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16:31 11.03.2018
Früher war der Urlaub ein Ereignis weit über die Reise hinaus, heute werden Freunde und Familie über jedes fotografierbare Detail auf dem Laufenden gehalten. Wie sollen wir so entspannen? Quelle: E+
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Hannover

Urlaub bedeutet Entspannung. Raus aus dem Alltag, weg, am besten sogar ganz weit weg, die Füße hochlegen, ausspannen, alles um sich herum vergessen. Es gab mal Zeiten, da fuhren wir weg, der Nachbar wusste manchmal nicht so ganz, wohin eigentlich genau, wir kamen wieder. Und dann erzählten wir, zeigten Fotos, Dias, später auch Videos, und schwelgten bei jeder dieser Präsentationen noch einmal in Erinnerungen. So war das früher.

Wer heute aus dem Urlaub zurückkehrt, trifft oft genug auf Freunde und Bekannte, die bereits über jeden Schritt der Reise informiert sind. Facebook, Instagram und eine Whatsapp-Nachricht von der Hotelbar genügen, um den Bilderabend zu ersetzen. Das Smartphone ist zur Standleitung nach Hause geworden, egal, wo in der Welt sich jemand befindet. Und umgekehrt erfahren Urlauber auf diese Weise ganz nebenbei, was gerade daheim so los ist.

Ein Leben ohne Hashtag?

Früher war der Urlaub ein Ereignis weit über die Reise hinaus. Nicht zuletzt aus einem Grund: Wir kannten den Hashtag noch nicht. Man nannte dieses seltsame Zeichen mit den gekreuzten Strichen Raute, und niemand wusste so recht, wozu sie überhaupt mal erfunden worden war. Machte aber auch nichts, denn niemand brauchte sie.

Und heute? Ein Leben ohne Hashtag? Das ist für viele mittlerweile kaum vorstellbar. Wenn an diesem Wochenende die weltweit größte Reisemesse ITB in Berlin ihre Tore für jedermann öffnet, steht dort längst eines im Vordergrund: soziale Medien. Und die leben im Kern von Hashtags, von Schlagworten.

Tourismusverbände, Hotels, Fluggesellschaften – es gibt niemanden in der Branche, der nicht kontinuierlich Facebook, Twitter, Youtube und vor allem Instagram nutzt. An den Messeständen kleben Barcodes als Brücke ins Internet, es gibt App-Gewinnspiele und Social-Media-Teams.

Die Fähigkeit, abschalten zu können

Soziale Medien haben die Branche verändert wie zuvor nur die Pauschalreise und Billigflieger. Mehr als 240 Millionen Mal etwa wird bei Instagram inzwischen der Hashtag #travel verwendet, das englische Wort für Reisen, #traveling, schafft es immerhin auf rund 43 Millionen Mal. Es wird gepostet, bis der Airbus kommt, der die Reisenden wieder zurück nach Hause bringt. Und oft genug wird sogar noch im Flieger gesendet, am Fensterplatz: #windowseat wurde mehr als 500 000-mal genutzt.

Aber kann man sich so überhaupt noch erholen? Zumindest schlechter, wie Studien belegen. “Personen, die mehr E-Mail-Kommunikation, Telefonkommunikation und Messengerdienste im Urlaub nutzen, können nicht so gut abschalten wie jene, die das weniger tun“, sagt Prof. Carmen Binnewies, Arbeitspsychologin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Die Fähigkeit, abschalten zu können, entscheide darüber, wie gut sich Menschen erholen. Es würden zwar keine reinen Schwarz-Weiß-Vergleiche in diesen Studien angestellt, dennoch sei aus ihrer Sicht eines klar: “Es ist sinnvoll, die Onlinenutzung zu reduzieren, da einen das sonst stärker an den Alltag und vermutlich auch an Stress und Probleme erinnert.“

800 Prozent mehr Datennutzung im Ausland

Einiges an Schuld am ausufernden Smartphone-Urlaub dürfte ausgerechnet ein eigentlich gut gemeinter Beschluss der Europäischen Union haben: das Aus der Roaminggebühren im EU-Ausland. Seit vergangenem Juni dürfen europäische Mobilfunkanbieter keine Aufschläge mehr für das Nutzen des Smartphones innerhalb der EU berechnen.

Nach Untersuchungen des internationalen Telefondienstleisters BICS explodierte daraufhin der mobile Datenverbrauch innerhalb der EU. Allein 2017 hat es demnach eine Steigerung um 800 Prozent gegeben, obwohl die Roamingschranke erst Mitte des Jahres geöffnet wurde.

Auch die österreichische Rundfunk- und Telekom-Regulierungsgesellschaft ermittelte drastische Zunahmen seit dem Ende der EU-Roamingkosten. Im dritten Quartal 2017 nutzten österreichische Privatkunden demnach insgesamt knapp zwei Millionen Gigabyte Daten im EU-Ausland. Das entspricht einem Anstieg von 388 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Wer nicht erst auf das Hotel-WLAN warten muss, um kostenlos etwas zu posten, tut dies offenbar immer und überall.

