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Panorama Daniel Küblböck – das unverstellte Chamäleon
Nachrichten Panorama Daniel Küblböck – das unverstellte Chamäleon
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17:55 10.09.2018
Wann ist ein Mann ein Mann? Im hannoverschen Musikclub Faust stellte sich Daniel Küblböck den Fans 2006 mit neuer Optik und neuem Sound vor. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

„Ich werde im August 21“, sagte Daniel Küblböck 2006 im Gespräch in Hannover. „Für mich ist das Leben noch nicht gelaufen. Ich bin schon ein kleines Chamäleon. Ich habe keinen Bock mehr, Handtäschchen zu drehen. Ich bin jetzt ein Mann, das soll man sehen.“ Das klang erstmal markig. Neues Album, neue Tour, neue Band, neuer Sound. Eine Neuerfindung seiner selbst. Er versuchte einen coolen Blick aufzusetzen, aber Sekunden später war sein Grinsen wieder breiter als das Gesicht.

Ein „richtiger Kerl“ konnte er keine fünf Minuten sein

Das Ein-Richtiger-Kerl-sein – das konnte Daniel Küblböck 2006 auch auf der Bühne keine fünf Minuten durchhalten. Im hannoverschen Faust erschien er damals mit Kurzhaarschnitt, im erdigen Ringelshirt, ohne sein Markenzeichen, die Brille, die Ohren chirurgisch angelegt. Die Stimme hatte nicht mehr das ulkige Schlingern, er konnte Melodien halten, ein Stimmcoach von Michael Jackson hatte ihn geschult.

Vom schrillen Vogel bis zum Unternehmer – Daniel Küblböcks bewegtes Leben in Bildern.

Und nun sollte der softe, quirlige, feminine Daniel der „Deutschland sucht den Superstar“-Tage – drei Jahre nach seinem dritten Platz in der ersten Staffel – also Geschichte sein. Rock’n’roll-haft kickte er denn auch gleich mal den Mikrofonständer von sich. „Einen Ständer hab ich selber“, teilte er den verblüfften 95 Prozent Frauen im Publikum alsdann mit. Feixte aber sogleich breit grinsend mit niederbayrischem Zungenschlag hinterher: „Ihr hättet auch gern einen, was?“ Und da kam er auch schon wieder zum Vorschein – der Kasper aus „DSDS“, diesmal als Möchtegernmacho.

Begegnung mit einem Suchenden

Die Begegnung mit ihm war die mit einem Suchenden. Das ewige Kind Daniel Küblböck suchte mit 20 Jahren den Erwachsenen in sich, der Junge den Mann, der Naive den Ausgebufften, der Spaßvogel den Ernst des Lebens. All das wollte er dem Interviewpartner auch vorführen, nichts davon hatte er aber gefunden, entsprechend gelang in dem Gespräch nichts wirklich überzeugend.

Weil Daniel Küblböck bei aller Verkleidungslust ein ganz Unverstellter war, ein netter, dabei sehr von seinem Showtalent überzeugter junger Mann. Gerade eben kam er von einem Fotoshooting für die „Berliner Zeitung“, die ihm Ähnlichkeit mit Robbie Williams unterstellt hatte. Was er spontan durch eine Stylingaktion überprüfen wollte. Und was dann eher nach Eros Ramazzotti aussah mit leichtem Unterbiss wie Bruce Springsteen. Voller Stolz betonte er, dass ihm sein damals aktuelles Album „Liebe Nation“ ein neues Publikum aus 30- bis 50-Jährigen erschlossen habe. Vorbei sei es also mit der Teeniesensation Daniel. Eine Veränderung, die er mit den „politischen Hintergründen“ der neuen Lieder begründete.

