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20:13 27.04.2018
Statt Push-ups und wattierten BHs liegen jetzt leichte, bügellose Softbras im Trend. Zeichen einer neuen, entspannten Natürlichkeit – oder nur ein Coup der Modeindustrie? Quelle: Dora Larsen
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Berlin

Das “Englishwoman’s Domestic Magazine“, Pflichtlektüre britischer Ladys im 19. Jahrhundert, äußerte sich in einem Beitrag im Jahr 1866 voller Anerkennung darüber, wie ein Mädcheninternat seine Zöglinge konsequent von montags bis sonnabends in Korsetts eingeschnürt ließ, um die Taillenweite innerhalb von zwei Jahren von durchschnittlich 58 auf 33 Zentimeter zu verringern.

Einen vagen Eindruck davon, wie die Haut der Mädchen unter Fischbein und Schnüren mit großer Wahrscheinlichkeit aussah, vermittelt dieser Tage ein Video auf der Homepage der Marke Sloggi, Teil des Wäschekonzerns Triumph. In einer kurzen Einblendung sind Blutergüsse entlang der Wirbelsäule zu sehen. Der Clip ist eine 40 Sekunden lange Dokumentation der Befreiung der Frau vom Korsett und seinen sperrigen Nachfolgermodellen hin zum bügellosen “Bralette“ oder auch “Softbra“.

Neu sind allein die Namen. Naht- und drahtlose Modelle gibt es schon lange. Mit Beginn der Supermodel-Ära in den Neunzigerjahren und des vor allem von Claudia Schiffer und Eva Herzigová werbewirksam eingeläuteten Comebacks von Wonder- und Ultrabra führten die bügelfreien Varianten jedoch ein Nischendasein im Schatten von Push-ups und Vollschalen-Maximizern. Sie wurden allenfalls beim Sport getragen. Bis jetzt.

“Must-have des Jahres“

Neben “Triumph“ vermarkten auch andere große Dessoushersteller wie etwa Hunkemöller und Passionata, aber auch Modeketten wie H&M den Softbra als “Must-have des Jahres“. Drauf hat’s, wer ihn drunter trägt. Ein cup-freier Coup der Modeindustrie? Oder kehrt die aktuell angesagte Unterwäsche einmal mehr nach noch oben, was Frauen bewegt? Für manchen Influencer ist der Softbra gar Ausdruck eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins.

Die Geschichte der Unterwäsche, vor allem die der Frauen, ist immerhin eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft. So verdankte das 1913 erstmals in Serie gefertigte Büstenhaltermodell “Hautana“ der schwäbischen Firma Lindauer, das als Prototyp des heutigen BHs gilt, seine rasche Verbreitung dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Stoffknappheit und der Einsatz von Frauen als Arbeitskräfte beförderten das Korsett schneller auf den Altkleiderhaufen der Geschichte als es Frauenrechtlerinnen, Mediziner und Moralisten vermochten, die es zuvor angeprangert hatten.

Vielleicht war es zuvor der Mangel an modischen und tragbaren Alternativen gewesen, jedenfalls hatten die Korsettgegnerinnen selbst bei den Frauen zunächst wenig Gehör gefunden: “An der Einschnürung und damit an der Verkrüppelung ihres Körpers halten Unzählige fest, wie an einem Glaubensartikel“, konstatierte Margarete Pochhammer, Vorsitzende des “Allgemeinen Vereins zur Verbesserung der Frauenkleidung“, noch im Jahr 1905.

Angenehm leicht: Bügellose BHs wie dieses Modell von Sylvie Design. Quelle: Hersteller

Das erinnert an heutige Kim-Kardashian-Jüngerinnen, die sich wie der Reality-TV-Star in enge Shapewear, also formende Unterwäsche, zwängen, den Busen für ein tiefes Dekolleté mit Panzerklebeband fixieren und womöglich auch Kardashians Tipp für eine Wespentaille beherzigen: Work-out im Korsett.

Kann sich der bügellose BH gegen so viel und medial so weit verbreiteten Köperkult durchsetzen? Beim britischen Label Agent Provocateur gehören Korsetts nach wie vor zum Standardsortiment. Und bei Victoria’s Secret, einem der weltweit einflussreichsten Konzerne für Damenunterwäsche, wagt man nur zaghaft das Bekenntnis zu mehr Natürlichkeit.

So gibt es zwar eine bügellose Variante, die immerhin “Sexy Illusions“ verspricht, aber nicht ohne gepolsterte Körbchen auskommt. Das US-amerikanische Label, bekannt für seine aufreizenden Laufstegpräsentationen mit Models mit Engelsflügeln, setzt zwar auf Verführung und Freizügigkeit, achtet aber seit jeher penibel darauf, dass sich bei den Modellen, die zur Tageswäsche zählen, keine Brustwarzen abzeichnen. Hier wird’s dann wieder viktorianisch.

Brustwarzen sind “zu ablenkend“

Dass der Anblick von weiblichen Brustwarzen, selbst durch den Stoff eines Pullovers oder T-Shirts noch immer als sexuelle Provokation empfunden werden kann, zeigt der Fall der US-Schülerin Lizzy Martinez. Die 17-Jährige war vor wenigen Wochen ohne BH unter dem T-Shirt in der Schule erschienen – und schließlich von der zuständigen Dekanin gebeten worden, ihre Brustwarzen mit Pflastern aus der Krankenstation abzukleben. Die Begründung: Lizzys Anblick sei für die Jungen ihrer Schulklasse zu ablenkend.

Möglich, dass der bügellose, weiche und leichte Softbra auch der vor allem auf Social-Media-Kanälen schon länger andauernden “Body-Positivity“-Bewegung Rechnung trägt, die sich gegen normierte Schönheitsideale wendet und für einen selbstbewussteren Umgang mit eigenen körperlichen Makeln steht.

Das erinnert an den “Frauen sind kein Fleisch“-Feldzug der rund 400 Feministinnen, die im September 1968 den Schönheitswettbewerb zur Miss America stürmten und ihre BHs, “diese Instrumente weiblicher Folter“, in einen Abfalleimer warfen. Von da an gehörten Büstenhalter-Verbrennungen eine Weile zum Campus-Leben wie der Mensa-Besuch. Tatsächlich hielt sich der Trend aber nur kurz.

Anti-BH-Demonstration 1969 in Chicago: Sich des Büstenhalters zu entledigen, galt Ende damals als symbolischer Befreiungsakt in einer männerdominierten Welt. Quelle: dpa

Auch das Leben ganz ohne BH ist nicht immer bequem. In den Siebzigerjahren griffen die Frauen daher dankbar zu BH-Modellen aus damals noch neuartigem Elastan. Auch Spitze fand wieder Anklang. Aufkommende Gelpolster verdrängten auch bald das androgyne Schönheitsideal, wie es die flachbrüstige Twiggy verkörperte. Es wurde erneut aufgerüstet.

Jetzt ist also wieder Natürlichkeit angesagt. Unter anderem. Denn das ist ein wirkliches Erbe der 68er: Es gibt keine Kleidervorschriften, alles ist erlaubt. Jeder ist also frei zu tragen, was er will – die panzerähnliche Mogelpackung oder den ehrlichen Soft-BH. Sich für das eine oder das andere zu entscheiden ist keine Frage des Selbstbewusstseins, sondern eine des persönlichen Stils.

Von Kerstin Hergt

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