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Weshalb der neue „Tatort“ höllisch wird

Sonntags-Krimi Weshalb der neue „Tatort“ höllisch wird

„Tollwut“ heißt der neue „Tatort“ aus Dortmund, der am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist. Er handelt von Wut und Niedertracht. Eine Person gibt sich besonders satanisch.

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Im Verhörraum: Häftling Markus Graf (Florian Bartholomäi, links) hat um ein persönliches Gespräch mit Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) gebeten.

Quelle: Foto: ARD

Dortmund.
In Dortmund zeigen sie den Knast wie eines der dunklen Wimmelbilder von Hieronymus Bosch: Zellentüren als Tor zur Hölle, dunkle Blicke, als wolle man dem Nachbarn gleich den Arm umdrehen. Die Tattoos haben sie sich abgeschaut in der Kabine von Borussia Dortmund, sie sind schick und flirten mit dem Satan.

Wie in der Hölle von Hieronymus Bosch

Das Gefängnis ist in dieser neuen „Tatort“-Folge „Tollwut“ der zentrale Schauplatz, neben dem Büro des Kommissariats. Auch das Büro in Dortmund trägt Züge von Hieronymus Boschs Hölle. Es ist eine Schlangengrube, wie wir sie aus „Stromberg“ kennen.

Bürovorsteher ist Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann), ein Mann, der nur durch Zufall auf der guten Seite steht. Wenn er an der falschen Flasche nippt, wenn er vom Whisky trinkt, stellt man ihn sich mühelos als Kriminellen vor. Triebtäter, Totschläger, zumindest Nervensäge. Da die Grenze zwischen Knast und Kommissariat aber in Dortmund fließend ist, scheint es fast egal, wo Peter Faber Dienst verrichtet. Beziehungsweise Buße tut.

Ein Konfirmand mit der bösen Energie von Hannibal Lecter

Denn der Mann ist gestraft, Frau und Tochter wurden ermordet – mutmaßlich von Markus Graf (Florian Bartholomäi), der aussieht wie ein Konfirmand, dem sie aber im Drehbuch (geschrieben von Jürgen Werner) die böse Energie von Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“ mitgegeben haben. Die Regie (Dror Zahavi) bemüht sich, Graf, den Dämon mit dem Babyspeck, ins rechte Licht zu rücken.

Wenn der Sonnenschein im Knast von hinten kommt und Graf sein maliziöses Lächeln zeigt, dem etwas Mütterliches innewohnt, während das scharfe Licht sich um den Kopf legt wie bei einem Heiligen, denkt man unwillkürlich: Kinder, macht mal halblang!

Im Dortmunder „Tatort“ werden die Personen seelisch entblößt

Das Problem, oder eben der Segen der Dortmunder „Tatorte“ liegt darin, dass sie niemals halblang machen. Auch dieser Film ist rein erzählerisch vollkommen überladen. Nirgendwo ein Sonntagabendkrimi, der so unökonomisch strukturiert ist wie der aus Dortmund; kein anderer Schauplatz, wo sie ihr Personal seelisch so entblößen und es präsentieren wie in einem Kabinett der Gebrochen, Gefallenen, Versehrten.

Allein die undurchsichtige, traurige Figur der Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) wäre eine volle Episode wert. Wenn sie das Wort „Mitleidsfick“ ausspricht, wird man überrumpelt. Okay, im Ruhrpott reden sie halt sehr direkt.

Es ist ja wirklich eine komplizierte Ausgangslage – Jonas Zander (Thomas Arnold) ist an Tollwut erkrankt und möchte kurz vor seinem Tod mit ihr ins Bett. Zander war früher Rechtsmediziner, arbeitet nun als Gefängnisarzt und hat sich im Knast mit Tollwut infiziert.

Das ist nur ein Bruchteil der Geschichte. Alle Zweige dieser Story nachzuzeichnen, ist nicht möglich, weil viele in die Irre führen. Doch um die Kernfragen des Filmes rauszuschälen: Wie kam die Tollwut, an der bereits ein Häftling starb, in die Anstalt? Was hat Markus Graf mit dem Virus zu tun?

Viele mystische Wendungen

Weil sie dick auftragen im Dortmunder „Tatort“ und mit der Hauptfigur Faber sehr viel Lautstärke, Künstlichkeit und mystische Wendungen in den Film packen, ist man froh über eine so unverstellte Figur wie Nora Dalay (Aylin Tezel).

Sie arbeitet im Kommissariat, hatte was mit einem Kollegen, doch der Kollege ließ sich versetzen. Das ist eine relativ unauffällige Biografie für diesen Krimi-Standort, denn psychisch ist die Frau stabil und wirkt inmitten des Ensembles wie ein Straßenkind, das auf den Putz haut und die Scheiben wischt, damit man im Büro wieder den ungetrübten Blick aufs Leben hat. Aylin Tetzel spielt so unverstellt, dass man erleichtert spürt, da ist ein echter Mensch im Film, der keine Thesen transportiert – er will sich einfach zeigen.

Das Wunder dieser Folge aus Dortmund liegt darin, dass ein übervolles Drehbuch und Sätze, die nach Papier klingen, zu einer Spannung führen, wie man sie allgemein im „Tatort“ selten sieht.

All die Fäden der Geschichte bündeln sich zu einem roten Faden, und man muss eingestehen: Sie kochen auf verdammt hoher Temperatur in Dortmund, doch am Ende servieren sie Feinkost.

Von Lars Grote/RND

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