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Die verrückte Geschichte hinter dem Panzerbike

Motorradtage in Berlin Die verrückte Geschichte hinter dem Panzerbike

Mehr als 5000 Stunden Arbeit haben die Erfinder in ihre wahnwitzige Idee gesteckt – das Panzerbike. Eine Mischung aus Motorrad und Panzer. Die MAZ hat die Erfinder von Deutschlands wohl verrücktestem Motorrad auf den Berliner Motorradtagen getroffen.

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Quelle: Julian Stähle

Berlin. Wenn Dir das Leben einen Panzermotor schenkt, dann schweiß halt einen Motorradrahmen drum herum. So haben sich das Tilo und Wilfried Niebel 2003 im Harz gedacht, als in Halberstadt eine alte Militärtation der Roten Armee abgerissen und in den Katakomben ein V-12-Königswellenmotor aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen wird. Drei Jahre telefonieren und träumen sie, bis sie ein eigenes brauchbares Modell finden: einen werksneuen T55-V12-Panzermotor, Baujahr 1986, 38.000 Kubikzentimeter, 1000 PS, Gewicht: 1,8 Tonnen. 120 Kilogramm Schweißdraht und 5000 Stunden Arbeit später ist das „Panzerbike“ der Familie Niebel fertig. Seit 2009 steht es im Guinnessbuch der Rekorde als schwerstes Motorrad der Welt. An diesem Wochenende ist es ein Publikumsmagnet bei den Berliner Motorrad Tagen in den Messehallen am Funkturm, wo ansonsten Neufahrzeuge der meisten namhaften Hersteller, Zubehör und Kleidung präsentiert werden. Für den Transport von Zilly, Sachsen-Anhalt, nach Berlin brauchte es einen gigantischen Laster und den Abschleppdienst, der das monströse Motorrad von der Ladefläche hievte.

Manche Besucher stehen einfach nur da und staunen

Um das „Panzerbike“ aus der Harzer Bikeschmiede steht immer eine Traube Leute, der Reihe nach sitzen sie Probe und fotografieren sich breit grinsend auf dem Koloss. Die einen fragen andächtig technische Details ab, beugen dabei ihre Köpfe leicht in Richtung der Erbauer. Die anderen schütteln ihre Köpfe und feixen. Und manche stehen einfach stumm und staunen. Dann ist es soweit: Acht stämmige Männer müssen kräftig wuchten, um das Metallmonster aus Halle 11 aufs Gelände zu schieben, wo schon die Besucher mit gezückten Handys auf den Motorstart warten. Darauf, den Sound zu hören, das Donnern. Und das Biest zu riechen. Der Wendekreis ist riesig, viel mehr als kurz an den Messebesuchern vorbeifahren auch nicht möglich. Auf der Eventfläche unterm Funkturm kann das „Panzerbike“ seine Macht nicht voll ausspielen. Startbahnen, Teststrecken oder entsprechendes Gelände sind eher geeignet für das 5,5 Meter lange Gespann, das 400 Liter Diesel auf 100 Kilometer verbraucht. 80 Liter Öl befinden sich an Bord.

„Wir wollen ein Zeichen setzten für den Frieden in dieser Welt“

Die Inszenierung der Geschichte startet. Vater Wilfried Niebel steht in Kutte und Schirmmütze auf dem Beiwagen des Gespanns, eine alte Transporthülle einer russischen Rakete. Die langjährige Technikbegeisterung der Familie rühre von ihrem „Respekt vor denen, die Deutschland nach dem Krieg aus den Trümmern wieder aufgebaut haben“. Seitdem hätten sie jede Menge alte Technik, Motoren, Maschinen, Fahrzeuge, manche würden Schrott dazu sagen, „sichergestellt“. Aufgehoben und bewahrt. „Wir wollen mit unserer Sammlung auch etwas erreichen. Vielleicht ist es vernünftiger, das man mit Kindern mal wieder was bastelt, statt Geld in Konsolen zu investieren, damit sie ein Gefühl für Leistung und Stolz entwickeln können.“ Seine Kinder, sagt Wilfried Niebel, hätten sich ihre Fahrräder selbst zusammenbauen müssen. Einige Männer raunen an der Stelle, brüllen dem Elektromeister auf seinem Werk zu, er solle das Ding endlich anschmeißen. Aber Niebel ist noch nicht fertig.

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Die Berliner Motorradtage in den Messehallen am Funkturm haben noch bis Sonntag geöffnet. Wir haben uns dort bereits umgesehen. Natürlich gibt es dort jede Menge rund ums motorisierte Zweirad zu sehen. Aber auch Shows, bei denen Motorräder nur eine Nebenrolle spielen, können dort besichtigt werden.

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„Wir wollen ein Zeichen setzten für den Frieden in dieser Welt.“ Mit einem Fahrzeug, das komplett aus Militärtechnik besteht. Kriegsgerät der NVA, der GSD, der Roten Armee. Durch ein früheres Bluttransfusionsgerät der Roten Armee fließt jetzt, schön sichtbar, der Diesel. „Besser ein paar Schwachsinnige wie wir bauen Mopeds aus Militärschrott als das Schwachsinnige damit Krieg treiben.“ Seine Stimme klingt fest dabei und ernst, den Krieg und seine Folgen, das ist zu hören, hat er selbst erlebt und nicht vergessen. Für die Konstruktion habe er keinen Doktortitel gebraucht, „dazu reicht es, wenn man in der 8. Klasse in der DDR aufgepasst hat“. Die Harzer Bastler sind ein eingespieltes Duo. Sohn Tilo übernimmt und gibt ein paar Schoten zur „soliden Russentechnik“ zum Besten, erklärt, dass es im Stadtverkehr mit engen Gassen eher schwierig wird mit dem „Panzerbike“ und dass es statt einer Kühlung für den Motor eine Heizung braucht. Wenn der Motor, was ja seine Bestimmung ist, einen Panzer antreibt, muss er 40 Tonnen bewegen. Die rund fünf Tonnen der ostdeutschen Eigenkonstruktionen sind für den Diesel-V12 eher lachhaft. Als der dann aber anspringt und ordentlich zu riechen ist, grölen die Zuschauer begeistert und zufrieden.

Die Berliner Motorradtage

Die Berliner Motorradtage in den Messehallen am Funkturm haben noch bis Sonntag geöffnet. Natürlich gibt es dort jede Menge rund ums motorisierte Zweirad zu sehen (klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie). Aber auch Shows, bei denen Motorräder nur eine Nebenrolle spielen, können dort besichtigt werden.

Der Eintritt kostet 16 Euro, ermäßigt 10 Euro. Alle Informationen zur Messe finden Sie hier.

Von Michaela Grimm

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