Auch der letzte Winkel der Welt hat seinen Hashtag

Wer sich selbst disziplinieren will, muss inzwischen schon die Netze der EU verlassen – am besten auf die andere Seite der Erde, wo Roaming noch mit horrenden Aufschlägen berechnet wird, WLAN-Netze oft nur umständlich und mitunter gegen Gebühr zugänglich sind und vor allem andere Zeitzonen die Kommunikation mit der Heimat erschweren. Doch auch in diesen Teilen der Welt ändert sich gerade einiges. Der starke Wettbewerb im Mobilfunkmarkt lässt andernorts ebenfalls Roaminggebühren fallen.

Der Anbieter Three mit Netzen rund um die Welt etwa lockt Kunden mit kostenlosem Roaming in inzwischen 71 Ländern, darunter neben den EU-Staaten auch Urlaubsziele wie die USA, Australien oder Vietnam. 240 Millionen: Die neunstelligen Zahlen der Verwendung mancher Hashtags könnten also erst der Anfang gewesen sein – bald stehen da womöglich zehn, elf oder mehr Ziffern.

Was macht das aus uns? Und aus den Urlaubszielen? Frühere Geheimtipps in noch so fernen Ländern sind inzwischen von allen Seiten fotografiert, selbst von oben – weil Drohnen immer günstiger werden –, und es kommen sekündlich neue Aufnahmen bei Instagram hinzu. Auch der letzte Winkel der Welt dürfte inzwischen im Bild und per Hashtag festgehalten worden sein.

Schöne Grüße aus Florenz: Die Ansichtskarte aus dem Urlaub trotzt allen sozialen Medien. Quelle: RND

Die Schweizer Gemeinde Bergün sorgte im vergangenen Jahr international für Aufsehen, als sie für den gesamten Ort ein Fotografierverbot aussprach. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass schöne Ferienfotos in den sozialen Netzwerken die Betrachter unglücklich machten, wenn diese gerade nicht am abgebildeten Ort sein könnten, erklärte die 500-Einwohner-Gemeinde damals selbstbewusst. Ein privater Sicherheitsdienst sorgte dafür, dass die Verordnung eingehalten wird, doch schon nach vier Wochen hob der Gemeinderat den Beschluss wieder auf. Es wurde klar: Das Verbot war offenbar lediglich ein Werbegag, der Ende Februar sogar von einem Schweizer Gericht gerügt wurde.

Im Kern aber berührte die Aktion ein wichtiges Thema: Wer sich erholen möchte, schafft das nicht oder kaum mit dem Smartphone in der Hand. Und wem es selbst nichts auszumachen scheint, der nervt mitunter andere. Dabei ist Erholung lebenswichtig, wie unzählige Untersuchungen belegen.

Erholte Menschen können Pro­bleme besser lösen, sie arbeiten schneller und sind auch im Kollegenkreis eher hilfsbereit. Dies zeigt unter anderem eine 2010 veröffentlichte Studie der Universitäten Mainz und Konstanz. Selbst wenige freie Tage helfen offenbar bereits: Die University of Utah in Salt Lake City schickte eine Gruppe von Probanden für vier Tage in die Berge, eine andere musste am Computer arbeiten. Die Urlaubsgruppe schnitt in abschließenden Kreativitätstests um rund 50 Prozent besser ab.

Entspannung trotz Smartphone erfordert Selbstdisziplin

Die Auswirkungen sind aber letztlich noch dramatischer, wie die amerikanische Framingham-Heart-Langzeitstudie ermittelte. Dafür wurden über einen Zeitraum von 20 Jahren mehr als 12 000 Menschen beobachtet. Eines der Ergebnisse: Die Teilnehmer, die nur selten in den Urlaub fuhren, starben in den Folgejahren mit größerer Wahrscheinlichkeit an einem Herzinfarkt.

Solch heftige Ergebnisse gibt es für die Handynutzung allerdings nicht. Und Arbeitspsychologin Binnewies sieht auch einen entscheidenden Unterschied. Studien zeigen: Das Smartphone muss nicht unbedingt einem entspannten Feierabend im Weg stehen – es sollte halt nur Privates, Freizeitbezogenes, Nicht-Stressendes sein, was auf dem Handy oder dem Tablet zu sehen ist. “Aber dann muss man sich auch ein Stück selbst disziplinieren, nicht gleichzeitig noch arbeitsbezogene Dinge zu erledigen.“

Ein schönes altes Medium könnte helfen, dem Drang zum Smartphone im Urlaub nicht sofort nachzugeben: die Ansichtskarte. Sie ersetzt auch heute noch Instagram- und Facebook-Postings ganz entspannt und ohne Hashtags. Tot scheint sie entgegen anderer Auffassungen noch lange nicht zu sein: 2016 ermittelte das Marktforschungsinstitut Media Control die Kommunikationsmethoden deutscher Urlauber – 78 Prozent griffen nach wie vor zur Ansichtskarte. Mit entspannten Grüßen.

Von Michael Pohl

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