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Was an Netflix, Amazon und Co. nervt

Neue Streaming-Strategie Was an Netflix, Amazon und Co. nervt

„Eine neue Folge pro Woche“: Immer öfter rationieren auch Netflix und Amazon ihre Serien. Warum die Streamingdienste immer mehr von ihren Grundsätzen abrücken.

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Die Kundschaft von Mediatheken und Streamingdiensten trennt sich in Jäger und Sammler: Jäger lauern wöchentlich auf die neue Episode und schlagen sofort zu – Sammler warten, bis die Staffel komplett ist, und gucken dann am Stück.

Quelle: dpa

Hannover. „Schling nicht so!“, schimpfen Eltern seit Jahr und Tag, wenn der Nachwuchs wieder versucht, drei Fischstäbchen im Ganzen herunterzuschlucken – „immer eins nach dem anderen.“ Das war lange auch das Motto des linearen Serienfernsehens: eine Folge pro Woche. Punkt. Ein neues Fischstäbchen? Klar doch, gerne. Wenn das alte aufgegessen ist.

Televisionäres All-you-can-eat-Büfett

Die Streamingdienste haben dann das „Binge Watching“ erfunden, das serielle Komaglotzen. Seitdem gibt’s Fernseh-Fischstäbchen, bis die Meere leer sind – ein televisionäres All-you-can-eat-Büfett. Fernsehen kommt nicht mehr zwangsrationiert ins Wohnzimmer oder auf den Laptop, sondern en bloc und rund um die Uhr auf Abruf. Diesen Luxus vermarkteten Netflix, Amazon und Co. lauthals als wichtiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem „alten“ Fernsehen. Die Sache ergibt auch dramaturgisch Sinn, weil es den komplexeren, verschachtelten Erzählstrukturen moderner TV-Epen entspricht. Niemand liest einen 600-Seiten-Roman in wöchentlichen Zehn-Seiten-Happen.

Noch vor Kurzem tönte Netflix’ Inhalte-Chef Ted Sarandos, es gebe „schlicht keinen Grund für eine wöchentliche Veröffentlichung“. Nicht nur, dass Zuschauer gern alles sofort möchten: Die Netflix-Marktforschung zeige, dass die meisten bei wöchentlicher Ausstrahlung über Monate nichts anderes guckten als „ihre“ Serie – bis zur Finalfolge. Wer die Show dagegen in wenigen Tagen „wegguckt“, interessiere sich früher und stärker auch für andere Produktionen. Sarandos war so überzeugt vom „Binge Watching“, dass er auch Kritik von „Mad Men“-Produzent Matt Weiner abperlen ließ. Falls er je für Netflix produzieren werde, sagte Weiner, werde er auf wöchentlicher Ausstrahlung bestehen. Sarandos’ trockene Replik: „Er wird verlieren.“

Zurück zur klassischen TV-Ausstrahlungspolitik

Doch seinen eigenen Anspruch kann Netflix nicht einlösen. Die großen Streamingdienste gehen dazu über, die heiße Ware in wöchentliche Folgen zu zerhacken. Das liegt zum Teil daran, dass viele Produktionen von herkömmlichen TV-Konzernen stammen, die an der klassischen Ausstrahlungspolitik festhalten. Die Serie „Better Call Saul“ mit Bob Odenkirk etwa – die die Vorgeschichte des „Breaking Bad“-Anwalts Saul Goodman erzählt – stellte Netflix wöchentlich episodenweise zur Verfügung, weil der Kabelsender AMC darauf bestand.

Das gleiche Problem hat Netflix mit „Fargo“ und Amazon derzeit mit der Familien-Sitcom „Life in Pieces“. Auch hier bestand der Herstellersender FX auf wöchentlicher Ausstrahlung – jeweils einen Tag nach der TV-Premiere. Auch die neue NBC-Sitcom mit „King of Queens“-Star Kevin James namens „Kevin Can Wait“ gibt es bei Amazon nur häppchenweise. Die ersten sieben Episoden von „Fear of The Walking Dead“ stellte Amazon wöchentlich parallel zu AMC ins Netz – und pausierte dann wochenlang, bevor es den Rest der Staffel gab.

Und sogar mit Eigenproduktionen verfährt die Streamingwelt immer knauseriger: Maxdome zeigte von seiner mit Stolz präsentierten – in Wahrheit ja vor allem für Pro7 produzierten – Sitcom „Jerks“ mit Christian Ulmen und Fahri Yardim nur zwei neue Folgen pro Woche. Bei der ProSiebenSat.1-Konzerntochter sitzt das analoge Fernsehgebaren offenbar noch tief in der DNA. Der US-Dienst Hulu rationiert fast alle seiner selbstproduzierten Serien. Und auch Netflix zeigte seine kanadische Serie „Between“ nur im Wochenrhythmus und zerhackte die erste Staffel der eigenen Sitcom „The Ranch“ mit Ashton Kutcher in zwei Teile, zwischen denen Monate lagen.

Ende vom „Binge Watching“?

Die Kundschaft von Mediatheken und Streamingdiensten trennt sich in Jäger und Sammler: Jäger lauern wöchentlich auf die neue Episode und schlagen sofort zu – Sammler warten, bis die Staffel komplett ist, und gucken dann am Stück. Für die meisten Kunden aber ist der Sequenzzwang ein Ärgernis. Denn die schöne neue Fernsehwelt hatte sie ja mit dem Versprechen sofortiger Verfügbarkeit gelockt.

Die Streamingmultis selbst haben dem Publikum die Geduld abtrainiert, sie angefixt und verdorben. Insgeheim aber kommt Netflix, Amazon und Co. die zwangsweise Rückkehr zum Wochenmodell durchaus zupass: Sie können die Schuld auf das klassische Fernsehen schieben, sind aber in Wahrheit dankbar für die Möglichkeit, die Abonnenten so lange wie möglich an den Dienst zu binden. Also tun sie alles, um sie zu verführen, während der Wartezeit auf die Lieblingsserie auch mal links und rechts am Wegesrand nach Fernsehblüten zu schauen – statt einfach einen Probemonat zu abonnieren, Netflix „leer zugucken“ und zu warten, bis wieder frischer Stoff nachgeladen ist.

Werbetrailer für Neuware

Und noch ein Ärgernis. Fernsehen ohne Werbeunterbrechung? Im Prinzip schon. Dafür laufen vor immer mehr Amazon-Produktionen nervtötende Werbetrailer für Neuware. So war das nicht gedacht. Mit Kundenerwartungen ist es eben wie in dem alten Schlager: „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“.

Von RND/Imre Grimm

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