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Nachrichten Medien Fernsehen Florian Drücke: „Die Branche braucht Klarheit“
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17:52 09.09.2018
Blickt am Mittwoch gespannt Richtung Straßburg: Florian Drücke, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie. Quelle: Foto: Markus Nass

Herr Drücke, der Bundesverband Musikindustrie wünscht sich ja schon lange eine Lizenzpflicht für Musikdienste. Was erhoffen Sie sich, wenn am Mittwoch in Straßburg über das EU-Urheberrecht abgestimmt wird?

Das Ganze ist ja ein Paket zur Verbesserung des Urheberrechts im digitalen Binnenmarkt. Der für uns wesentliche Teil ist dabei das Thema „Value Gap“, manche sagen auf Deutsch „Wertschöpfungslücke“. Dienste wie Spotify und Co., die in letzter Zeit mit dem Streaming von Musik sehr viele Menschen erreichen und sehr gutes Wachstum erzielen, lizenzieren ganz normal am Markt. Youtube aber, der größte Onlinemusikdienst der Welt, zieht sich immer noch auf die Position zurück, dass man doch eigentlich nur eine „technisch neutrale Plattform“ für andere sei, und deshalb nicht dazu verpflichtet sei, von den Rechteinhabern eine Lizenz zu erwerben. Sondern dass das ja eher eine Angelegenheit der Verbraucher wäre. Dann waren sie aber doch bereit, eine Summe zu zahlen.

Also sind sie lizenziert?

(lacht) Ja, aber Youtube zahlt einen Euro pro Jahr und Nutzer an die Branche, während Spotify 18 Euro zahlt. Hier zeigt sich der „Value Gap“. Dass sich das Lizenzniveau auch in Zukunft unterscheidet, ist vollkommen in Ordnung, es geht ja auch um unterschiedliche Dienste, aber das Verhältnis 1:18 ist zu drastisch. Begründet ist das letztlich durch eine Regelung aus der digitalen Steinzeit, europäisch getroffen damals, bei der man von der Idee getrieben war, das Internet nicht zu stark zu regulieren, sondern die Entwicklung zu incentivieren – getragen von dem nachvollziehbaren Wunsch, technisch neutrale Dienstleister vorsichtiger zu behandeln als solche, die direkt etwas mit Inhalten zu tun haben. Allerdings hatte man dabei die Dienste, Plattformen und Services, die wir heute erleben, noch nicht im Blick, und genau darum geht es. Hier ist ein Update des Rechtsrahmens erforderlich. Digitalgeschäft heißt im Wesentlichen digitales Lizenzgeschäft, die Lebensader der digitalen Kreativwirtschaft. Deshalb kann die Branche hier auch nicht nachgiebig sein.

Bei Musikdiensten reden alle von Spotify und Apple, Youtube dagegen wird eher als bunte Tüte wahrgenommen.

Das ist perfide. Denn Youtube hat mit 1,3 Milliarden Nutzern weltweit die größte Hörerschaft. Bricht man es auf Deutschland runter, trägt das Videostreaming von Youtube und Co. gerade einmal 2,2 Prozent zum Umsatz der Musikindustrie bei. Gleichzeitig wissen wir aus neueren internationalen Studien, dass der Nutzungsanteil, also die Zeit, die Kunden darauf verwenden, bei Youtube Videostreaming zu nutzen, 46 Prozent beträgt. Das Audiostreaming von Spotify, Apple und den Mitbewerbern, das jüngst die CD überholt hat, trägt dagegen 47,8 Prozent zum Umsatz bei. Ein Ungleichgewicht, das wir ändern wollen. Es kann nicht sein, dass ein großer Dienst, der so intensiv Musik nutzt, den Finger aus der Pastete zieht und sagt: „Sorry, wir sind technisch neutral, nur eine Plattform, wissen gar nicht, wieso ihr euch beschwert.“ – und nur einen Obolus zahlt.

Diese Neutralität hat bei Youtube im Lauf der Zeit nachgelassen?

