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Panorama Popstars leben heute gesünder
Nachrichten Panorama Popstars leben heute gesünder
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08:01 03.03.2018
Zur Not macht der Tross eben mal Pause: Auf der jüngsten Tour von Helene Fischer mussten sieben Konzerte ausfallen – der Star war erkrankt. Verantwortungsvolle Managements sorgen für die Gesundheit und Stabilität ihres Künstlers. Das war nicht immer so. Quelle: dpa
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Herr Richter, leben Rock- und Popstars heute gesünder als früher?

Ich glaube schon. Man kann sich hier die Historie anschauen: Rock und Pop kommen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten, von den Baumwollfeldern, auf denen die schwarzen Sklaven den Blues erfanden, also sozusagen „von unten“. Über Leute wie Elvis Presley drang der Blues in die weiße Musik hinein. Aber auch Elvis kam aus der Unterschicht. Diese Leute hatten früher schlechte gesundheitliche Bedingungen. Unsere Popkultur von heute hat ihren Ursprung dort – auf den Baumwollfeldern.

Auch der moderne Pop- und Rockmusikbetrieb hatte in den Anfängen noch den Ruch des Ungesunden.

Stimmt, die Popstars hatten in der Frühzeit dieser Musik kein gutes gesundheitliches Umfeld. Man denke an die Beatles, da hat deren Produzent George Martin ein sehr schönes Buch namens „Es begann in der Abbey Road“ geschrieben. Die Klubs waren schlecht gelüftet, es war brüllend laut und an den Wänden lief das Wasser runter. Man wunderte sich, dass es auf der Bühne nicht ständig zu Kurzschlüssen kam.

The Beatles in ihren frühen Tagen im Cavern Club. Quelle: imago stock&people

Alles lief noch lange Zeit wenig professionell.

Weil niemand auf den Erfolg dieser Musik vorbereitet war. Auch größte Festivals wie Woodstock waren improvisiert. Ein Feld, schlechte Infrastruktur, alles versank im Schlamm. Die Rock- und Popmusik kam aus einer Ecke, in der Gesundheit erstmal überhaupt keine Rolle spielte und auf Gesundheit auch nicht geachtet wurde.

Drogen wurden zum Aufputschen oder zur Bewusstseinserweiterung genommen.

Das ist nicht zu unterschätzen. Der Beatle George Harrison beispielsweise hat bekanntermaßen sehr viel mit Drogen experimentiert und hat dann mit Mitte 50 eine Tumorerkrankung bekommen, die man ärztlicherseits durchaus in diesem Zusammenhang sehen könnte. Marihuana kann – im Übermaß genommen – durchaus Karzinomerkrankungen fördern.

Spielen Drogen heute keine Rolle mehr?

Das überblickt niemand wirklich. Es wird immer wieder Musiknischen geben, wo das eine Rolle spielt, und wenn eine musikalische Bewegung noch im Untergrund ist, ist der Einblick schwierig. Aus dem Untergrund entsteht eine Kultur mit gewissen Gepflogenheiten. Im Rock, der ja schon über 60 Jahre alt ist, gehörten in den Anfängen Alkohol und Drogen dazu. Wer von den alten Helden heute noch eine Rolle spielt, musste da aber etwas ändern. Mick Jagger trinkt angeblich nur Kamillentee, Paul McCartney ist Vegetarier.

Die alte Vorstellung von der Bewusstseinserweiterung, dass man unter Drogen die besseren Songs schreiben kann, ist passé?

Eric Clapton schreibt in seiner Biografie, dass Drogen keinen positiven Effekt auf seine Arbeit hatten, sondern eher einen negativen, und dass er sich heute ohne Drogen viel besser auf der Bühne fühlt. Der Kreativmythos Droge ist weitgehend entzaubert.

Wie „gesund“ singen Popmusiker?

In den frühen Zeiten des Rock wurde die Stimme auf der Bühne oft exzessiv eingesetzt. Eine Janis Joplin etwa hatte in ihren großen Zeiten überhaupt keine Rücksicht auf ihre Stimme genommen. Sie stand auf der Bühne, oft unter Drogen und Alkohol, hat einfach geschrien, gegrölt, ihre Stimme überschlagen lassen. Eine Grenzverletzung, die bis heute als ästhetisch interessant empfunden wird, die aber ein extremer Raubbau an der Stimme war.

