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13:18 24.03.2018
“Im Frühling nach forne, im Herbst nach hinten“: Wie man die Uhr umstellen muss, kann man sich merken – aber wäre es nicht sinnvoller, das Ganze einfach abzuschaffen? Quelle: E+
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Hannover

Alle sechs Monate kehrt das Gefühl der Verlorenheit zurück. Wir begrüßen es wie einen alten Bekannten, den man zwar nicht vermisst hat, aber nun wieder zu ertragen lernt. Die Zeitumstellung katapultiert jeden aus dem Trott der Gewohnheit. Und da sie immer am Sonntagmorgen zu absolvieren ist, trifft die Pflicht zur Neu-Einstellung des Alltags jedes halbe Jahr wieder auf eine verschlafene Nation im Morgenmantel, die zur Kaffeemaschine schlurft und sich fragt: schon so spät? Noch so früh? Was gilt hier eigentlich?

Alle sechs Monate gibt es diese Sonntage mit den gleichen Fragen: vor oder zurück? Unter Verzicht auf die Rechtschreibung geht es am einfachsten: Im Frühling nach forne, im Herbst nach hinten. Die Ursprungsfrage geklärt, beginnen die Folgefragen, auch diese zweimal jährlich aufs Neue: Welche Uhr in der Wohnung hat sich automatisch umgestellt, welche nicht? Wie ging das Umstellen noch: Am Herd beide Knöpfe zugleich drücken und dann mit dem rechten vorspulen, oder mit dem linken? Und wer hat eigentlich diese Digitaluhren erfunden, die nur vor-, aber nicht zurückgestellt werden können?

Im Herbst kann das dauern, bis die Zeit wieder richtig geht. 23 Stunden im Schnelldurchlauf für eine Stunde geschenkte Zeit. Im Frühling ist es kürzer, aber unbefriedigender: 60 Minuten, die einfach so zerrinnen. “Uns wird eine Stunde gestohlen!“, rufen die Unwilligen, und die Sanftmütigen antworten: “Wir verleihen sie nur, im Herbst kommt sie zurück!“

Vor oder zurück?

Zinsen aber bekommt keiner für die gestundete Stunde. Zinsen versprach nur die Zeitsparkasse im Jugendbuch, und was die grauen Herren mit ihren grauen Zigarren anstellen, weiß jeder noch, der sich im jugendlichen Alter bei der “Momo“-Lektüre gegruselt hat: Sie rauchen die Zeit einfach weg.

Dem großen Michael Ende ging es natürlich gar nicht um die Zeit, sondern um fantastischen Antikapitalismus. Aber Zeit ist schließlich Geld, und Zeit ist Macht. Und genau so, wie wir werktags unseren Wecker stellen, die Kinder zur Schule jagen und selbst zur Arbeit hetzen, stehen wir alle sechs Monate am Sonntagmorgen vor der Kaffeemaschine und fragen uns: vor oder zurück? Und nicht: Wozu das Ganze?

Die Einstellung der meisten Deutschen zur 1980 eingeführten Zeitumstellung ist ähnlich fatalistisch wie die zur Mülltrennung: Sie glauben zwar nicht an deren Sinn, machen aber notgedrungen mit. Ebenso unvermeidlich wie das Drehen an der Uhr selbst sind die Umfragen zum Thema. Fast drei Viertel der Befragten einer Forsa-Studie halten die Zeitumstellung für sinnlos und meinen, sie sollte abgeschafft werden. Gut ein Viertel gab an, mit der Umstellung Probleme gehabt zu haben.

Im Nebel der zeitlichen Orientierungslosigkeit

Der “Mini-Jetlag“ ist zum geflügelten Wort geworden – fast wie nach einem Transatlantikflug verbringen viele Menschen die Tage nach der Zeitumstellung in einem Nebel der zeitlichen Orientierungslosigkeit. An so einem Sonntag kann das eigentlich ganz schön sein: Uhren finden, Uhren verstellen, Uhren entstauben, neue Batterien für Uhren einsetzen, alte Armbanduhren herauskramen – wenn sonst nichts zu tun ist an einem faulen Wochenende, kann die Beschäftigung mit der Zeit einen ganzen Tag fressen.

Und dazu unbedingt das alte Gitarrengeschrammel von Tocotronic einlegen, die 1996 sangen: “Ich weiß nicht, wie konnte das geschehn / Die Welt kann mich nicht mehr verstehn /  Ich möchte alle meine Freunde sehn / Ich bin erst wach, wenn sie schon schlafen gehn / Und ich weiß nicht genau, ob es so etwas gibt / Und ob es an der Zeitumstellung liegt“.