Wenn sie denn jemals da war. Algorithmen kommen nicht von irgendwoher. Das, was Youtube macht mit seiner Art von Empfehlungen, mit seiner Art von Musikauswertung und Werbeplatzierung, zeigt, wie nah man am Produkt ist. Man kuratiert und partizipiert und verdient viel Geld mit den Inhalten anderer, ohne sie adäquat am Erfolg teilhaben zu lassen. Was man dann zu hören bekommt, ist: „Das ist doch gute Promotion.“ So leicht kann man es sich im Jahr 2018 nicht machen. Denn die Jüngeren bleiben bei Youtube, finden dort alles. Die gehen auch nicht zu Spotify und werden dort Premiumkunde. Youtube ist ein eigenes Ökosystem, behält die Kunden bei sich. Technisch neutral sind übrigens nur wenige Dienste, nämlich – zum Beispiel – solche, die im Hintergrund Dateien speichern.

Was wäre durch das neue Urheberrecht positiv für den Verbraucher?

Es würde festgelegt, dass die Plattform lizenzieren muss und dass das nicht auf die Verbraucher abgeschoben werden kann. Außerdem würde vorgesehen, dass Verbraucher sich in transparenten Verfahren beschweren können, wenn sie meinen, dass eine Datei zu Unrecht gesperrt wurde. Zudem würde Wettbewerbsgerechtigkeit für die anderen scharf konkurrierenden Plattformen geschaffen, die durch Youtubes Verhalten enorm unter Druck stehen. Und zuletzt, dass die Kreativen und wir, ihre Partner, hinreichend partizipieren. Es ist Zeit, das endlich geradezuziehen.

Den Kampf führen Sie also auch für ihre Künstler.

Auf jeden Fall, es gibt in der Branche eine große Geschlossenheit. Die Verlage sind dabei, die Verwertungsgesellschaften auch. Die Gema steht Seite an Seite mit uns, sie vertritt Komponisten, Textdichter und Verlage. Aber auch über die Musikbranche wird die Klarstellung des gesetzlichen Rahmens für notwendig gehalten. Und das hat Strahlkraft. Selbst amerikanische Künstler schauen sehr genau darauf, was hier in Europa passiert. Sie hoffen darauf, dass hier in Europa – nachdem wir schon in Sachen Datenschutz einen sehr selbstbewussten digitalen Regulierungsweg eingeschlagen haben – ein Signal für die Kreativen und ihre Partner gesetzt wird.

Wie werden die Künstler und Bands eigentlich von Diensten wie Spotify oder Apple bezahlt?

Das ist nicht ganz unkompliziert. Es gibt viele Berechnungen, bei denen alles auf die Einnahme des Künstlers per Stream heruntergebrochen wird, die uns aber eher ablenken. Die Branche schaut mehr darauf, was pro Abonnent erlöst wird. Der Fokus liegt dabei auf Premium-Abonnenten, denn dort wird letztlich das Geld verdient – über die Kunden, die monatlich über lange Zeiträume zahlen. Die Einnahmen teilen sich die Labels und die Künstler nach den in den Verträgen festgelegten Anteilen intern. Daneben partizipieren die Komponisten, Textdichter und Verlage über die Verträge mit den Verwertungsgesellschaften, bei uns in Deutschland der Gema. Die Frage, wer was vom Kuchen kriegt, taucht natürlich immer wieder auf, sie ist letztlich aber so alt wie das arbeitsteilige Handeln selbst und im Übrigen auch das Urheberrecht. Ich finde, dass die Wahrnehmung der Thematik sich deutlich verbessert hat. Meines Erachtens hat hier auch ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Die Musikbranche, die sich ja nach der Jahrtausendwende in einer tief greifenden Krise befunden und fast die Hälfte der Umsätze eingebüßt hat, hat sich sehr stark verändert und sich auf ein völlig neues Erlösmodell eingelassen. Früher gab es einmal Geld, einen Scheck. Jetzt werden über lange Zeit geringere Erlöse generiert, das muss man zunächst selbst einmal verinnerlichen, aber natürlich müssen es auch alle Partner verstehen und auf dieser Reise mitgenommen werden.

