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Panorama Der Fall Florian: Eine Mutter unter Missbrauchsverdacht
Nachrichten Panorama Der Fall Florian: Eine Mutter unter Missbrauchsverdacht
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10:52 17.03.2019
Es gibt in Deutschland wenige Fälle von Kindesmissbrauch durch Frauen und noch weniger, die überhaupt bekannt werden. Experten nehmen jedoch einen tatsächlichen weiblichen Täteranteil von 10 bis 20 Prozent an. Quelle: Julia Rathcke
Berlin

Florian ist ein freundlicher junger Mann. Er siezt Menschen, selbst wenn sie nicht viel älter sind als er. Er lässt Frauen den Vortritt, in Zügen oder Hauseingängen, macht dabei diese für einen 18-Jährigen eher ungewöhnliche kleine Geste mit der Hand und sagt: „Ladies first.“ Er engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr im Ort, hat FC-Bayern-Poster in seinem Zimmer hängen und mag Langlauf in den Bergen.

Florian ist ein gewöhnlicher Junge in einem gewöhnlichen Dorf zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Gäbe es nicht diese Geschichte, über die er lange schwieg und die für seine eigene Mutter vor Gericht endete: wegen des Verdachts auf schweren sexuellen Missbrauch ihres Sohnes Florian. Das Verfahren vor dem Amtsgericht Aalen endete im Oktober mit einem Freispruch, nach drei Verhandlungstagen, aus Mangel an Beweisen. Die Mutter stritt alles ab. Für den Jungen aber ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende, er bleibt bei seiner Version.

Es gibt in Deutschland wenige Fälle von Kindesmissbrauch durch Frauen und noch weniger, die überhaupt bekannt werden. 13 500 Kinder unter 14 Jahren sind laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2017 sexuell missbraucht geworden. In 96 Prozent aller Fälle sind es Männer, die sich an Kindern vergangen haben – so die Statistik. „Wir gehen aber davon aus, dass Missbrauch durch Frauen seltener zur Anzeige kommt“, sagt eine Sprecherin der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Man nehme einen tatsächlichen weiblichen Täteranteil von 10 bis 20 Prozent an.

30 Kilometer, zwei Welten

Hoppingen, Möttingen, Uffenheim, Gunzenhausen. Wer Florian besuchen will, reist durch die Prärie Baden-Württembergs. Am ICE-Fenster vorbei rauschen Felder und Wälder, Novembergrau, ewiges Nichts. Bis Pflaumloch fährt nur die Regionalbahn, es gibt nur ein Gleis. Pflaumloch ist eines von fünf Dörfern der Gemeinde Riesbürg im Ostalbkreis, 100 Kilometer entfernt von Nürnberg, 150 von München, 1000 Einwohner. „Tausenddreihundertfünfundsechzig“, korrigiert Florian, ein groß gewachsener, sportlicher junger Mann.

Ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, in einem winzigen, hellgrauen Haus, in dem es nach Holzfeuer riecht, wohnt Florian mit seinem Pflegevater. Zwischen diesem Haus und der Wohnung seiner leiblichen Mutter liegen 30 Kilometer, zwischen den beiden Leben eine Welt. Die Welt seiner Mutter, von der Florian vor drei Jahren zum ersten Mal erzählte, klingt düster, einsam.

Was im Fall Florian im Raum steht, sind schwere Vorwürfe. Seine Mutter soll ihn eingesperrt und vernachlässigt haben, sie soll ihn gequält und sexuell missbraucht haben, als Kleinkind und als Heranwachsenden. So erzählt es der Junge, als er im Herbst 2015 ins Wohnzimmer kommt und zu seinem Pflegevater sagt: „Ich hab mit meiner Mutter geschlafen.“ Er sei schockiert gewesen, völlig fassungslos, sagt der Pflegevater. „Ich habe zuerst gar nichts antworten können.“ Am Tag darauf sei er mit Florian in die Kinder- und Jugendpsychiatrie gefahren. „Ich dachte, es ist am besten, wenn er es alles direkt einem Experten erzählt.“

Die Kinder schweigen, lange

Missbrauch bei Kindern bleibt oft lange unentdeckt. Bis sie überhaupt darüber sprechen, dauert es. „Kinder, die von Frauen sexuell missbraucht werden, sind zusätzlich von der gesellschaftlichen Tabuisierung beeinflusst“, sagt Safiye Tozdan, Psychologin am Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf.