Aber da war nun beileibe kein neuer deutschen Dylan oder Donovan in den deutschen Konzertsälen unterwegs. Daniels Version von Rio Reisers „König von Deutschland“ war die Single des Albums, die im Radio kaum zum Einsatz kam. Und der Titelsong war ein unbekümmertes „Ja“ zur Heimat. „Ich habe darin beschrieben, dass wir eigentlich ein sehr tolles Land sind, und dass die Menschen keine Gründe haben zu klagen. Weil man einfach viel machen kann, wenn man zusammenhält.“

Jeder Satz war aufrichtig, nirgends klang Kalkül durch

Da war das Sommermärchen der Fußball-WM 2006 gerade zwei Wochen vorbei, das Land noch immer glücklich über seine schwarzrotgoldene Lockerheit und auch Daniel hatte sein Haus mit zwei Fahnen beflaggt. Ein aufgekratzter Pop-Patriot. „Ich bin totaler Fan dieser WM-Stimmung“, begeisterte er sich. „Sie tut uns gut und wir haben sie auch verdient.“

Er fand damals nicht, dass er fürs Fernsehen ein Vermarktungsobjekt gewesen war, dass das Ende seiner „Superstar“-Haltbarkeit von nur einem Jahr von den „DSDS“-Machern fest eingeplant war (weil dann eben die nächsten „DSDS“-Gewinner ihr Stück vom Kuchen wollten). Jeder Satz im Interview kam aufrichtig empfunden rüber, nirgends war Kalkül auszumachen.

Alles sei schon richtig gewesen, ein Bedauern wäre undankbar: „DSDS war ein großes Sprungbrett.“ Das damals schon abgekühlte Verhältnis zum „DSDS“-Mentor Dieter Bohlen ließ er zunächst ganz unkommentiert, „sonst kriege ich eine auf den Deckel“, und lieferte auf Nachfrage nur noch einen Satz hinterher: „Es ist nicht so, dass ich jeden Tag zum Kaffeekränzchen komme.“

Ein liebenswerter Typ, der „oben“ bleiben wollte

Beleidigungen, wie er selbst sie erfahren hatte, waren eben nicht Daniels Niveau. Nachfragen fand er fies und hinterrücks, weil er, der Redselige, dann doch gern immer mehr verriet als er wollte. „Hey, du fragst ja geschickt“, warf er dann vorwurfsvoll ein. Über seine musikalischen Zukunftspläne etwa wollte er Stillschweigen bewahren, seine ausflüchtigen Aussagen, ob er in Zukunft rockige, folkige, poppige, soulige Wege einschlagen würde, waren geradezu rührend: „Die Qualität muss ins Auge stechen. Dass man hört, dass mit guten Instrumenten gespielt wird.“

Scheiterte etwas, drehte er es optimistisch ins Gute. Ein Plattenflop wurde da zum „Underground“-Album. „Ich denke, dass mein Weg der ist, dass ich das Feld von hinten aufräume. Ich erspiele mir meine Fans durch harte Arbeit.“

Manchmal hielt der Wiggelige auch kurz inne, wurde nachdenklich, wenn es um seinen Weg als Künstlers ging, um die Zukunft: Er wollte eine lange Karriere haben, keine Eintagsfliege sein. Er wollte sie mit Inhalt füllen, mit Substanz, kein Halligalli-Vogel werden, der irgendwann am Ballermann ein semitragisches Dasein fristet. Achtung war ihm wichtig und Würde, dass jemand, der so polarisierte wie er, der die einen entzückte, von den anderen verspottet wurde, am Ende doch von allen erkannt werde und die Liebe von allen fände. Großer Seufzer.

Erinnert werden wollte dieser liebenswerte Typ eines Tages „als einziger Casting-Star, der es geschafft hat, oben zu bleiben.“ Sein Alptraum war es dagegen, als „Clown der Nation“ im Gedächtnis zu bleiben. Dann wollte er schon lieber eine Musikschule gründen und von seinen Investitionen in Solaranlagen leben. Nichts von beidem ist dann passiert. Stattdessen geriet der gute und gutmütige Kerl, der immer positive Künstler Daniel Küblböck in Vergessenheit. Erst als er nun über Bord eines Kreuzfahrtschiffs ging, mit welchen Gedanken auch immer im Kopf, wurden die Medien noch einmal übervoll von ihm. Und Deutschland vermisst jetzt den Superstar, an den es schon lange nicht mehr gedacht hatte.

Von Matthias Halbig / RND

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