Die kleinen Newcomer sagen, sie verdienen wenig bis nichts am Streaming.

Es kommt wie immer darauf an, wo man hinschaut. Es gibt eben wenige Newcomer, die gleich große Hits mitbringen. Viele Bands erkennen aber beispielsweise, dass sie hier eine weltweite Hörerschaft haben, worauf man ja seine individuelle Strategie aufbauen kann. Wenn ich als deutsche Band eine Fanbasis in Neuseeland habe, kann ich da auch mal auf Tour gehen oder interessante Kollaborationen eingehen, die dann vor Ort ihre Fans finden.

Es ist doch schwer vorstellbar, dass eine Newcomer-Gruppe, nennen wir sie die Fabulösen Schneiderbuam, im Ozean von 40 Millionen Songs eine Fangemeinde in Auckland bekommt, oder?

Wir reden über Aufmerksamkeitsökonomie oder Eyeball-Business. Es gibt bei den Diensten Kuratierung – entweder durch Menschen oder Algorithmen. Die Herausforderung für Künstler, gefunden und gehört zu werden, ist tatsächlich aktuell wesentlich größer. Wenn man nicht alles selbst machen will, braucht man dazu kompetente Partner, wie beispielsweise eine Musikfirma, mit denen man die ‚Buam‘ voranbringt. Irgendwo wird dann vielleicht ein besonderes Oktoberfest gefeiert, es gibt eine Oktoberfestplaylist, einer pickt die ‚Buam‘ für diese Playlist, und plötzlich haben sie eine Audience, an die sie vielleicht gar nie gedacht hätten. Das sind Effekte, die oft sehr umfassende Datenanalysen, Nutzungsverhaltensanalysen und strategische Ableitungen erfordern oder, und das war früher auch nicht anders, man hat einfach Glück. Spannenderweise kommen hier wieder diejenigen ins Spiel, die sagen: „Naja, die Labels brauchen wir nicht mehr, weil sich doch heute jeder selbst vermarkten kann.“

Wobei der Künstler ja doch am liebsten Kunst macht.

Genau, und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wenn ich Künstler bin, soll ich selbstverständlich am Erfolg teilhaben und dann auch von meiner Kunst leben können. Es gibt aber nicht sehr viele Künstler, die ganz alleine ihre Karriere planen und dann auch noch ständig twittern, Instagram und Facebook bedienen, also in eigener Sache Promotion machen, um die notwendige Aufmerksamkeit zu generieren. Genau hier sind kompetente Partner nötig, weil ich mich als Künstler sonst in dieser Welt verliere. Welchen Partner ich mir dann nehme, das entscheidet jeder selbst, aber die Labels sind mit ihrer Expertise sicher sehr gut platziert.

Es ist also kein Bandschwund festzustellen, weil das Rolling-Stones-Reichwerdungsversprechen „What can a poor boy do, except to sing for a Rock-’n’-Roll-Band“ derzeit nicht eingelöst wird?

Ich habe nicht nachgezählt, aber ich nehme das so nicht wahr. Noch nie wurde so viel Musik genutzt wie heute. Unseren Mitgliedern geht es dabei ja um professionelle, langfristige Karrieren. Gerade in dieser spannenden digitalen Zeit, in der die Musikbranche sich längst zu neuen Ufern aufgemacht hat, denke ich, dass sehr viel möglich ist. Und wenn wir dann noch über Europa und die europäische kulturelle Vielfalt reden, hat das europäische Parlament nächste Woche die Möglichkeit, ein Signal auszusenden, das um die Welt gehen könnte.

Also: Gründet Bands!

Genau. Macht Musik.

Die Webmaniacs fürchten, das Ende des Internets, wie man es kennt, sei gekommen. Wikipedia geht kaputt, keine Mash-ups mehr, keine Kreativität von unten mehr, nur noch Onlineödnis und Mainstream.

