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Panorama Es ist etwas faul im Kapitalismus
Nachrichten Panorama Es ist etwas faul im Kapitalismus
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11:32 09.08.2014
Die Guy-Fawkes-Maske ist zum Symbol für Widerstand bei Kapitalismus-Gegnern geworden. Guy Fawkes war war ein katholischer Offizier des Königreichs England, der am 5. November 1605 in London ein Sprengstoff-Attentat auf König Jakob I. und das englische Parlament versuchte. Quelle: dpa

MAZ: Thomas Piketty wird in der Wirtschaftsökonomie wie ein Rockstar gefeiert, als habe er die Weltformel entdeckt. Was macht seine Thesen so spannend?
Friedhelm Hengsbach: Die wachsende soziale Ungleichheit treibt inzwischen selbst konservative Marktökonomen um. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist in Gefahr. Piketty liefert für diese Zustandsbeschreibung, dass etwas faul im modernen Kapitalismus ist, die treffenden Daten samt einer theoretischen Analyse. Sein Buch umfasst eine faszinierende Datensammlung aus den letzten Jahrhunderten zum Thema Ungleichheit in den Industrieländern. So etwas hat es bisher nicht gegeben. Ins Zentrum stellt Piketty dabei die langfristige Grundformel „r>g“, wobei „r“ für Kapitalrendite und „g“ für Wirtschaftswachstum steht. Daraus folgt: Die Vermögen – das Gros davon ist zumeist in der Hand weniger Familien – wachsen in der Regel schneller als das Bruttosozialprodukt. Und damit steigt die Ungleichheit, die wiederum die Demokratie gefährdet. Nur während der beiden Weltkriege und in den Jahren des nachfolgenden Wiederaufbaus wurde dieser dem Kapitalismus innewohnende Trend, dass durch Geld- und Sachvermögen mehr Einkommen als durch Lohnarbeit erzielt wird, gebrochen. Als Lösung schlägt Piketty eine globale progressive Vermögenssteuer bis zu 80 Prozent vor.

Thomas Piketty

Thomas Piketty sorgt mit seiner Veröffentlichung „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (französisch: „Le Capital au XXIe siècle“) weltweit und vor allem aber in den USA für große Aufmerksamkeit. Dass der französische Ökonom und gefeierte Professor an der School of Economics und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris ausgerechnet im Heimatland des Kapitalismus eine Sensation ausgelöst hat, erstaunt umso mehr und zeigt die brennende Aktualität seiner Analyse.

In seinem Werk verknüpft der 43-Jährige historische Forschungen zur Einkommens- und Vermögensverteilung mit einer Theorie des Kapitalismus. Er argumentiert, dass unregulierter Kapitalismus unweigerlich zu steigender Vermögenskonzentration führt.

Piketty, der in Großbritannien und den USA studierte, ist aber nicht nur „Schreibtisch-Ökonom“. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2007 beriet er die sozialistische Kandidatin Segolene Royal, die schließlich knapp dem Konservativen Nicolas Sarkozy unterlag. Im deutschsprachigen Raum soll sein „Kapital“ Mitte Oktober erscheinen.

Piketty spricht von einer aristokratisch anmutenden Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Wann setzte sich die durch?
Hengsbach: In der neueren Zeit mit dem Ende der 30 „goldenen Jahre“ des Wirtschaftswunders, als das westliche Währungssystem von Bretton Woods aufgekündigt wurde. Die relativ stabilen Wechselkurse sind Mitte der 70er Jahre aufgehoben worden, die Welt wurde mit Dollars geflutet, und einer ungezügelten Finanzbranche standen Tür und Tor offen. Bald darauf folgten die neoliberalen Reformen von US-Präsident Reagan und der britischen Premierministerin Thatcher, die den Staat radikal „verschlanken, Steuern für Gutbetuchte senken, die Gewerkschaften schwächen und den Faktor Arbeit“ verbilligen. In Deutschland bildet vor allem das Lambsdorff-Tietmeyer-Papier von 1982 die ideologische Grundlage für die späteren Agenda-Reformen, die Kanzler Schröder plakativ mit der Forderung durchsetzte, dass es kein Recht auf Faulheit gebe. Im Ergebnis wurden unter anderem die solidarischen Sicherungssysteme demontiert und das Rentenniveau manipuliert. Der Sozialstaat wurde zum Wettbewerbsstaat und der Mensch zum Produktionsfaktor umfunktioniert. Seit Beginn unseres neuen Jahrtausends hat sich die Schere bei Einkommen und Vermögen extrem geöffnet.

