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Panorama Warum Leipzig über Pfingsten schwarz sieht
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13:46 20.05.2018
Ein Teilnehmer des Wave-Gotik-Treffens steht auf einer Wiese im Clara-Zetkin-Park beim "Victorianischen Picknick". Etwa 20.000 Teilnehmer werden zum Pfingsttreffen der "Schwarzen Szene" in Leipzig erwartet. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Leipzig

Wer zu Pfingsten durch die Leipziger Innenstadt geht, kommt sich vor wie auf einer Zeitreise. Dort trifft der Adel in opulenten Barock-Kostümen, mit Lockenperücke und weiß gepuderten Gesichtern auf den Gothic-Klassiker mit Undercut, irritierend weißen Kontaktlinsen und schwarzer Kleidung.

Mehr als 20.000 Besucher

Mehr als 20.000 Anhänger der Gothic-Szene verwandeln die Messestadt zum 27. Wave-Gotik-Treffen (WGT) bis Montag in einen eigenen Kosmos - mit Fans der „schwarzen Szene“, Kostüm-Freaks, Dunkelhippies, Vampirfans und dazwischen ein bisschen Rokoko.

Längst ist es beim WGT nicht mehr düster, unheimlich und ausschließlich schwarz wie zu Beginn Anfang der 1990er Jahre. Die Strömungen sind vielfältig: Neben der „schwarzen Szene“ und den Barockfans wirken die Steampunks wie aus der Zeit gefallene Menschmaschinen, der Cybergoth trägt dagegen viel Lack, hautenge Kleidung und Perücken mit Plastik-Schläuchen in Signalfarben.

Der Auftakt des 27. Treffens am Freitagnachmittag gehört aber eindeutig der Barockfraktion. Tausende Anhänger tummeln sich in einem Park zum „Viktorianischen Picknick“.

Über Pfingsten findet in Leipzig jährlich das „Wave-Gotik-Treffen“ statt. Auch in diesem Jahr hüllen die Gothic-Fans die Messestadt in schwarz.

Überall stehen gedeckte Tische mit verschnörkeltem Geschirr - mitunter ziert ein Totenschädel die Runde. „Es ist eine ungezwungene friedliche Atmosphäre und wir leben gerne das 17. Jahrhundert vor“, sagt Mark Möbes aus Leipzig, der mit Beinkleidern und Perücke wirkt, als wäre er dem französischen Adel entsprungen. „Wir sind hier, um uns und eine wunderschöne Epoche zu präsentieren.“

„In erster Linie sollten wir doch tolerant sein“

Das mag dem wahren Gothicfan nicht immer gefallen, der stets betont, dass er sich nicht verkleidet, sondern eine Lebensform daraus gemacht hat. Manchmal werden diejenigen spöttisch beäugt, die sich für das WGT verkleiden.

Mary Draisine ist aus dem nordrhein-westfälischen Herten erstmals angereist und bezeichnet sich als „Gothic“. Die 49-Jährige lebt den Stil auch im Alltag und findet gerade die vielen Strömungen beim „Viktorianischen Picknick“ so interessant.

„In erster Linie sollten wir doch tolerant sein.“ Sie schiebt ihren auf alt getrimmten Kinderwagen über den Rasen. Das Innenleben ist sehr morbide und für manchen auch verstörend: Eine Kinderpuppe sitzt dort mit gespaltenem Schädel, das Hirn freigelegt und schaut auf das Treiben der Mäuse, die die Kinderstube durchstöbern.

„Die Unterschiede der Subkulturen innerhalb der Szene sind sehr wichtig“, sagt der Kultursoziologe Thomas Schmidt-Lux von der Universität Leipzig. Gothic sei ein Lebensstil, der das ganze Jahr über mit der Musik und der Kleidung gelebt werde.

Teilnehmer des Wave-Gotik-Treffens haben sich auf einer Wiese im Clara-Zetkin-Park zum "Victorianischen Picknick" versammelt. Etwa 20.000 Teilnehmer werden zum Pfingsttreffen der "Schwarzen Szene" in Leipzig erwartet.+ Quelle: Sebastian Willnow/dpa

„Das Festival ist auch ein kleiner Laufsteg“

Es wird viel Geld in die Kleidung, Schminke und ungewöhnliche Accessoires investiert. „Aber es gibt sicherlich Menschen, die sich zu dem Wave-Gotik-Treffen besonders in Schale werfen. Das Festival ist auch ein kleiner Laufsteg.“

Da es aber Hunderte Veranstaltungen an mehr als 40 Orten gibt, kommt die „schwarze Szene“ nicht zu kurz. Einige von ihnen dürfen nachts über den Südfriedhof streifen. Eine Kunsthistorikerin erzählt den Szenefans von Totenkronen, Wiedergängern und der Angst vor dem Scheintod.

Beim WGT tauchen auch immer wieder kleinere Gruppen in Uniformen auf, die denen der Wehrmacht sehr ähneln. „Ein kleinerer Teil der Szene hat schon eine gewisse Affinität zur rechten Szene. Auch einige Bands stehen immer wieder unter Naziverdacht“, erläutert Kultursoziologe Schmidt-Lux.

„Das sind Uniformen aus dem 1. Weltkrieg. Wir sind nicht rechts, haben nur einen Uniformfetisch“, wehren sich zwei Männer aus Hessen gegen den Vorwurf. An einer Kette führen sie eine Frau in rotem Lackmieder, Mundschutz und Flügeln über die Picknickwiese.

„Das ist Amelia von Schwefel, unser Höllendrache.“ So ist das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig: Auffallen und gerne auch mal provokant. Aber bisher immer friedlich.

Von MAZonline/dpa

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