Kinder seien nur selten in der Lage, sexuellen Missbrauch überhaupt als solchen zu erkennen. „Und weil Missbrauch oft im familiären oder sozialen Umfeld stattfinde, sodass Opfer und Täterin eine Bindung zueinander haben, fällt es ihnen oftmals so schwer, den Missbrauch zu melden“, so die Expertin. „Besonders gravierend ist dieser Umstand, wenn die Täterin die eigene Mutter ist.“

Im Oktober 2018 wird Anklage erhoben. Florians Mutter wird vorgeworfen, „ihren 1999 geborenen Sohn Florian zwischen 2002 und 2011 sexuell missbraucht zu haben, in einem Fall sogar schwer“; dabei soll es zum Geschlechtsverkehr gekommen sein, heißt es in der Schrift.

„Du brauchst ja drei Leben, so groß ist die Welt“: Florian hat seit seinem Einzug bei der Pflegefamilie in jeder Beziehung Sicherheit gefunden. Quelle: Julia Rathcke

Was am Ende folgt, ist ein Freispruch der Mutter. Einen rechtskräftigen Freispruch wieder aufzuheben ist nach der Strafprozessordnung sehr schwierig. Selbst wenn es eines Tages neue und eindeutige Beweise gäbe: Für ein und denselben Tatvorwurf kann ein Freigesprochener nur unter strengen Voraussetzungen noch einmal angeklagt werden.

Juristisch gesehen ist der Fall geklärt, und doch bleiben Fragen. Kann Florian, der laut Jugendamt als geistig leicht behindert gilt, sich all das ausgedacht haben? Bedeutet „Mangel an Beweisen“, dass etwas sicher nie passiert ist?

Unbestritten ist, dass die heute 42-jährige Mutter ihren Sohn vernachlässigt hat, offenbar von Beginn an. Schon im Mai 2000, da ist Florian gerade ein halbes Jahr alt, erhält die Mutter Familienhilfe vom zuständigen Jugendamt Ostalbkreis. Das geht aus den Unterlagen des „Hilfeplans“ hervor, den das Jugendamt für die Familie erstellt hat. Demnach erhielt Florians Mutter ab 2009 erneut Erziehungshilfe, bis zum 12. April 2011. Seit diesem Tag lebt Florian nicht mehr bei seiner Mutter. „Inobhutnahme gemäß Paragraf 42 Sozialgesetzbuch“ ist im Hilfeplan verzeichnet.

„Er war wie Kaspar Hauser

Als der Zwölfjährige am 12. April 2011 in die Obhut seiner Pflegefamilie kam, habe er verwahrlost gewirkt und ungepflegt. Er habe nicht gesprochen, nie gelacht, nicht richtig laufen können und täglich ins Bett gemacht, erinnern sich die Pflegeeltern. „Er war wie Kaspar Hauser, der aus dem Wald kam und nicht wusste, was das Leben ist“, sagt der Pflegevater. „Er war roh wie ein wildes Tier“, sagt die damalige Pflegemutter.

In einem Bericht drei Monate später hält das Jugendamt fest: „Florian hat sich überraschend schnell eingelebt. Er hält sich an die häuslichen Regeln und fühlt sich wohl.“ Er habe seinem Pflegevater ein Bild zum Vatertag gemalt.

Seinen richtigen Vater kennt Florian nicht. Es soll ein zum Zeitpunkt der Zeugung 62 Jahre alter Mann gewesen sein, ein Alkoholiker, gewalttätig und geistig behindert, so sagen es die Leute aus dem Dorf. Florians Mutter stammt aus einer sozial schwachen Familie, hat keinen Schulabschluss; sie arbeitete zeitweise in einer Bäckerei, lebt heute von Hartz IV.

