Mehrheit aus den Augen verlieren.

Von Imre Grimm/RND

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