Janis Joplin in ihrem 1965er Porsche 356 SC Cabriolet. Quelle: PR Sony BMG Yoram Kahana Shooting Star

Das heißt, wer auch heute in dieser Weise singt, kann damit rechnen, seine Stimme kaputt zu singen?

Nicht zwangsläufig. Denken Sie an Joe Cocker, der bis in seine letzten Jahre so sang. Man kann diese sogenannten „distortions“, also stimmliche Verzerrungen, auch auf stimmschonende Weise erzeugen. An der Mannheimer Popakademie oder im Popstudiengang in Osnabrück lernen junge Popsänger so zu singen, „als ob“. Ein gesundes „grunt“, „rattle“ oder „growl“, das die Stimme erhält.

Wie geht das?

Man erzeugt solche Klänge nicht nur mit den Stimmlippen, sondern auch Kehldeckel, Taschenfalten und andere Elemente des Stimmapparats können zur Vibration gebracht werden . Das klingt dann genauso exzessiv, nur sind die Klänge nicht laut, sondern eher sehr leise und müssen also elektronisch verstärkt werden – was bei heutigen Verstärkeranlagen ja überhaupt kein Problem ist. Was früher als Entgrenzung entstand, kann mit entsprechendem Training völlig kontrolliert hervorgebracht werden. Diese Techniken werden heute von vielen Gesangslehrern unterrichtet.

Also kein Raubbau mehr?

Das Bewusstsein hat sich schon stark gewandelt, man geht sorgsamer mit sich um. Von Ausnahmen wie Amy Winehouse abgesehen, planen Künstlerinnen wie Lady Gaga oder Pink ihre Karriere vorausschauend. Es ist eher ein Haushalten mit den Kräften zu beobachten.

Was für Lady Gaga nötig ist, um einen strapaziösen Tourneemarathon durchzustehen?

Hinter einem Stadionkonzert mit 70.000 Leuten steckt eine unglaubliche Disziplin. Früher war das improvisierter, zum Teil auch gefährlich. Bei den Rolling Stones wurde in Altamont ein Fan direkt vor der Bühne erstochen. Schon lange ist das aber ein großes Business mit strengen Kontrollen, und im Livebusiness setzt man alles daran, seinen Protagonisten nicht unterwegs zu verlieren. Wer heute auf Tour geht, tut das in der Regel sehr kontrolliert.

Lady Gaga im Konzert. Quelle: Invision/AP

Die letzte AC/DC-Tournee musste vom Sänger der Band Guns N’Roses gerettet werden, weil Sänger Brian Johnson wegen Taubheitsgefahr aufhören musste.

Das Gehör ist auch ein großes Thema in Pop und Rock. Eric Clapton hat auch erst jüngst wieder in einem Interview gesagt, dass er langsam taub wird. Das ist vornehmlich ein Problem der älteren Musiker. Die standen lange Jahre tagtäglich völlig ungeschützt direkt vor den Lautsprecher-Anlagen. Heute wird die Verstärkung der Musik über PA-Anlagen an den Seiten nach vorne an den Musikern vorbeigeleitet. Die Musiker hören ihre Stimmen und Instrumente über einen Knopf im Ohr – sogenanntes in-ear-Monitoring. Auch da hat ein deutlicher Wandel stattgefunden.

Gibt es den Gesundheitscheck vor einer Tour?

Nicht generell. Das ist mehr eine Businessfrage als ein Gesundheitsthema und hängt vom Management eines Tourunternehmens ab. Wenn Gefährdungen bestehen, kann ein Check veranlasst werden, um sicherzustellen, dass beispielsweise ein alkoholkranker Musiker die Anforderungen einer Tour auch übersteht.

Und dann sind auf Tournee Ärzte vor Ort, die im Notfall für die Künstler da sind.

