Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Netzwelt HPI-Chef: „Wir brauchen digitale Aufklärung“
Nachrichten Medien Netzwelt HPI-Chef: „Wir brauchen digitale Aufklärung“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:16 31.08.2018
HPI-Chef Meinel: „Die Bürger müssen die Souveränität über ihre Daten erhalten.“ Quelle: Friedrich Bungert

Christoph Meinel (64) gehört zu den führenden deutschen Informatikern. Der gebürtige Meißener studierte in 1970-er Jahren an der Berliner Humboldt-Universität. Seit 2004 ist Meinel Institutsdirektor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering gGmbH (HPI) und Dekan der „Digital Engineering“-Fakultät an der Universität Potsdam.

Herr Meinel, zu den beliebtesten Passwörtern der Deutschen gehören noch immer „123456“, „passwort“ oder „hallo“. Woher rührt dieser Leichtsinn?

Christoph Meinel: Es fehlt das Verständnis dafür, wozu man ein Passwort braucht. Das Passwort wird etwas störendes, als Hindernis gesehen. Dass es dem Schutz der eigenen Daten und Aktivitäten dient, verstehen viele nicht. Wir müssen also dringend Routinen in der digitalen Welt einüben, wie wir das etwa mit der Hygiene im Gesundheitsbereich selbstverständlich machen. Man weiß eben, dass man sich nach der Toilette die Hände wäscht. Das Achtgeben auf die eigenen Daten, und überhaupt, dass man nicht alles von sich in sozialen Medien preisgibt, das muss genauso verinnerlicht werden. Wir brauchen eine digitale Aufklärung.

„Digitalisierung ist stark mit Ängsten beladen“

Was heißt das?

Die Bürger müssen die Souveränität über ihre eigenen Daten bekommen. Derzeit haben wir folgende Situation: Einerseits sind wir in Deutschland sehr stolz auf unseren Datenschutz, über den sich übrigens mancher in der Welt ins Fäustchen lacht, weil er uns die erkenntnisgewinnende Untersuchung verfügbarer Datenmengen sehr schwer oder gar unmöglich macht. Auf der anderen Seite gibt es keine Hemmungen, sensibelsten Daten an Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook zu verschenken.

Wer soll diese Aufklärungsrolle übernehmen? Die Schulen? Die Politik?

Digitale Aufklärung ist Aufgabe vieler Akteure – auch Politik und Medien müssen die neue Welt nüchtern erklären. Die Deutschen neigen dazu, das Thema Digitalisierung stark mit Ängsten zu beladen, und nicht nach den Chancen, sondern nach den Risiken zu fragen. Wir beim HPI interessieren uns zunächst einmal für die Chancen. So haben wir beispielsweise bei unserer Konferenz zur Zukunft der Arbeit bewusst den Fokus auf die Möglichkeiten der Digitalisierung gelegt. Wir haben uns gefragt, wie man die nutzen kann, um öde Arbeiten von Maschinen erledigen zu lassen, und welche neuen Arbeitsplätze in Zukunft durch die Digitalisierung überhaupt erst entstehen können.

Meinel im Interview bei der MAZ. Quelle: Friedrich Bungert

Welche Rolle nimmt das HPI bei dem Aufklärungsprojekt ein?

Wir haben mit openHPI (openHPI.de) eine moderne offene Online-Bildungsplattform entwickelt und bieten dort kostenlose interaktive Onlinekurse für Spezialisten aber auch für jedermann an, sogar für Kinder. Im Sommer konnten wir dort die 500 000ste Kurseinschreibung registrieren. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO nutzt diese bei uns entwickelte Plattform, um weltweit Mitarbeiter und Menschen auch in den entlegensten Regionen gesundheitlich aufzuklären. Derzeit etwa im Kampf gegen die Seuche Ebola.

Brandenburg arbeitet gerade an einer Digitalisierungsstrategie, in anderen Ländern ist es ähnlich. Droht uns ein Flickenteppich der unterschiedlichen Systeme, und jedes Land bleibt auf seinen Daten sitzen?

Wir hoffen sehr, dass sich das nicht so entwickelt. Die Effekte der Digitalisierung können sich umso besser entfalten, je mehr Nutzer ein System benutzen. Das muss man auch auf staatlicher Seite erkennen und bundesländerübergreifende Systeme bereitstellen. Zum Beispiel läuft die Zulassung in allen deutschen Bundesländern immer nach dem selben Schema. Warum sollte es also 16 verschiedene Zulassungssysteme geben? Übrigens ist schon sehr ärgerlich, dass man etwa in Berlin Wochen warten muss, um sein Auto anzumelden, was man digitalisiert rund um die Uhr sehr bequem in wenigen Minuten von zuhause aus erledigen könnte. Und wir reden ja schon 25 Jahre von der Digitalisierung.

„Wir brauchen mehr Begeisterung“

Das heißt, der Staat begeht gerade einen riesengroßen Fehler, weil er das Thema digitale Verwaltung nicht zur Chefsache erklärt?

