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Panorama Prinzessin Märtha Louise: „Wir sind wie Spiegel für die anderen“
Nachrichten Panorama Prinzessin Märtha Louise: „Wir sind wie Spiegel für die anderen“
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16:48 14.06.2018
Prinzessin Märtha Louise (li.) und ihre Koautorin Elisabeth Nordeng. Quelle: Foto: Mona Nordøy/Kurt Gaasøy
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Hamburg

Ständige Reizüberflutung: Die norwegische Prinzessin Märtha Louise hat ein Buch über ihre Empfindsamkeit geschrieben.

Ehrlich gesagt habe ich gerade ein bisschen Schiss. Sie nehmen gerade so viel wahr, was ich nicht wahrnehme. Leiseste Geräusche oder dezente Gerüche können Sie ganz kirre machen. Ist gerade alles in Ordnung? Sind sie gestresst? Müffel ich zu stark?

Prinzessin Märtha Louise: Nein, gar nicht, alles gut, machen Sie weiter.

Haben Sie vorher Übungen gemacht, um den heutigen Interview-Marathon durchzustehen?

Prinzessin Märtha: Das machen wir eigentlich nur vor Bühnenauftritten. Wenn du da vor die Massen trittst, dann sind da Tausende Emotionen im Saal und alle strömen gleichzeitig auf dich ein. Also machen wir Übungen, um uns selbst von den anderen zu trennen.

Sie hört, was andere nicht hören: Prinzessin Märtha Louise von Norwegen hat ein Buch über ihre Hochsensibilität geschrieben.

Das heißt, Sie meditieren?

Prinzessin Märtha: So ähnlich, ja.

Wann kam bei Ihnen der Moment, in dem Sie merkten, dass Sie hochsensibel sind?

Elisabeth Nordeng: Es war jedenfalls nicht so, dass wir uns dachten: Heureka, ich bin hochsensibel, jetzt habe ich‘s. Es war eher ein Prozess: Dein ganzes Leben willst du dazugehören, willst wie die anderen sein – merkst dann aber, dass du das gar nicht zu hundert Prozent kannst. Ich habe jahrelang an mir selbst gearbeitet, bevor ich realisiert habe, dass ich hochsensibel bin. Diese letzte Einsicht kam dann bei einem Test. Danach wusste ich: Okay, es gibt also auch einen Namen dafür.

Prinzessin Märtha: Stimmt, ich habe diesen Test auch gemacht. Und ich dachte damals: Das ist‘s also, was ich bin. Da hat sich in meinem Kopf dann alles zu einem Ganzen zusammengefügt.

Wie erzählt man dann seiner Familie davon? Gerade Sie, Prinzessin Märtha?

Prinzessin Märtha: Erstmal gar nicht. Man geht ja nicht sofort hausieren damit und sagt jedem ins Gesicht: Hallo, ich bin Märtha Louise und ich bin hochsensibel.

Aber später war es im Königshaus für alle in Ordnung?

Prinzessin Märtha: Ja. Es ist ja nicht so, als wäre man nach der Offenlegung plötzlich ein anderer Mensch.

Haben Sie sich manchmal gewünscht, nicht als Prinzessin geboren worden zu sein?

Prinzessin Märtha: Alle Mädchen träumen ja immer davon, als Prinzessin auf die Welt zu kommen. Ja, bei mir war es tatsächlich anders herum: Ich hatte früher einen Traum, in dem ich erwachte – und meine wahren Eltern kennenlernte. Sie waren Zahnärzte.

Das heißt, Sie haben sich unwohl gefühlt in Ihrer Rolle?

Prinzessin Märtha: Und wie. Wie eine Handballerin auf dem Fußballfeld. Und immer, wenn ich auf das Tor werfen wollte, wurde ich ausgepfiffen und wusste nicht, warum. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin einer Königsfamilie nicht würdig, bis ich lernte mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Viele von den Hochsensiblen-Merkmalen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, hört man von ganz vielen. Etwa das Gefühl, sich selbst immer zu viel aufzuladen. Oder überall unbedingt mithalten zu wollen. Wo liegt da die Grenze, wann ist man hochsensibel? Und wann nicht?

Prinzessin Märtha: Das merkt man schnell. Wenn du bestimmte Gerüche aushältst, ständig mit deinem Kugelschreiber klickst oder allzu laut redest, dann bist du mit Sicherheit nicht hochsensibel. Denn Hochsensible nehmen alle Sinneseindrücke gleichzeitig wahr, entsprechend schnell sind sie überreizt. Und wir nehmen eben nicht nur Sinneseindrücke in uns auf, sondern dazu auch die Gesamtstimmung eines Raumes. Es kann sein, dass es mir richtig gut geht – und dann betrete ich einen Raum, in dem alle gestresst sind. Also bin ich es plötzlich auch.