(lacht) Als der Vorgänger des jetzigen Papstes, Benedikt XVI., bei seinem Deutschlandbesuch im Jahr 2011 nach Freiburg kam, wurde die Uniklinik verpflichtet, für jeden möglichen Gesundheitsaspekt – bis hin zum Stimmproblem – einen Ansprechpartner zu benennen. Der Papst blieb, Gottseidank, gesund und musste die Hilfe nicht in Anspruch nehmen. Solche Anfragen gibt es manchmal auch bei Rock- und Popkünstlern. Aber das ist – wie auch die Checks – nicht vorgeschrieben, es gibt da keine Regularien. Papst und Rockstars sind Privatpersonen.

Aber bei großen Konzertreisen steht viel Geld auf dem Spiel. Helene Fischer musste jüngst sieben Konzerte ausfallen lassen.

Sie hatte Konzerte mitten in der Grippesaison und war – vermutlich – erkältet wie viele. Das passiert, das kann man nicht voraussagen, da würde auch kein Check vorab helfen. Die meisten Manager reagieren heute in der Situation schnell und verantwortungsvoll, wollen sich ja auch nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Bei solchen Ausfällen wie bei Frau Fischer könnten dann wir Musikermediziner gefragt werden.

Was wurde gemacht?

Ich hab’ ihr nicht persönlich in den Hals geguckt. Wahrscheinlich war’s ein banaler Infekt. Sie hat ja eine sehr klare Singstimme, arbeitet nicht mit anstrengenden Stimmtechniken. Da fällt man dann eine bis anderthalb Wochen aus und muss zusehen, dass man die Stimme nicht zu früh wieder belastet. Dafür haben Leute wie Frau Fischer Stimmcoaches, und das scheint bei ihr verantwortungsvoll gemacht worden zu sein. Manch andere gehen noch mit dem Kopf unter dem Arm auf die Bühne. Wieder andere arbeiten in einer solchen Situation stimmschonend mit Playback.

Man wundert sich, dass jemand wie Bruce Springsteen tagein, tagaus bei Wind und Wetter vier Stunden live singt, – schwitzend, hart arbeitend, über Wochen und Monate, ganz ohne Grippe.

Ich glaube, das liegt am Adrenalin. Orchestermusiker oder Solisten auf der Bühne werden an der Premiere seltener krank als während der Konzertreise. Und Leute wie Springsteen haben ja quasi jeden Abend Premiere. Da gibt es eine hohe Adrenalinausschüttung, die mit einer hohen Kortisonausschüttung verbunden ist, was protektiv für das Immunsystem ist.

Bruce Springsteens Konzerte dauern bis zu vier Stunden. Quelle: DDP

Wie päppelt man eine angegriffene Stimme wieder auf?

Man muss gute Ärzte haben, die wissen, was sie tun. Einen banalen Infekt behandelt man anders als ein Stimmlippenhämatom, das aber auch meist gut ausheilt. Eine dauerhafte Schwellung, die operativ abgetragen werden muss, sollte man in einem phonochirurgischen Vorgehen angehen, eine Stimmchirurgie, bei der der Fokus auf der Stimmfunktion liegt und nicht darauf, dass man alles wegschneidet. Danach muss man die Leute in eine gute Stimmtherapie schicken und mit Coaches langsam wieder aufbauen. Dann ist das alles in der Regel nicht karrieregefährdend. Caruso ist schon Anfang des 20. Jahrhunderts zweimal erfolgreich an den Stimmlippen operiert werden.

Kann man sich heute die Stimme noch ruinieren?

In der Regel eigentlich nicht, da die Stimme als wichtiges Kommunikationsinstrument besonders robust ist. Sie ist für unser emotionales Miteinander wichtig und bleibt meist nicht dauerhaft krank, versucht sich immer wieder zu erholen. Aber wenn man sich lange genug Mühe gibt, kriegt man sie auch kaputt.

Elton John untersingt in den oberen Registern, Phil Collins wurde bei Konzerten schon vor zehn Jahren in den hohen Lagen von seinen Backgroundsängerinnen in Empfang genommen, die seine Defizite überspielten.