Unser Staat ist ein riesiger Betrieb. Was Großunternehmen und private Institutionen alles schon hinter sich haben, die Umstellung auf digitale Kommunikation und die Digitalisierung von Verwaltungsvorgänge, das papierlose Büro etc, das funktioniert bei Vater Staat noch nicht. Die eigene Verwaltung zu digitalisieren, ist zunächst schon sehr aufwendig, brächte aber riesige Effizienzgewinne für die Verwaltung aber auch für die Bürger mit sich. In unserem Autozulassungsbeispiel wäre der Gewinn auch für den Staat groß: Er könnte mit den Daten gleich die Kfz-Steuer in einem Rutsch erheben, anstatt zwei getrennte Institutionen damit zu beschäftigen.

Sind wir in Europa zu wenig Risiko- oder Veränderungsfreudig? Sind wir von einer „Eurotechnopanik“ befallen, wie der US-Journalist Jeff Jarvis meint?

Wir begegnen den digitalen Technologien jedenfalls ganz anders als etwa die USA oder China. Dort sehen die Menschen begeistert die neuen Möglichkeiten und legen einfach mal los. Erst wenn etwas schief läuft oder zu laufen droht, macht man sich Gedanken darüber, wie sich das vermeiden lässt, was anders gemacht werden muss. Nun wollen wir sicher in Deutschland keine chinesischen Verhältnisse, aber wir brauchen definitiv mehr Begeisterung, mehr Zupacken und weniger Bedenken. Sonst wird es schwer, mit der rasanten internationalen Entwicklung Schritt zu halten.

Verpassen wir den Anschluss?

Nehmen Sie das Thema Digital Health, der riesige Bereich eines digitalen Gesundheitssystems. Hier sind Daten besonders sensibel, aber aus ihnen könnten auch wichtige Rückschlüsse gezogen werden, wie zum Beispiel zum weiteren wahrscheinlichen Verlauf einer Krankheit oder zur Anfälligkeit für unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten. Wenn wir hier den Weg für die Forschung versperren, findet diese nicht mehr bei uns statt, sondern im Ausland. Wir wären nur noch Konsumenten und müssten teuer einkaufen. Es ist einfach so: Wenn man ganz viele Gesundheitsdaten aus verschiedenen Bereichen zusammenbringt und analysiert, könnten wir viel Neues über Krankheitsursachen, –verläufe und Therapiemöglichkeiten lernen. Wir sollten hier unbedingt vorangehen, sonst werden wir zum reinen Konsumenten von Techniken, die woanders entwickelt werden – und über deren Sicherheit wir dann überhaupt nicht mehr mitreden könnten.

Sie arbeiten am HPI an einer Gesundheits-Cloud. Was ist darunter zu verstehen?

Wir wollen den Bürgern ein Angebot machen, souverän über ihre Gesundheitsdaten zu verfügen und diese sicher und in eigener Obhut zu speichern, nämlich in der Gesundheits-Cloud. Wenn man dann z.B. eine zweite Arztmeinung einholen will, braucht man nicht noch einmal geröntgt werden, sondern kann diesem Arzt einfach Zugang zu seinen Röntgendaten geben. Die Daten wurden ja schon erhoben und sind in der Gesundheits-Cloud gespeichert. Das spart nicht nur viel Geld, sondern schont den Körper, nicht noch einmal geröntgt zu werden. Heute geht das nicht, weil die Daten von einem Arzt erhoben wurden und nicht an den anderen Arzt übergeben werden können. Mit der Gesundheits-Cloud wollen wir dem Bürger den selbstbestimmten Zugang zu seinen Gesundheitsdaten geben. Die werden hochsicher verschlüsselt gespeichert, und der Patient kann darüber entscheiden, wem und welche Daten er für welchen Zweck freigibt. Letztlich geht es auch hier um Datensouveränität.

„Bürger müssen Herren über ihre Daten sein“

Aber wir haben doch eine so umfassende Datenschutzgrundverordnung…

Wenn wir den eigenverantwortlich handelnden Menschen wollen, muss er Herr über seine Daten sein. Das ist er heute aber kaum, trotz Datenschutzgrundverordnung. Ihm wird nur das Recht eingestanden, Ja oder Nein zu einer Datenschutzerklärung zu sagen. Das ist zu wenig. Er muss darüber entscheiden, welche Daten zu welchem Zweck an wen gehen.

Sehen Sie das HPI in der Rolle desjenigen, der dabei hilft, dass der gute Ruf der deutschen Ingenieurskunst sich auch auf das Digitale überträgt?

Das ist durchaus ein Beweggrund von Hasso Plattner, der mit SAP vor 40 Jahren genau diesen Weg beschritten hat. Seine Förderung in Forschung und Lehre ist ein ganz starkes Motiv. Der Schwerpunkt der Forschungsarbeit des HPI liegt auf der Erforschung, Entwicklung und Analyse von komplexen digitalen Systemen und der durch sie erzeugten Daten. Es geht darum, die Potenziale der Digitalisierung zu heben und die digitale Transformation unserer Gesellschaft zu begleiten. Dabei müssen auch Fehler erlaubt sein. In Deutschland muss ja immer alles von Beginn an perfekt sein. Nichts ist von Anfang an perfekt, auch die Autos waren anfangs nicht ausgereift - und sind es zum Teil ja heute noch nicht, wenn ich an die Abgasthematik denke. Man braucht Spielraum für Experimente und einen starken Wettbewerb, der hilft, die beste Lösung zu finden.