Nordeng: Das ist es. Wir sind wie Spiegel für die anderen. Die Menschen um uns herum müssen nicht reden – und wir wissen trotzdem, wie es ihnen geht.

Ist das der Grund, warum sie beide sagen, sie können mit Tieren oft besser als mit Menschen? Weil sie ehrlicher sind?

Prinzessin Märtha: Ja, das hat mich früher richtig wütend gemacht. Du fragst jemanden, wie es ihm geht. Und er sagt gut, dabei geht es ihm schlecht. Bei Tieren ist das anders. Sind die schlecht drauf, dann sind sie eben schlecht drauf. Das ist eine Herz-zu-Herz-Kommunikation. Hochsensible brauchen das.

Das heißt Sie reden ungern mit Nicht-Hochsensiblen?

Prinzessin Märtha: Wir Hochsensible sind zumindest unglaublich schlecht in Smalltalk. Lieber würden wir gleich über das ganz Große sprechen: Was sind deine Ängste, was deine Träume, wovor hast du Angst?

Aber woher soll man wissen, ob man einen Hochsensiblen vor sich hat – und wie man mit ihm reden soll?

Nordeng: Ich glaube, da braucht es vor allem Aufklärung. Im Kindergarten, in der Schule, an Universitäten. Die Leute müssen wissen, wie sie mit Hochsensiblen umgehen müssen. Und vor allem, dass diese Auszeiten brauchen. Partner müssen wissen, dass Zeiten der Abwesenheit uns guttun und kein Zeichen der Ablehnung sind. Lehrer müssen wissen, dass Schüler, die sich zurückziehen, manchmal einfach Zeit für sich brauchen. Zumindest in Norwegen ist man da gerade auf einem ganz guten Weg. Früher fragten alle nach dem IQ. Heute fragen sie auch nach emotionaler Intelligenz, weil man gemerkt hat, dass für Erfolg auch ein positives Umfeld wichtig ist.

Sie vertreten die These, Hochsensibilität könne stark machen. Dabei beschreiben Sie in Ihrem Buch vor allem Situationen, in denen Ihnen beiden unwohl war. Wo also liegt nun die Stärke?

Nordeng: Wer erkannt hat, dass er hochsensibel ist und wie er auf sich achten kann, der kann seine Empfindsamkeit gezielt nutzen. Hochsensible können in Gruppen zum Beispiel besser die Balance halten und dazu beitragen, dass sich Stresssituationen auflösen.

Prinzessin Märtha: Und wenn es einen Konflikt gibt, erkennen wir ihn und seine Ursachen früher. Schon als meine Eltern sich früher gestritten haben, habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Nur konnte ich das nicht benennen.

Apropos Konflikt: Frau Nordeng, sie und Prinzessin Märtha Louise sind Geschäftspartner. Sie betreiben eine Engelsschule zusammen und schreiben Bücher. Alles teilen Sie zu 50 Prozent. Trotzdem ist Prinzessin Märtha das Verkaufsargument. Ihr Name ist auf dem gemeinsamen Buch fettgedruckt, der von Ihnen nicht. Wurmt Sie das nicht als Hochsensible?

Nordeng: Wenn wir zusammen an unserer Schule unterrichten, dann gibt es zwischen uns beiden keine Unterschiede. Wenn wir allerdings in der Öffentlichkeit stehen, dann gibt es da plötzlich die Prinzessin und die Andere. Manchmal prallt es an mir ab, manchmal muss ich schlucken und manchmal macht es mich wirklich traurig. Das mit dem Buch zum Beispiel. Das haben wir zusammen geschrieben, unser beider Leben steckt darin. Warum bin ich dann nicht auch fettgedruckt? Wir beide für uns haben ganz klar, dass wir auf einer Ebene stehen, die Ungleichheit wird uns von außen zugeschrieben.

Angenommen, eine Fee kommt vorbei. Einen Wunsch gibt’s frei aufs Haus. Was wäre das bei Ihnen beiden?

Nordeng: Dass sie Leute ehrlich zu sich selber sind. Denn wie sie ehrlich sind, finden sie Frieden in sich selbst. Und wenn das alle tun, dann gäbe es viel weniger Konflikte.

Prinzessin Märtha: Dass wir uns gegenseitig respektieren. Und dass wir die Regeln und Wünsche der anderen kennenlernen und respektieren. Wenn unterschiedliche Leute zusammen mit verschiedenen Regeln spielen, dann gibt es Konflikte. Wenn aber jeder seine Regeln hat und die anderen wissen darum, dann kann das funktionieren.

Märtha Louise Quelle: Foto: Mona Nordøy/Kurt Gaasøy

Prinzessin Märtha Louise und Elisabeth Nordeng: „Hochsensibel geboren. Wie Empfindsamkeit stark machen kann“, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-22238-4, 283 Seiten, 12 Euro

Von Julius Heinrich/RND

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