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"Terror": Der Zuschauer wird zum Richter

TV-Experiment in der ARD "Terror": Der Zuschauer wird zum Richter

Die ARD lässt im Gerichtsfilm "Terror" die Zuschauer über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten abstimmen, der 164 Menschen getötet hat, um 70.000 zu retten. Ist das makaber? Wie würden Sie entscheiden?

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Held oder Mörder? Der Angeklagte Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz).
 

Quelle: ARD Degeto

Hannover. Ein Terrorist kapert ein Flugzeug mit 164 Menschen an Bord und droht, es auf ein voll besetztes Fußballstadion stürzen zu lassen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten entscheidet ein Kampfpilot der Luftwaffe, Lars Koch, das Flugzeug abzuschießen. Alle Passagiere sterben. Nun muss er sich vor Gericht verantworten. Ist er ein Held? Oder ein 164-facher Mörder?

„Terror“ heißt das Stück von Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, das mit großem Erfolg bereits auf zahlreichen Theaterbühnen im Land gezeigt wird. Am Montagabend bringt die ARD die Verfilmung unter der Regie von Lars Kraume. Zeitgleich läuft sie in Österreich, der Schweiz, Slowenien und Tschechien. Wie schon die Theaterbesucher werden auch die Fernsehzuschauer um ihr Urteil gebeten: Soll Lars Koch wegen Mordes verurteilt oder soll er freigesprochen werden?

Terror und die Frage der Schuld

In der Gewalt von Terroristen: Ein Luftwaffenpilot schießt 164 Menschen ab und rettet damit 70000 Menschen das Leben. Dann steht er vor Gericht wegen Mordes: Schuldig oder nicht?

Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten?

Es ist ein großartiger Fernsehfilm, ein Kammerspiel vor der Kulisse eines Gerichtssaals, glänzend besetzt mit Burghart Klaußner als Richter, Florian David Fitz als Angeklagtem, Martina Gedeck als Staatsanwältin und Lars Eidinger als Verteidiger. Der Stoff ist, wie von Schirach nicht anders gewohnt, anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich. Die Darstellung kommt der Realität vor Gericht sehr nah. Eidinger agiert als Verteidiger mal arrogant, mal frech, oft rhetorisch brillant. Klaußner unterbindet als Richter manche Mätzchen, bleibt ruhig und hat doch immer das letzte Wort.

Es geht um eine komplexe Frage: Darf man 164 unschuldige Menschen töten, um 70 000 zu retten? Nein, darf man nicht. Der Angeklagte hat es getan. Er hat das Flugzeug abgeschossen – und damit gegen die Verfassung verstoßen.

Schuldig oder Nichtschuldig? Die Zuschauer haben das Sagen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es dort gleich in Artikel eins. Und wenn jedes Leben gleich wertvoll ist, ist es unmöglich, Leben gegen Leben abzuwägen. Das heißt: Der Staat darf niemals unschuldige Menschen töten. „Die Verfassung ist klüger als wir, klüger als unsere Wut, klüger als unsere Angst“, erklärt die Staatsanwältin im Film: „Nur mit ihr werden wir in Zeiten des Terrors als freie Gesellschaft überleben.“

Der Film endet zunächst nach den Plädoyers. Dann sollen die Zuschauer per Telefon oder im Internet über die Schuld oder Unschuld des Angeklagten abstimmen. Frank Plasberg, Moderator von „Hart aber fair“, wird die Abstimmungszeit überbrücken. Danach geht der Film im Sinne des Zuschauervotums weiter. Im Namen des Fernsehvolkes wird der Richter das Urteil sprechen. Im Anschluss folgt eine Diskussion bei „Hart aber fair“.

Potsdam hat bereits abgestimmt

Ein Theaterstück, ein Film und viele Richter: Im Thalia-Kino und im Hans-Otto-Theater konnten die Zuschauer bereits am Freitag abstimmen, ob der Bundeswehrpilot aus Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ des Mordes an 164 Menschen schuldig ist oder nicht. Potsdams Publikum hat entschieden: Freispruch!

„Volksabstimmung über die Menschenwürde“

Der FDP-Politiker und frühere Bundesinnenminister Gerhard Baum hat die Abstimmung heftig kritisiert. „Hier wird doch in Wahrheit über das Grundgesetz abgestimmt“, sagte er in einem Interview. Schirach fordere die Zuschauer zu einer Art Volksabstimmung über die Menschenwürde auf.

Dieser Eindruck drängt sich in der Tat auf. „Terror“-Autor Ferdinand von Schirach sieht das anders. „Wir stimmen hier nicht über die Schuld oder Unschuld eines Menschen ab. Wir stimmen auch nicht über das Grundgesetz ab“, sagte er bei der Vorstellung des Films in Hamburg: „Wir sehen einen Film. Und die Abstimmung dient nur als Motor, dass die Zuschauer eine Diskussion darüber beginnen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen.“

Die Erklärung liefert „Hart aber Fair“

Doch wird der Fernsehzuschauer den Abend wirklich als Beginn einer Diskussion verstehen? In bisher 429 Theateraufführungen in Deutschland wurde der Pilot­ ­402-mal vom Publikum freigesprochen. Es ist damit zu rechnen, dass auch die Fernsehzuschauer dies tun werden. Dem Votum entsprechend wird der Film dann mit der furchtbar überzeugenden Urteilsbegründung des Richters fortgesetzt.

Der Zuschauer wird also womöglich mit dem Eindruck ins Bett gehen, nun zu wissen, warum ein Kampfpilot ein Passierflugzeug in bestimmten Fällen abschießen darf. Warum dies unserer Verfassung widerspricht, erfährt er in der Begründung des Freispruchs nicht. Er hört es erst, wenn er sich die Mühe macht, auch noch „Hart aber fair“ zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass sich viele, viele Zuschauer genau diese Mühe machen werden.

Abstimmung via Telefon oder Internet

Durfte der Kampfpilot das entführte Flugzeug mit 164 Unschuldigen an Bord abschießen? Obwohl noch gar nicht klar war, ob die angedrohte Terrortat wirklich begangen werden würde? Beide Versionen des Filmendes – schuldig oder nicht schuldig – sind vorgedreht. Die Zuschauer stimmen nach den Plädoyers im Film mehrere Minuten lang quasi als Schöffen ab. Dann wird das Urteil gezeigt.

Zuschauer können ihr Votum wie folgt abgeben: telefonisch unter (01 37) 1 02 20 01 (schuldig) beziehungsweise unter (01 37) 1 02 20 02 (unschuldig) oder online unter www.daserste.de/hartaberfair. Im Anschluss diskutiert Frank Plasberg in einer Livesendung mit Gästen um 21.40 Uhr über den Film.

Von RND/Wiebke Ramm

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