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Krumme Karotten und fleckige Äpfel

Edeka und Netto verkaufen natürlich Gewachsenes Krumme Karotten und fleckige Äpfel

Makellose Designerfrüchte beherrschen das Angebot im Supermarkt. Doch immer mehr Verbraucher wollen natürlich gewachsenes Obst und Gemüse. Edeka und Netto sind die ersten, die Karotten & Co. mit Schönheitsfehlern verkaufen - erst einmal als Pilotprprojekt.

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Quelle: dpa

Berlin. Fünf Sinne hat der Mensch. Er riecht, schmeckt, fühlt, hört und sieht. Doch dann geht er einkaufen – und im perfekt ausgeleuchteten Obst- und Gemüseregal zählt nur noch die Optik. Als seien die übrigen Sensoren schlagartig ausgeschaltet. Makellose Designerfrüchte beherrschen das Angebot im Supermarkt:

- Leuchtend rote Äpfel wie von Playmobil namens „Pink Lady“, gezüchtet in Australien, gewachst und poliert, um die Welt verschifft, mit mindestens 40 Prozent roter Schale und einem Fruchtdurchmesser von 55 Millimetern.
- Fleckenlose Bananen, laut „EG-Verordnung Nr. 2257/94 zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Bananen“ mindestens 14 Zentimeter lang und 27 Millimeter dick.
- Knallrote Tomaten mit „unverkorkter Nabelbildung“ (EU-Verordnung), die „vernarbte Risse von höchstens einem Zentimeter Länge“ aufweisen dürfen.

Der Kunde wolle das so, heißt es im Lebensmittelhandel. Der Kunde ist seit Jahrzehnten konditioniert auf stromlinienförmiges Obst und Gemüse, auf Kartoffeln ohne Augen, gerade Gurken und golfballgroße Radieschen. Das hat Folgen: Allein in Deutschland landen jährlich Lebensmittel im Wert von 25 Milliarden Euro im Müll – im Schnitt 80 Kilogramm pro Person. Jede fünfte geerntete Frucht schafft es nicht einmal so weit: Sie wird auf dem Acker gleich wieder untergepflügt, weil sie bei Lidl, Aldi und Co. keine Chance hat.

Hunderttausende Tonnen einwandfreie Nahrung werden in Biogasanlagen verfeuert oder an Tiere verfüttert. Denn die meisten Kunden kaufen, was „am schönsten“ ist. Doch die Natur wächst, wie sie will. Sie lässt sich nicht zwingen, nur weil gerade Gurken besser in die stapelbaren Kartons des Massenmarktes passen. 2012 etwa entsorgte ein bayerischer Bioland-Bauer zehn Millionen frisch geerntete Kartoffeln in Biogasanlagen, weil der Handel sie ablehnte. Stattdessen vertrieb er Frühkartoffeln aus Ägypten und Israel. Aus Wut und Verzweiflung verschenkten Bauern ihre Kartoffeln vor Discounter-Filialen. Doch langsam dämmert es dem Endverbraucher, dass es keinen Grund gibt, beim Einkaufen nicht auch die anderen Sinne einzusetzen. Zu riechen. Zu fühlen. Die Rückbesinnung auf den Geschmack erlebt eine Renaissance. Die genormte holländische Wassertomate stirbt – Wildpfirsiche dagegen, die zwar ungewohnt platt und knubbelig aussehen, aber dafür mehr Aroma haben, gibt es immer öfter. Und wandern immer öfter in den Einkaufskorb.

Auch die großen Lebensmittelketten haben diesen Trend für sich entdeckt. Der Konzern Edeka und seine Discounttochter Netto gingen am Montag mit dem Pilotprojekt „Keiner ist perfekt“ in einer nicht näher bekannt gegebenen Auswahl von Testmärkten an den Start – und verkaufen zum Nachlasspreis gesondert ausgezeichnete Kartoffeln, Zwiebeln, Äpfel, Karotten und Gurken mit Schönheitsfehlern. Brandenburger Märkte sind noch nicht mit von der Partie, erklärte ein Edeka-Sprecher. In der nächsten Woche soll in der Regionalgesellschaft Minden-Hannover darüber beraten werden, wie die Idee auch in Brandenburg umgesetzt werden könnte. Aber entscheidend für einen Erfolg des Projektes sei „der Zuspruch der Kundschaft“.

Ein ähnliches Experiment wagt Konkurrent Rewe: Der Handelskonzern verkauft in seinen Supermärkten in Österreich Äpfel, Karotten und Kartoffeln mit „eigenwilligem“ Aussehen unter der Eigenmarke „Wunderlinge“. Im degenerierten Ernährungskosmos ist das Normale zum Exotischen geworden.