Was liegt an der Zeitumstellung? Sie ruft nicht nur temporäre Orientierungslosigkeit, sondern ernsthafte Krankheiten hervor, meint der FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Theurer. “Ein großer Teil der Menschen leidet bei jeder Zeitumstellung kurzzeitig unter Symptomen ähnlich dem Jetlag. Schlafentzug wird mit Herzinfarkten, Konzentrationsstörungen und erhöhten Selbstmordraten in Verbindung gebracht – und offenbar steigen alle drei in den Tagen nach der Zeitumstellung an.“

Symptome infolge der Zeitumstellung Quelle: RND

Sie bringt nichts, hat das Büro für Technikfolgenabschätzung, ein unabhängiges Institut, das dem Bundestag zuarbeitet, vor zwei Jahren herausgefunden. Die mitteleuropäische Sommerzeit verändert den Stromverbrauch in einer “Bandbreite von minus 0,9 bis plus ein Prozent“. Beim Heizen liegen die Effekte zwischen minus 0,2 bis plus 0,2 Prozent. Übersetzt heißt das: Vielleicht ein bisschen Einsparung, vielleicht ein bisschen Mehrverbrauch, im Saldo: keine Auswirkungen.

Insgesamt fanden die Forscher “keine Hinweise darauf, dass die Anwendung der Sommerzeit ernsthafte positive oder negative energetische, wirtschaftliche oder gesundheitliche Effekte nach sich zieht“. Der “Anpassungsprozess an die Zeitumstellungen“ aber dürfte “manchen Menschen größere Mühe bereiten, als noch in früheren Jahren angenommen“. Insgesamt ist das ein niederschmetterndes Fazit. Die vielen Jetlag-Sonntage: für die Katz.

Alle Parteien haben daher schon einmal gefordert, die Zeitumstellung abzuschaffen. Jetzt sind gerade die Liberalen dran. “Die Vorteile der Zeitumstellung muss man schon mit der Lupe suchen“, sagt Theurer. Unterstützt wird sie von der AfD, die erwartbar feindlich auf solch eine Brüsseler Regelung ohne erkennbaren Sinn blickt. Fraktionschefin Alice Weidel würzt die Ablehnung noch mit einer Familienanekdote. Ihre Mutter sage den ganzen Sommer hindurch: “Es ist 13 Uhr, aber eigentlich 12.“

Winter- oder Sommerzeit?

Die FDP will die Sommerzeit als neue Normalzeit einführen. Heftigst kritisiert wird sie ausgerechnet von der Gruppe, von der eigentlich Jubel zu erwarten wäre: dem Bündnis “Zeitumstellung abschaffen“. Denn deren Vertreter wollen die Winterzeit als Normalzeit zurück und halten die Sommerzeit für gefährlich. Ihr Argument: Im Winter wäre es im Sommerzeitmodus morgens viel zu lange dunkel, und Schulkinder müssten in stockdunkler Nacht zur Schule.

Um die Debatte vollends zum Entgleisen zu bringen, könnte an dieser Stelle gefragt werden, warum die Schule in Deutschland eigentlich so früh anfangen muss, dass es – Winterzeit hin oder her – die ganze dunkle Jahreszeit hindurch eine Qual ist, den Nachwuchs einigermaßen rechtzeitig aus den Federn zu bekommen. Aber bevor sich da etwas ändert, wird eher die Zeitumstellung abgeschafft.

Damit dort etwas passiert, muss die EU-Kommission tätig werden. Sie prüft gerade nach einem entsprechenden Beschluss des EU-Parlaments Vor- und Nachteile der Zeitumstellung. Das kann dauern – und wird höchstwahrscheinlich in einer Sackgasse enden. Denn die Einführung der Sommerzeit 1980 war ein großer Wurf der Vereinheitlichung, nachdem zuvor Frankreich einen Alleingang durchgezogen hatte. Und seitdem wird gestritten. Bis heute.

Eine Wirkung von nur wenigen Wochen

Und falls die EU-Kommission wirklich einmal vorhaben würde, die Zeitumstellung zu streichen, begänne der nächste Streit: Welche Zeit soll denn dann gelten? Die ganzjährige europäische Sommerzeit hätte zur Folge, dass Spanien noch weiter aus seiner eigentlichen Zeitzone herausrücken würde. Ganzjährige Winterzeit würde ein dunkleres Frühjahr in Deutschland bedeuten.

Doch die Zeitumstellung ist noch aus einem anderen Grund sinnlos: Sie hat nur eine Wirkung von wenigen Wochen. Ab Mai ist es ohnehin lange hell, ab der Adventszeit sowieso allzu lange dunkel. Die Zeit dazwischen ebbt der kleine Jetlag ab. “Ich bin heute Morgen aufgewacht / Es war noch mitten in der Nacht“, haben Tocotronic gesungen. Ohne Zeitumstellung fehlten nur diese orientierungslosen Sonntage. Vermissen würde sie keiner.

Von Jan Sternberg

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