Als Kind habe er gedacht, es gebe nur sein Dorf

Florian sitzt im holzvertäfelten Wohnzimmer seines Pflegevaters, trinkt Kakao aus seiner FC-Bayern-Tasse und sagt, seine Mutter habe ihn eingesperrt, seit er denken kann. „Ich hatte kein eigenes Bett. Ich musste bei meiner Mutter im Bett schlafen.“ Er spricht die Wörter akkurat aus und seltsam abgehackt, manchmal wie ein Roboter. Seit er mehrmals die Woche seinen Logopäden besucht, wird es besser. Das hat sein Pflegevater organisiert.

Florian erzählt weiter: Über sein Leben drinnen, wie er manchmal vor Hunger die Tapete angeknabbert habe. Wie er mit Sexspielzeugen der Mutter gespielt und das alles erst viel später verstanden habe. Wie er habe zusehen müssen, wenn die Mutter „Besuch“ bekam von Männern und mit ihnen tat, was sie auch mit ihm getan habe.

„Wenn ich beim Spielen etwas umgeworfen habe, hat meine Mutter gesagt: Komm, wir gehen in den Wald.“ Im Wald habe es Schläge mit Ästen auf den nackten Po gegeben. Draußen sei er sonst nur gewesen, um seiner Mutter beim Klauen zu helfen. „Seine Fingerfertigkeit setzt die Pflegeeltern in Erstaunen“, heißt es später in einem Bericht des Jugendamts. Als Kind habe er gedacht, es gebe nur sein Dorf, sagt Florian. „Aber du brauchst ja drei Leben, so groß ist die Welt.“

Einmal waren Florian und seine Pflegeeltern zusammen in Kroatien im Urlaub, Florian hat Fotos in einer Holzkiste aufbewahrt. Quelle: Julia Rathcke

Er lernt viel dazu in seiner neuen Welt bei den Pflegeeltern. Radfahren, Wandern, Skilanglauf. Einmal waren sie zusammen in Kroatien im Urlaub, Florian hat Fotos in einer Holzkiste aufbewahrt. „Es sind ganz normale Freizeitangebote, die für Florian ganz neu sind“, notiert eine Jugendamtsmitarbeiterin.

Auch für die Pflegeeltern ist manches neu – und manches schwer einzuordnen. Nachdem Florian ruhiger schläft, regelmäßig duscht und sich kaum noch nachts einnässt, habe er sich zunehmend auffällig verhalten, geben seine Pflegeeltern beim Jugendamt zu Protokoll. Er habe sich vom Hund den Mund ausschlecken lassen. Und die Katzen mal liebevoll gestreichelt, mal gequält.

Erinnerung – oder nur Fantasie?

Nachdem Florian seinem Pflegevater vom Sex mit seiner Mutter erzählt hat, kommt alles ins Rollen. Als die Anzeige durch den behandelnden Arzt der Kinderpsychiatrie bei der Polizei eingeht, informiert das Jugendamt die Polizei in einem Schreiben: „Aufgrund von Erzählungen des 16,3-jährigen Florian besteht der begründete Verdacht eines mehrfachen sexuellen Missbrauchs durch die Mutter in der Zeit von 2002 bis 2009.“ Inzwischen habe die Mutter ein zweites Kind, es sei zweieinhalb Jahre alt. Dort bestehe bislang kein akuter Schutzbedarf.

Was das Jugendamt bis dahin wusste und was nicht, welche Maßnahmen es ergriff und welche nicht, über all das will das Jugendamt Ostalbkreis aus Datenschutzgründen keine Angaben machen. Die Mutter von Florian hat die Einwilligung dazu verweigert. Auch „persönliche Einschätzungen der Fachkräfte unseres Geschäftsbereichs Jugend und Familie zum Einzelfall“ seien nicht möglich, sagt eine Sprecherin des Jugendamts.

