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Opfer-Anwalt: „Apothekenaufsicht ist unzureichend“

Apotheker-Prozess Opfer-Anwalt: „Apothekenaufsicht ist unzureichend“

Der Bottroper Apotheker Peter S. soll in mehr als 61 000 Fällen Medikamente unterdosiert und Millionengewinne eingestrichen haben. Ab Montag steht er vor Gericht. Dutzende Opfer begleiten den Prozess. Ihr Anwalt beklagt grobe Fehler im Kontrollsystem. Viele Opfer wüssten zudem bis heute nicht, dass sie betroffen sind.

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Die Alte Apotheke in Bottrop.

Quelle: dpa

Bottrop. Die Berliner Rechtsanwälte Khubaib-Ali Mohammed und Andreas Schulz vertreten mehrere Geschädigte des Bottroper Apothekers Peter S. Mohammed sprach Jan Sternberg.

Herr Mohammed, was erhoffen Sie sich für die Geschädigten des Bottroper Apothekers Peter S.?

Unter anderem Aufklärung, aber auch Gehör. Jemand, der an einer tödlichen Krankheit leidet, seine Hoffnung in Arzneien steckt und dann so hintergangen wird, kann schnell den Glauben an das Gute verlieren. Um das zu verhindern, ist es wichtig, den Menschen zuzuhören – auch in einem Gerichtsverfahren. Das Vertrauen meiner Mandanten ist teilweise durch die unzureichende staatliche Apothekenaufsicht erschüttert wurden. Dieses Vertrauen muss die Justiz wieder herstellen.

Wie viele mutmaßlich Geschädigte des Bottroper Apothekers Peter S. vertreten Sie?

Wir vertreten eine zweistellige Anzahl von Geschädigten, und es werden jeden Tag mehr. Die Lebens- und Krankheitsgeschichten der Geschädigten haben auch mich nachhaltig beeindruckt. Den Lebenswillen und die Lebensfreude jedes Einzelnen hat mich berührt.

Der Apotheker S. soll in mehr als 61 000 Fällen im Zeitraum von vier Jahren Medikamente unterdosiert haben. Dennoch wird er nur in 27 Fällen wegen versuchter Schädigung der Gesundheit seiner Patienten angeklagt. Welche Strafe hat er zu erwarten?

Im Kern geht es in der Anklage um gewerbsmäßigen Betrug in besonders schweren Fall und um tausende Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz. Wir streben eine Freiheitsstrafe im zweistelligen Bereich an.

Warum ist es so schwer, nachzuweisen, ob falsch dosierte Medikamente die Patienten geschädigt haben?

Viele Patienten sind seit Jahren verstorben, der individuelle Nachweis ist da zusätzlich erschwert.

Sind in den 61 000 Fällen wirklich alle mutmaßlichen Panschereien enthalten oder müssen wir mit noch mehr Fällen rechnen?

Wir gehen von viel mehr Fällen aus. Die Alte Apotheke hat in mindestens sechs Bundesländer geliefert und sogar nach Skandinavien.

Wissen alle Geschädigten davon, dass sie offenbar falsche Medizin bekommen haben?

Tausende Menschen wissen noch gar nicht, dass sie betroffen sein könnten. Es ist also ein weiter Weg für staatliche Stellen ihrer Aufklärungspflicht Genüge zu tun. Es sind sogar Menschen aus Nordafrika extra nach Deutschland gereist, um sich behandeln zu lassen, und sind ebenfalls betroffen. Es ist ein erschreckender Zustand.

Welche Bundesländer sind betroffen? Wie gehen die Behörden in den einzelnen Ländern damit um?

Mindestens sechs Bundesländer sind betroffen. Die Behörden hinken Ihrer Aufklärungs- und Schutzpflicht kilometerweit hinterher. Das Image des „guten“ Apothekers soll anscheinend nicht zerstört werden.

S. hat seine Tätigkeit kaum verschleiert. Er hat über Jahre zu wenig Medikamente eingekauft. Er wurde mehrfach überprüft. Machte aber offenbar einfach weiter.

In Deutschland wird jeder Gastrobetrieb genauer kontrolliert wird als eine Apotheke, die Krebsmedikamente herstellt. Unangekündigte Kontrollen sieht das Gesetz nicht vor. Damit läuft der Kontrollmechanismus faktisch leer. Völlig unbegreiflich ist, wie es sein kann, dass der Zytostatika-Betrieb zwar eingestellt ist, die Alte Apotheke aber weiter geführt wird, von der Mutter des Beschuldigten. In der Apotheke werden weiterhin Medikament gemischt und an die Bevölkerung verkauft. Zumindest unser Vertrauen in den Gesundheitssektor und seine Kontrollen ist nachhaltig erschüttert.

Was hat den Angeklagten ihrer Meinung nach getrieben?

Ob es ausschließlich maximales Gewinnstreben war, das den Angeklagten getrieben hat, wird der Prozess klären. Wie es aber sein kann, dass ein Apotheker in einer Kleinstadt mehr verdient als mancher Dax-Vorstand, wird auch geklärt werden müssen. Aber die Motive dürften vielschichtiger sein. Wie ist sonst zu erklären, dass der Angeklagte regelmäßig größere Spenden an ein Hospiz in Bottrop machte, obwohl er zuvor viele dahin gebracht haben dürfte. Grotesk ist noch das neutralste Wort, das mir dazu einfällt.

Von Jan Sternberg / RND

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