Da lief eine regelrechte Desinformationskampagne, finanziert von der Techbranche über diverse Kanäle. Die entsprechenden Berichte der letzten Wochen sind erschreckend, da hier gegenüber den Parlamentariern ein demokratischer Scheinriese aufgebaut wurde, über Massmailings – und durch das Schüren von Ängsten, zum Beispiel durch den Begriff „upload filter“. Kaum einer hat sich bemüht, genauer hinzuschauen. Der Gesetzentwurf spricht von technischen Maßnahmen. Im letzten Entwurf des Gesetzes, der aus dem Rechtsausschuss kam, sind Dienste wie Wikipedia übrigens explizit ausgenommen worden. Denn natürlich will man denen keine Probleme machen. Auch Mash-ups sind weiterhin möglich, wobei hier viele Leute gar keine echten Mash-ups meinen. Denn Mash-ups sind nach unserem Verständnis eigene Kreationen, also nicht einfach „uploaded content“. Es geht aber ja generell nicht darum, irgendetwas zu verhindern. Sondern nur darum klarzumachen: Damit alles weiterhin passieren kann, brauchen wir Klarheit bei der Lizenzierung. Die Branche guckt nicht von der Verhinderungslogik drauf, sondern vom Möglichmachen und der Partizipation.

Das bunte Netz geht nicht kaputt?

Mitnichten. Die Stoßrichtung ist doch eine andere: Klarheit im digitalen Markt, Klarheit in Bezug auf die Rollen der verschiedenen Dienste, Klarheit in Sachen Lizenzierung. Um alles möglich zu machen, was es heute gibt. Dass Rechtssicherheit besteht, im Sinne aller. Es handelt sich aus unserer Sicht um eine überfällige Klarstellung des Rechtsrahmens und um die Definition von Verantwortung im digitalen Raum.

Im Übrigen geht auch nichts kaputt, wenn sich etwa ein Künstler auf sein Urheberpersönlichkeitsrecht beruft. Das heißt, wenn ein Künstler beispielsweise merkt, dass eine rechte Gruppierung seine Musik für ihre Videos benutzt. Dann muss er doch die Möglichkeit haben, zu sagen: „Nein, das will ich nicht.“ Das verstehen letztlich alle. Und sollte es Streit geben, was ich als Jurist natürlich nie ausschließen würde, sieht das Gesetz sogar spezielle Verfahren vor.

Was würde sich für einen Mash-up-Bastler ändern nach einer positiven Abstimmung für das Urheberrecht am 12. September?

Er wüsste, dass die Plattform lizenziert hat. Dann würde er mit einem guten Gewissen das weitermachen können, was er vorher nur mit einem halb guten gemacht hat.

Wie schnell würde die neue Regelung nach dem 12. September umgesetzt?

Wenn das Parlament am 12. dafür stimmt, dann trifft sich der Vertreter des Parlaments mit Rat und Kommission im sogenannten Trilog-Verfahren, um deren drei Positionen miteinander abzuschmecken, bis dann ein letzter Entwurf zustande kommt, der dann noch einmal beschlossen werden muss. Sie erkennen einen gewissen Zeitdruck, denn die europäische Legislatur geht bald zu Ende. Da es sich um eine Richtlinie handelt, die noch in nationales Recht umgesetzt werden muss, geht hier noch weitere Zeit ins Land. Aber wenn man eine europäische Lösung hat, muss man auch nicht warten, bis jedes einzelne Land Vollzug meldet, sondern die verschiedenen Player können sich im Sinne einer baldigen Einigung mit Youtube an einen Tisch setzen, dann ohne Ausreden – und eine Lösung finden.

Florian Drücke (43) studierte Rechtswissenschaften in Berlin und Toulon, er wurde 2004 an der Univesität Greifswald promoviert. 2006 wurde der Rechtsanwalt Justiziar beim Bundesverband Musikindustrie (BVMI). Seit November 2017 ist Florian Drücke Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands. Der gebürtige Heidelberger ist verheiratet, Vater zweier Söhne und lebt in Berlin.

Von Matthias Halbig / RND

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