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Und er ist doch ein Großer

Kolumne "Unterm Strich" vom 12. Oktober Und er ist doch ein Großer

So traurig wie die Mode, Handys in Babysocken zu stecken und Whisky mit Red Bull zu mischen, ist aus Sicht von Lars Grote die Idee, Fußballer vor ein Mikrofon zu stellen. Er prophezeiht den Fußball-Experten im TV kein langes Leben. Eine Ausnahme jedoch gibt es: Franz Beckenbauer.

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Franz Beckenbauer hat für Wasser nichts übrig.

Quelle: dpa

Beckenbauer trat in mein Leben, als er schon fürs Reden engagiert wurde. Nicht mehr für die Pässe, die Raum und Zeit verknotet haben. Sie schieben ihm das Wort „Experte“ auf den Fernsehschirm, wenn er die Dinge heute ordnet. Meist sagt er etwas in der Art: „Joa mei, heuer ist rutschig, versucht’s halt mal mit Weitschuss.“ Dass ich nur den sprechenden Beckenbauer kenne, nicht mehr den spielenden, beklage ich beinahe täglich.

Die Idee, Fußballer vor ein Mikrofon zu stellen, ist generell eine Verirrung. So traurig wie die Mode, Handys in Babysocken zu stecken und Whisky mit Red Bull zu mischen. Es gibt Dinge, die haben vor der Evolution keinen Bestand, glaube ich. Auch der Fußball-Experte wird nicht überleben. Schauen sie nur, wie mehlig die Haut von Oliver Kahn schon ist.

Aber neulich hat mir Beckenbauer das Leben gerettet. Nein, nicht das Leben, doch wenigstens den Samstagnachmittag. Ich hatte eine Zeitschrift über das Meer gekauft. Ich fühle mich dem Meer verpflichtet, weil ich aus seiner Nähe stamme. Es ist fast eine familiäre Bindung, die ich zum Wasser empfinde. Das Meer ist wie ein dominanter Onkel, dessen Meinung ich nicht teile, doch der so wortgewaltig auftritt, dass er nicht einfach aus dem Alltag wegzudenken ist. Trotzdem: Ich mag das Meer nicht besonders. Schlägt immer Wellen, kommt nicht zur Ruhe. Wie ein aufgedrehtes Kind, das ständig hören will, wie toll es ist.

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Das Meeres-Heft war voll mit prominenten Leuten, die sagten, was sie mit dem Meer verbindet. Sie hätten dort ihr wahres Ich gefunden, diesen schillernden Menschen, das tollste Essen, stabile Ideen, die ihr Leben auf die Sonnenseite führten. All das sei geschehen an Küste und auf See. Mir wurde flau. Wenn die Zeitschrift von den Bergen oder von Südfrankreich handeln würde, hätten diese Leute sicher ihre Meeresoffenbarung umgeschrieben auf die Berge oder auf Südfrankreich.

Gerade als ich sauer wurde über so viel rückgratlose Schwärmerei, stieß ich auf Franz Beckenbauer. Und dachte: Nun muss der Beckenbauer auch noch sagen, dass er am Strand bei hohen Wellen früher einen Ball gefunden hat, und dieser Ball ihm flüsterte, nimm mich, ziehe hinaus in die Welt und führe ein großes Leben. Egal, ich hatte resigniert.

Aber er sagte etwas anderes: „Für Wasser habe ich nichts übrig. Als Kind wollte ich mich am liebsten nicht waschen.“

Beckenbauer, dieser coole Hund! So ein kerniger, klarer, unangepasster Satz vom alten Fernsehonkel. Von diesem Typen, bei dem man sonst nur auf den Knopf drückt, damit er wieder anfängt von „heuer ist rutschig“ oder „Weitschuss“. Ich glaube, er ist doch ein Großer.

Von Lars Grote

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