Ja, die Herren sind ja auch weit über 60, das sind also eher Alterungseffekte als Abnutzungserscheinungen. Besonders deutlich hört man das auch bei Paul McCartney. Bei dem Song „Blackbird“ muss er ganz hoch rauf, er hat es vor etwa zwei Jahren noch einmal live gesungen und schaffte das fast nicht mehr. Das sind keine Erkrankungen, sondern es liegt vermutlich an den veränderten Hormonkonzentrationen. Das ist auch nicht genretypisch, Maria Callas hatte das auch. Und manche Sänger leiden nie darunter. Ringo Starr klingt immer noch wie damals bei den Beatles, während sich die Stimme von Paul McCartney sehr verändert hat. Man hört das auch in der Sprechstimme, wenn er Interviews gibt. Das ist ein „typischer“ Opa, der da spricht.

Was tut ein Musiker in einer stürmischen Open-Air-Saison oder in der eiskalten Jahreszeit, um sich vor Krankheit zu schützen?

Günstig ist es, wenn er seinen Körper fit hält – Mick Jagger hat seinen Waschbrettbauch, weil er täglich Stunden im Fitnessstudio absolviert –, regelmäßig in die Sauna geht und sich gesund ernährt.

Michael Jackson und Prince haben sich auch fit gehalten, sich gesund ernährt, und sind dann an Medikamenten gestorben, der eine an dem Narkosemittel Propofol, der andere an einem Opioid namens Fentanyl, das er gegen Rückenschmerzen bekam und das 50 mal stärker war als Heroin.

Das sind verschreibungspflichtige Medikamente – auch in Amerika. Glaubt man den Medienberichten, hat Michael Jackson seine Leibärzte um das Narkosemittel Propofol, um „my white milk“, angefleht. Nach allem was bekannt ist, lag hier also eher ein Medikamentenmissbrauch vor. Bei Prince habe ich weniger Informationen. Aber natürlich ist Jackson nicht in die Apotheke gegangen und hat gesagt: „Einmal Propofol, bitte!“ Jemand muss es ihm besorgt haben. Verabreichen kann es auch eine Krankenschwester, besorgen kann es eigentlich nur ein Arzt oder Apotheker.

Prince starb an einem Opioid, das 50 mal stärker ist als Heroin. Quelle: imago stock&people

Ist ein „Leibarzt“ eher geneigt, bei Medikationen die Augen zuzudrücken, um den prominenten Patienten nicht zu verärgern oder zu verlieren?

Man muss bei diesen berühmten Popstars immer die Frage stellen: Wer hatte mehr Macht, der Arzt oder der Patient? Normalerweise hat der Arzt die größere Macht als der Patient und sollte sich nach seinem ärztlichen Gewissen, seiner ärztlichen Kunst, seinem hippokratischen Eid frei entscheiden. Ist im Machtverhältnis aber eine Schieflage, kann es auch zu Missbrauch kommen. Dann wird das zu einer Frage der Persönlichkeit. Mich persönlich hat von Arbeitgeberseite oder von Seiten der Patienten noch niemand zu Dingen aufgefordert, die ich nicht machen wollte. Aber, wenn ich das Gefühl habe, etwas ist unethisch, habe ich die ärztliche Pflicht zu sagen: Nein, das tue ich nicht.

Zur Person

Bernhard Richter, Jahrgang 1962, ist Professor für Musikermedizin am Freiburger Institut für Musikermedizin (FIM), das er zusammen mit Frau Prof. Dr. Claudia Spahn leitet. Neben seinem Medizinstudium in Freiburg, Basel und Dublin absolvierte er ein Gesangsstudium an der Hochschule für Musik in Freiburg (Konzertexamen 1991). Nach zwei Facharztausbildungen zum HNO-Arzt und Phoniater (Stimmarzt) habilitierte er sich 2002. Im FIM ist er neben seiner Unterrichtstätigkeit im Bereich Stimmphysiologie und Hören vor allem für die medizinische Betreuung der Musiker und Sänger zuständig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Stimmphysiologie bei Sängern und der Gehörschutz bei Orchestermusikern. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist er Autor des Buches „Die Stimme“ und Mitautor und Herausgeber der Lehrbücher „MusikerMedizin“, „Musikergesundheit in der Praxis“ und „Lexikon der Gesangsstimme“, der Lehr-DVDs „Das Blasinstrumentenspiel“ und „Die Stimme – Einblicke in die physiologischen Vorgänge beim Singen und Sprechen“ sowie des Buches „Musik mit Leib und Seele“ (siehe www.fim.mh-freiburg.de).

Von Matthias Halbig / RND

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