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Die Wahl und die Wolllust

Kolumne "Unterm Strich" vom 21. September Die Wahl und die Wolllust

Alle Jahre wieder... steht eine Bundestagswahl an. Doch so heftig umgarnt wie mit 18 Jahren wird Lars Grote heute nicht mehr. Dafür ist seine Tochter nun Erstwählerin. Ob auch sie aus Protest gegen die Eltern das Kreuz an einer ganz anderen Stelle machen wird?

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Auch unser Kolumnist wird am Sonntag wählen gehen, und zum ersten Mal darf auch seine Tochter an die Urne.

Quelle: dpa

Mit 18 Jahren haben mich die Wahlkämpfer umgarnt, als sei ich eine Jungfrau unter ausgehungerten Matrosen. Sie dachten, ich sei formbar und mit einem bunten Kugelschreiber rumzukriegen. Ich bekam rote, schwarze, gelbe, grüne Stifte, die Leute an den Ständen glaubten, die Messe sei gesungen. Sie wähnten mich am Haken.

Heute lassen sie mich laufen. Sie geben mir nur eine kleine Fahne aus Papier, wie einen Trostpreis, das soll heißen: Väterchen, geh’ heim, politisch bist du längst verknöchert, wir warten auf das unentschlossene Frischfleisch. Kugelschreiber kriege ich nicht mehr – zu teuer für einen wie mich, ein Mann in mittleren Jahren. So einer lässt sich schwer bekehren, er steckt ein einem komplizierten Alter, weltanschaulich läuft er an der kurzen Leine. So denkt der handelsübliche Wahlkämpfer.

Er täuscht sich. Mit 18 Jahren war ich wild entschlossen, wusste nahezu mit Wolllust, wen ich wähle – ich hätte meine Stimme auch gegen den Widerstand von vier, fünf Bluthunden zur Urne getragen. Und die Kugelschreiber? Landeten im Müll, zwei Meter neben den Ständen, damit die Menschen unter roten, schwarzen, gelben, grünen Schirmen sahen: Der lässt sich nicht mit Weißbrot abspeisen, dieser junge, wütende Mann will Vollkornbrot. Der braucht was zu kauen.

Das war eine Angeberpose. So jung und wütend war ich am Ende nicht. Beim Gang zur Wahl zog ich ein gutes Hemd das. Eines ohne Löcher.

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Heute kann man besser um mich kämpfen. Die Dinge liegen nicht mehr derart klar wie damals. Früher hieß die Maßgabe: Das Kreuz bloß weit weg von den Eltern setzen. So ein Kreuz war ähnlich wichtig wie eine Frisur: Es musste eigenständig sein, der Apfel sollte fort vom Stamm.

Meine Tochter wirkt in dieser Frage wesentlich gelassener. Sie wählt zum ersten Mal. Gut, unsere Frisuren sind vollkommen unterschiedlich, was nicht in erster Linie ein Protest ist, sondern daran liegen könnte, dass sie eine Frau ist. Ob sie anders wählt als ich? Ich hatte sie gefragt vor ein paar Wochen. Sie hatte sich noch nicht entschieden. Keine Spur von meiner frühen, überspannten Geste: Ich bin jung und wütend, kämpfe gegen fünf Bluthunde und zeig’s euch allen! Sie ist umsichtig, hat einen besseren Schulabschluss als ich, weiß Bescheid, doch findet Politik nicht übermäßig interessant. Sie liest eher selten in der Zeitung. Das wird der Protest sein gegen ihren Zeitungsvater – wenn sie es mit ihren Haaren schon nicht zeigen kann.

Ich wähle heute nicht mehr die Partei von damals. Es ist etwas passiert seither, mit der Partei oder mit mir. Auch mit meiner Frisur ist etwas passiert. Geblieben ist, dass ich ein Hemd ohne Löcher anziehe, wenn ich zur Wahl gehe.

Von Lars Grote

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