Ebenso wie Edeka will Rewe mit der Aktion eine Initiative gegen das Wegwerfen starten – und vermutlich auch die wachsende Gruppe der „bewussten Kunden“ binden. Positive Erfahrungen mit einer solchen Initiative hat das Schweizer Handelsunternehmen Coop gemacht: Unter dem Label „Ünique“ verkaufen die Filialen des Handelsriesen schon seit einiger Zeit Blumenkohl und anderes Gemüse mit Hagelschäden – und stoßen auf Interesse. Ein Kilo Karotten kostet umgerechnet 2,20 Euro, die „Ünique“-Karotten sind für knapp einen Euro pro Kilo zu haben.
Natürlich spielt auch der Werbegedanke eine Rolle, denn ein „grünes Bewusstsein“ poliert das Image auf. In Holland etwa rief eine Supermarktkette ihre Kunden dazu auf, Ware kurz vor dem Verfall im Regal zu suchen – und kostenlos mitzunehmen. Aber es geht um mehr als PR: Die Supermärkte wittern einen unerschlossenen Markt. Und sie reagieren auf eine Entwicklung, die auch die Konsumforscherin Mirjam Hauser vom Schweizer Gottlieb-Institut registriert hat: „Konsumenten wollen wieder Produkte erhalten, die authentisch sind. Sie wollen zurück zum Ursprünglichen und akzeptieren auch, dass eine Möhre zwei Beine hat.“

Die Lebensmittelkonzerne stehen unter Druck: Zum einen muss der Handel den Hunger nach günstigen, lange haltbaren und zeitsparend zuzubereitenden Lebensmitteln stillen. Gleichzeitig hat die ökologische Perspektive den bürgerlichen Mainstream erreicht. Die „Landlust“-lesende Waschbär-Kundschaft wünscht naturbelassene Lebensmittel, möglichst aus kontrolliert biologischem Anbau – und all das bitte, wenn’s denn geht, zum kleinen Preis.

Ob diese Gruppe beim Einkauf tatsächlich zu den „Unperfekten“ greift und damit alte Gewohnheiten aufgibt, muss sich allerdings noch zeigen. Dabei ist wissenschaftlich erwiesen, dass „ungerades“ Obst mitunter schadstoffärmer ist als „normiertes“ aus Güteklasse 1. Ein Beispiel dafür ist die Möhre: Teilt sie sich das Erdreich während ihres Wachstums mit Fadenwürmern, weist sie bei der Ernte Dellen und kleine Pickelchen auf – ein Hinweis auf den Verzicht bestimmter Pestizide.

Die Güteklasse, so mahnen Verbraucherschützer immer wieder, beschreibt lediglich das Äußere der Ware – nicht aber ihre eigentliche Qualität, zu der Faktoren wie Vitamin- und Nährstoffgehalt, Schadstoffbelastung und Aroma gehören. Den wenigsten Konsumenten aber ist das wirklich bewusst. Wieder bleiben also vier der fünf menschlichen Sinne auf der Strecke. Die EU hat 2009 gleich 26 ihrer Handelsnormen für Aprikosen, Artischocken, Spargel und Kohl wieder abgeschafft, darunter die vielbelächelte „Gurkenverordnung“, die zum Synonym für Brüsseler Bürokratie wurde und den zulässigen Krümmungsgrad regelte (höchstens zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Gurkenlänge).

Der Hildesheimer Student Giacomo Blume suchte für seine Diplomarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar naturbelassenes Obst und Gemüse. „Wir mussten wochenlang den Lebensmittelhandel und zahlreiche Wochenmärkte absuchen“, sagt er. Mit ihren „hässlichen“ Funden schufen Blume und seine beiden Mitstudenten Moritz Glück und Daniel Plath die Kampagne „Ugly Fruits“ (Hässliche Früchte“ – die virtuell für einen Lebensmittelhandel warb, der sich auf das Geschäft mit den verschmähten Wunderlingen konzentriert. Dass ihre für die Diplomarbeit geborene Idee schon nach wenigen Monaten Wirklichkeit werden könnte, überraschte die Studenten: Derzeit verhandeln die drei Designer, die nun unter dem Namen „Lautlos“ als Werbeagentur firmieren, mit drei möglichen Investoren.
Tatsächlich sind es die Kunden selbst, die die Industrie zur Rückbesinnung zwingen können. Selbstverständlich isst das Auge mit, am Ende aber zählen bei der Ernährung Geschmack und Gefühl. Die sanfte Wende kann dauern, Menschen sind Gewohnheitstiere. Und dass keiner perfekt ist, gilt nicht nur für Äpfel.

Von Imre Grimm und Dany Schrader

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