Sie wollen das Silicon-Valley-Gefühl nach Deutschland bringen?

Natürlich können wir vom Silicon Valley viel lernen und uns von der Faszination und dem Enthusiasmus anstecken lassen. Allerdings neigen die Amerikaner auch dazu, aufgrund des harten Wettbewerbs ihre digitalen Produkte sehr früh auf den Markt zu bringen und die Fehlersuche dann den Nutzern zu überlassen. Solche Fehler können mit dem Innovationsansatz „Design Thinking“, den wir am HPI lehren und praktizieren, vermieden werden. Dabei dreht sich alles um die Frage, was der Nutzer wirklich braucht und will, anstatt ihm einfach etwas vorzusetzen, nach dem er sich dann zu richten hat. Natürlich ist das in der Welt der Digitalisierung mitunter schwierig, wenn man ganz neue Dinge entwickelt, die es vorher nicht gab. Da kann man die Nutzer schlecht fragen, wie willst du es denn haben? Das haben wir anfangs auch bei der Entwicklung der Schul-Cloud gemerkt, weil keiner der Nutzer – Schüler oder Lehrer – sich richtig vorstellen konnte, was das sein soll, eine Schul-Cloud.

Mit der Schulcloud stellt das HPI Schulen eine Lerninfrastruktur zur Verfügung. Unterrichtsmaterialen und interaktive Lernsoftware werden zentral. Dazu brauchen Schulen Internetzugänge und WLAN. Wie weit ist Brandenburg, wie weit ist Deutschland da?

Die WLAN-Ausstattung in den Klassenzimmern der deutschen Schulen ist wirklich eine Misere, WLAN ist erstaunlicherweise in allen Bundesländern kaum verfügbar. Die meisten Schulen sind zwar am Internet, um aber die digitalen Möglichkeiten nicht nur in den antiquierten Computerkabinetten im Unterricht nutzen zu können, braucht es in den Schulen Breitbandanbindung und einen vernünftigen Zugang zum Internet, genauer zur Schul-Cloud über WLAN in jedem Klassenzimmer. Dabei ist WLAN überhaupt kein Hexenwerk, das ist nicht mal teuer. Schon gar nicht für ein reiches Land wie Deutschland. Bildung ist eine zentrale staatliche Aufgabe, daher muss die digitale Ausstattung von Schulen Priorität haben.

Nachholbedarf bei Schülern und Lehrern

Wenn Sie eine digitale Aufklärung fordern, könnte ein Pflichtfach Informatik oder Digitalisierung ein Teil der Lösung sein?

Ach, ich weiß, wie viele meiner Kollegen neue Schulfächer fordern, für Wirtschaft, für das Thema Finanzen… Insofern halte ich mich da zurück, obwohl das unbedingt in Eingang in die Lehrpläne finden muss. Unsere Schulen müssen die jungen Menschen fit machen für eine Welt, die durch die Digitalisierung immer komplexer wird, die anstrengender wird, die schneller wird und uns noch viel mehr Fertigkeiten abverlangt als früher. Ja wir haben in diesem Bereich einen großen Nachholbedarf – das gilt übrigens auch für die Aus-und Weiterbildung der Lehrkräfte.

Frankreich verbietet Smartphones an Schulen – sind die Franzosen noch technikpanischer als wir?

Frankreich ist ein Zentralstaat, der kann so etwas anordnen. Ich halte das wie übrigens auch viele Franzosen aber für falsch. Natürlich nutzen Schüler ihre Smartphones, um unter der Bank Nachrichten hin und her zu schicken. Das ist ein Problem, über das man nachdenken muss. Fakt ist aber: Etwa 98 Prozent der Jugendlichen haben ein Smartphone und damit kann man sehr viel Sinnvolles machen. Das muss man nutzen. Die Schulen und nicht der Staat müssen in Absprache mit den Eltern klären, inwiefern die Handy-Nutzung im Unterricht reglementiert wird.

Von Hannah Suppa, Torsten Gellner und Henry Lohmar

Donald Trump googelt sich am frühen Morgen selbst und ist dann sauer über die Ergebnisse. Ob das, was Google da tut, nicht illegal sei, überlegt der Präsident – und will handeln. Google reagiert mit einem Statement.

28.08.2018

Längere Werbung auf YouTube: Die Videoplattform weitet die nicht überspringbaren Werbespots aus. Das soll vor allem den YouTubern zu Gute kommen.

28.08.2018

Fake-Shops werden immer professioneller, auf den ersten Blick sind sie kaum von seriösen Internet-Shops zu unterscheiden. Darum sind auch schon Millionen Menschen in Deutschland auf sie hereingefallen, wie ein Medienbericht zeigt.

28.08.2018