Kaum Journalisten oder Zuschauer verfolgen den Prozess

Zweieinhalb Jahre später, im Herbst 2018, verhandelt das Amtsgericht Aalen den Fall. Es ist ein kleines Gericht in einer 67 000-Einwohner-Stadt nahe Stuttgart, ein Saal aus den Sechzigerjahren. Kaum Journalisten oder Zuschauer verfolgen den Prozess.

Der zuständige Richter Martin Reuff gilt als gewissenhaft, ruhig und umsichtig. Er hört Zeugen vom Jugendamt und aus Florians Schule, mehrere Gutachter und den Pflegevater. Nur Florian selbst hört niemand. Seine Aussage vor Gericht zieht er kurzfristig zurück – im Schock, als er plötzlich seine Mutter nach Jahren wiedersieht.

Seine Aussage auf dem Polizeipräsidium zwei Jahre zuvor kann niemand im Gerichtssaal hören – die Qualität der Videovernehmung ist zu schlecht. Der damals zuständige Kommissar, den Richter Reuff daraufhin aufruft, kann sich angeblich an nichts Genaues erinnern. Er habe seitdem „mehr als 500 Vernehmungen gemacht“. Das obligatorische schriftliche Wortlautprotokoll der Vernehmung existiert nicht.

Florian ist FC-Bayern-Fan, die Tasse benutzt er bei seinem Pflegevater. Quelle: Julia Rathcke

Florian äußerte bei seiner Vernehmung einen weiteren Verdacht: Er befürchte, der Vater seines 2013 geborenen Bruders zu sein. Treffen mit der Mutter, sogenannten Umgang, hat es auch nach der Inobhutnahme gegeben. Allerdings keine im Zeugungszeitraum, das habe man nachgerechnet, sagt der zuständige Jugendamtsmitarbeiter vor Gericht aus.

Die Mutter lebt immer allein, der Erzeuger des Bruders sei ins Ausland gegangen, sagt sie. Einen Vaterschaftstest lehnt sie ab. Während der Verhandlung ruft sie immer wieder dazwischen, „ich habe nichts gemacht“ oder „ich bin lesbisch“. Sie wirkt impulsiv, verwirrt. Ein Gutachter bescheinigt ihr einen IQ von 50, an der Rechenaufgabe acht plus vier scheitere sie bereits. Hinweise auf Pädophilie oder Schizophrenie habe er nicht gefunden.

Auch Florian beurteilen Gutachter, Nebenklage und Verteidigung haben je einen bestellt. Sie haben zwei Meinungen: Florian sei geistig nicht in der Lage, eine solch komplexe Lüge zu erfinden und über Jahre durchzuhalten, sagt die Gutachterin der Nebenklage. Florian könnte Scheinerinnerungen erzählen, sagt der Gutachter der Verteidigung. Das Gericht folgt dem zweiten Gutachter. Im Zweifel für den Angeklagten.

Florian trägt mittlerweile den Familiennamen seines Pflegevaters

Selbst dem Staatsanwalt Uwe Karst bleibt letztlich nichts, als den Freispruch der Mutter zu fordern, die durchweg kopfschüttelnd im Gerichtssaal sitzt – und alle Taten bestreitet. Es sei alles eine Racheaktion des Pflegevaters, lautet ihre Strategie. Er habe selbst zwei Kinder durch Unglücke verloren und suche nur einen Ersatz.

Florian trägt mittlerweile den Familiennamen seines Pflegevaters. Dass seine Mutter nicht ins Gefängnis muss, findet er gut. Das habe er nie gewollt, er liebe seine Mutter. Alles, was er will, ist, seinem Bruder zu helfen. Als er drei Jahre alt war, habe es mit dem Anfassen angefangen, behauptet Florian. Sein kleiner Bruder ist nun fünf.

„Wenn dieser kleine Bruder in ein paar Jahren dasteht und das Gleiche über seine Mutter behauptet“, sagt Staatsanwalt Uwe Karst in seinem Abschlussplädoyer, „dann haben wir alle ein Problem.“

Interview:

Kindesmissbrauch: „Täter sind in 30 Prozent der Fälle weiblich“

Von Julia Rathcke/RND

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