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20,8 Prozent für AfD: Ein Siegeszug der Frustrierten

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern 20,8 Prozent für AfD: Ein Siegeszug der Frustrierten

„Ich bin nicht rechts, ich bin frustriert“: Mehr als jeder Fünfte stimmt bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern für die AfD. Wie konnte es dazu kommen? Ein Besuch in Klein Trebbow, einer der AfD-Hochburgen und Wohnort des Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm.

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Ein Anhänger der AfD steht am 01.09.2016 in Schwerin mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Angie fürchte Dich!“ bei einer Kundgebung zum Abschluss des Wahlkampfs der AfD vor der Bühne.

Quelle: dpa

Klein Trebbow. Der Kahlkopf mit der Jogginghose streicht sich langsam über sein fein geripptes Unterhemd. Mit einem „Plopp“ zieht er den Daumen aus einer Bierflasche. „Leif-Erik? Der ist schon weg nach Schwerin. Zum Feiern“, sagt er. Und ja, schiebt er nach, die meisten im Dorf hätten heute, wie er, AfD gewählt. Es sei wichtig, „dass die da oben einen verpasst kriegen“.

Der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, lebt im selben Haus wie Leif-Erik Holm, der Spitzenkandidat der AfD und große Wahlsieger in Mecklenburg-Vorpommern. Der Plattenbau an der Lindenstraße in Barner Stück, einem Ortsteil von Klein Trebbow, liegt zehn Kilometer nördlich von Schwerin. Die Außenwände des Mehrfamilienhauses sind grünlich-grau bemoost. Vor dem Wohnblock verwittert eine Batterie brauner Briefkästen. Auf einem der Schilder vergilben die Buchstaben von zwei Namen: „L. Holm / E. Pahnke“.

Leif-Erik Holm, Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern

Leif-Erik Holm, Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: dpa

Holms Vater ist „Sozi“

AfD-Mann Holm, ein früherer Radiomoderator, ist häufig in Berlin, wo auch seine Frau und sein Sohn leben. Aber dieses wenig prachtvolle Haus ist sein Mecklenburger Domizil, in dem es offenbar nicht immer harmonisch zugeht. „Der Erich“, klärt der Mann mit der Jogginghose auf, „ist der Vater von Leif-Erik Holm – und Sozi. Der ist auf seinen Sohn gar nicht gut zu sprechen“, sagt er und grinst in den Hals seiner Bierflasche.

„Kreuz an der richtigen Stelle“ – bei der AfD

Aber damit ist Holms Vater in seinem Dorf offenbar ziemlich allein. Eine Nachbarin hält ihre kleine Tochter im Arm. „Fast alle, die ich kenne, haben ihr Kreuz an der richtigen Stelle gemacht“, erklärt sie und zeigt mit ihrer freien Hand auf die andere Straßenseite. Drüben hängen an einem Laternenmast zwei Plakate der AfD. Eines zeigt Holm, lächelnd mit Dreitagebart und der Aufforderung, zur Wahl zu gehen. Ein anderes trägt den Slogan: „Asylchaos beenden“.

Natürlich wisse sie, dass in Barner Stück keine Ausländer leben. Aber die Flüchtlinge seien ihr sowieso egal. Ihr gehe es um etwas anderes: „Wir wollen den Bonzen, die uns vergessen haben, einen Denkzettel verpassen.“

Wut und Frust, Fatalismus und Trotz

Wer die mehr als 20 Prozent für die AfD, die seit Sonntag die Berliner Politik beschäftigen, wer diese nächste politische Erschütterung erklären will, findet hier, in der Heimat von Leif-Erik Holm, Antworten. Überall im Dorf stößt man auf diese eigentümliche Mischung aus Wut und Frust, aus Fatalismus und Trotz, die so gar nicht zur idyllischen Landschaft passen will. Auf grünen Hügeln, zwischen dunklen Wäldern und mäandernden Bachläufen, grasen Kühe und Schafe. Auf der einzigen Straße, die hierher führt, laufen Hühner und Enten. Klein Trebbow, keine tausend Einwohner groß, gehört zum Landkreis Nordwestmecklenburg, bislang eine sichere Bank für die SPD. Vor fünf Jahren wählte hier noch fast jeder Zweite sozialdemokratisch. Das ist seit Sonntag Geschichte. Wie konnte das passieren?

Das war die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern

Wie konnte die SPD- zur AfD-Hochburg werden?

Klein Trebbow hat keinen Supermarkt. Auch eine Kneipe oder ein Café sucht man vergeblich. Wer seinen Wagen anmelden will, muss ins 30 Kilometer entfernte Grevesmühlen fahren. Vieles, was früher selbstverständlich war, ist verschwunden. Aber ist die Erklärung für den Mecklenburger Rechtsruck wirklich so simpel?