Aber die deutschen Wirtschaftsdaten sind proper und vermelden eine gesunkene Arbeitslosigkeit?
Hengsbach: Der Beschäftigungsstand ist in der Tat hoch, doch das Arbeitsvolumen hat sich keineswegs vergrößert. Sichere und einkommensstarke Arbeitsplätze wurden vielmehr durch befristete und prekäre Jobs ersetzt. Pikettys Prognose scheint daher bestätigt, dass sich – beschleunigt durch die Eurokrise und den gegenwärtigen Niedrigzins-Kurs der EZB – die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter öffnen wird.

Ungeachtet dessen ist hierzulande die Verteilungsfrage lange als Neiddebatte abgetan worden.
Hengsbach: Der Soziologe Helmut Schelsky sprach 1953 erstmals von einer „nivellierenden Mittelstandsgesellschaft“. Inzwischen aber ist die Kluft zwischen Einkommen aus Arbeit beziehungsweise aus Unternehmertätigkeit und Vermögen derart tief, dass die Schelsky-These ausgedient hat und das Unbehagen über die gesellschaftliche Ungerechtigkeit beständig wächst.

Friedhelm Hengsbach

Der 76-jährige Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für eine soziale Marktwirtschaft. Hengsbach, der neben Theologie auch Wirtschaftswissenschaften studierte, war von
1985 bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main. Von 1992 bis 2006 leitete er das dortige Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.

Heute lebt er in Ludwigshafen und gehört in dieser Stadt der Jesuitengemeinschaft an. In seinen Schriften und Büchern verbindet Friedhelm Hengsbach die christliche Soziallehre mit aktuellen Fragestellungen. Er plädiert für eine gerechte Verteilung von Arbeit und Reichtum, tadelt die vorherrschende Wirtschaftsethik und scheut auch vor Kritik an der Amtskirche nicht zurück.

Im Jahre 2010 war er Mitinitiator der Initiative „Vermögenssteuer jetzt!“, die sich für die Wiedererhebung dieser Steuer einsetzt. Hengsbach wurde u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis und dem Regine-Hildebrandt -Preis geehrt.

Sie hingegen scheuen in Ihren Büchern und Streitschriften lange als verstaubt geltende Begriffe wie „Klassengesellschaft“ oder „Proletariat“ nicht. Warum?
Hengsbach: Mit den Kategorien wie „Lebensstile“ oder „Milieus“ allein sind die gesellschaftlichen Zustände heute nicht mehr zu umschreiben. Die zunehmende Abriegelung der Eliten, Bildungszugänge, die von der Einkommenslage der Eltern abhängig sind, und der durch Privatisierungen erzeugte direkte Zugriff von immer weniger Reichen auf die Produktionsmittel haben die quasi-harmonische Einheit der Gesellschaft unterlaufen und die Einkommensunterschiede wieder derart vergrößert, dass Begriffe wie „Klassengesellschaft“ durchaus angebracht sind. Selbst die Bundesregierung musste in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht eingestehen, dass die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens und die untere Hälfte der Haushalte nur über gut ein Prozent des Nettovermögens auf sich vereinen. Und das Institut für Weltwirtschaft in Kiel, das bisher als marktliberal eingestuft wurde, plant einen Schwenk seiner Forschungsakzente – hin zu Fragen einer gerechten Verteilung. Piketty legt den Finger genau in diese Wunde, weil er nachweist, dass ein Zuwachs an Produktivität nicht automatisch allen zugutekommt, so dass die konservative Theorie des „Trickle-down“ widerlegt ist. Und damit die Erwartung, dass die Armen davon profitieren, wenn Reiche besser gestellt werden. Nein, die Verteilungsfrage kann heute nicht mehr so einfach vom Tisch gefegt und auf später vertagt werden.

Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit im globalen Zeitalter?
Hengsbach: Für mich ist Gerechtigkeit in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft zuerst einmal eine Gleichheits-Vermutung – nämlich die gegenseitige Anerkennung des Anderen als Gleichen. Das muss keine Gleichheit bei den Einkommen bedeuten. Wohl aber ein relatives Gewicht der Bewertung von unterschiedlichen Einkommen, Bildungsstand der Eltern oder Zugehörigkeit zu Elite-Netzwerken. Doch die Vorstellung, dass der Marktlohn allein das Resultat der eigenen Leistung sei, ist falsch. Denn jede Leistung ist letztlich durch Vorleistungen anderer zustande gekommen – indem etwa die Gesellschaft Bildung und Infrastruktur vorfinanziert hat.

Wie kann die Gesellschaft in diesem Sinne denn gerechter werden?
Hengsbach: Piketty setzt stark auf die steuerliche Intervention des Staates. Der geht aber voraus, über die Gründe der sozialen Schieflage aufzuklären und zu fragen, welche gesellschaftliche Funktion exklusiver Reichtum überhaupt hat. Piketty tut dies, indem er nachweist, dass der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär nicht mehr gilt, dass in einer von reichen Erben dominierten Marktwirtschaft Arbeit allein den sozialen Aufstieg nach ganz oben nicht erklärt. Es braucht starke Gewerkschaften, die eine faire Verteilung der Wertschöpfung erkämpfen, und einen Staat, der qualifizierte Stellen in Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Kultur erschließt.

Thomas Piketty schmückt sein Buch mit einem großen Titel: „Kapital“. Was aber unterscheidet Piketty von Karl Marx?
Hengsbach: Anders als der Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx kann sich Piketty auf eine ungeheure Menge an internationalem Datenmaterial und statistischen Zeitreihen stützen, die Marx gar nicht zur Verfügung standen. Zum anderen sagt Piketty nicht den automatischen Untergang des Kapitalismus voraus – quasi im Sinne eines unwiderruflichen Naturgesetzes. Piketty nennt Alternativen, welche die kapitalistische Verteilungsregel politisch korrigieren.

Was missfällt Ihnen an Thomas Piketty?
Hengsbach: Ich meine, die Schieflage der Verteilung sollte nicht nur zwischen privaten und öffentlichen Haushalten korrigiert werden. Die unternehmerische Wertschöpfung gehört allen, die sie gemeinsam haben entstehen lassen: den Belegschaften, der Gesellschaft, Umweltinitiativen und den Kapitaleignern. Folglich müssten diese im Unternehmen paritätisch über die Verteilung mitbestimmen.

Solche Fragen thematisieren auch globalisierungskritische Bewegungen wie Occupy oder Attac. Was halten Sie von ihnen?
Hengsbach: Ich habe den Eindruck, dass weder die national etablierten Parteien noch die europäischen Instanzen die globale Verteilungskrise im Blick haben. Eine winzige Erhöhung der Hartz-IV-Sätze oder die Rente mit 63 sind bloß Trostpflaster auf einer riesigen gesellschaftlichen Wunde. Da schauen die von Ihnen genannten zivilgesellschaftlichen Initiativen doch viel eher über den Tellerrand hinaus und greifen Themen auf, die vielen Menschen wirklich auf den Nägeln brennen.

Sie sind Mitglied der katholischen Ordensgemeinschaft der Jesuiten. Müssen sich nicht auch die Kirchen in der sozialen Frage stärker als bisher engagieren?
Hengsbach: Sie engagieren sich intensiv, sobald es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht. Sie skandalisieren wie der Papst die tödliche Grenzsicherung der EU und verteidigen vehement das Recht auf Kirchenasyl. Über die ziemlich blasse gemeinsame Sozialinitiative der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland bin ich aber eher enttäuscht. Wohl nicht als Einziger. Die Diagnosen und Rezepte gehen kaum über das hinaus, was ohnehin im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht. Die für die Armut in einem reichen Land Verantwortlichen werden ebenso wenig genannt wie diejenigen, die verpflichtet sind, die Lage zu verändern.

Interview: Jens Burmeister

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