In Klein Trebbow Hitler-Attentat geplant

Im Neubaugebiet von Klein Trebbow sind die Straßen nach Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Fritz-Dietlof von der Schulenberg benannt. Im Teehaus des einsam gelegenen Schlosses kamen die beiden Wehrmachtsoffiziere Ostern 1944 zusammen, um das Attentat auf Adolf Hitler zu planen. 72 Jahre später sieht sich ausgerechnet die AfD in der Tradition des 20. Juli. Die AfD sei „keine normale Partei, sondern eine Widerstandsbewegung“, sagt der wegen Volksverhetzung vorbestrafte Holger Arppe, seit Sonntag Landtagsabgeordneter. Widerstand? Wogegen?

„Die Politik hat die kleinen Leute vergessen“

An der Schulenbergstraße haben sich Astrid Prochnow und Ralf Siggelkow ein kleines Fertighaus gebaut. Ihr roter Opel Corsa parkt unter einem Carport aus Holz. Sie arbeitet in Schwerin als Krankenpflegerin. Er trägt den Arm nach einem Arbeitsunfall in einer Schlinge und lebt von Krankengeld. Beide beteuern, die AfD nicht gewählt zu haben. „Aber den Frust der Menschen können wir verstehen. Die Politik hat die kleinen Leute vergessen. Migranten werden uns Deutschen vorgezogen. Ein Arbeitssuchender wird weggeschickt, weil angeblich zu viele Asylbewerber aufs Amt kommen.“

„Ich bin nicht rechts, ich bin frustriert“

Besonderen Groll hegen sie gegen die Schweriner Politik. „Während wir kaum über die Runden kommen, streichen die Abgeordneten und Minister hohe Diäten und Übergangsgelder ein. Jede Entscheidung wird hinter verschlossenen Türen eingefädelt. Das kann so nicht weitergehen.“ Der Weg von Klein Trebbow nach Schwerin führt vorbei an einem Schnellimbiss. Hinter dem Tresen brät eine junge Frau Burger. „Klar“, sagt sie, „da sind viele neue Jobs entstanden. Doch von der miesen Bezahlung können die meisten nicht mehr leben.“ Sie selbst gehe morgens putzen, bevor sie sich am Nachmittag die Schürze umbinde. Dennoch reiche das Geld kaum aus, um sich und ihre Tochter zu ernähren. Im Urlaub war sie seit zehn Jahren nicht mehr. „Ich habe heute AfD gewählt. Ich bin nicht rechts, ich bin frustriert.“

Sind Frust und Wut der Humus, auf dem die AfD gedeiht? Eine feste Bindung an eine Partei gibt es hier so gut wie gar nicht. Zunächst ist es nach der Wende die PDS, die spätere Linkspartei, die als Sammelbecken für Unzufriedene dient. Doch nach acht Jahren in der Regierung an der Seite der SPD gilt die Linke als angepasst – und verliert ihre Funktion an die NPD. Selbst die FDP kann eine Weile auf einer Protestwelle surfen. Der Slogan „Steuern runter“ reicht 2006 für gut 9 Prozent. Die FDP ist längst wieder raus, ebenso wie seit Sonntag die NPD. Jetzt kommt also die AfD. „Steuern runter“ reicht 2006 für gut 9 Prozent. Die FDP ist längst wieder raus, ebenso wie seit Sonntag die NPD. Jetzt kommt also die AfD.

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Niemand erwartet Lösungen von der AfD

Lösungen erwartet niemand von den Rechtspopulisten. Dennoch saugt sie aus allen Richtungen Stimmen ab. Der Große Dreesch, eine Plattenbausiedlung am Südrand Schwerins, war stets eine Bastion der Linkspartei. Doch selbst hier, unweit der Wohnung von Linken-Spitzenkandidat Helmut Holter, kippt die Stimmung zugunsten der AfD. „Unsere Kinder bleiben auf der Strecke, und den Flüchtlingen wird auf dem Spielplatz eine Moschee gebaut“, behauptet der Klempner Stephan Fischer. Es bleibt unklar, was er meint – aber Fakten spielen hier ohnehin eine untergeordnete Rolle.

Am späten Nachmittag füllt sich das Schlossbuchtcafé am Schweriner See. Die AfD hat zur Wahlparty geladen. Journalisten aus aller Welt sind in die Landeshauptstadt gekommen. Dunkle Limousinen aus Leipzig, Potsdam und Erfurt stehen vor der Tür. AfD-Funktionäre klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Keine Spur von Frust und Wut. Frauke Petry hält eine kurze Lobrede, dann inszeniert Leif-Erik Holm seinen größten Triumph. Er steigt in ein Motorboot, um allein über den See zu fahren, zum Treffen mit Journalisten, von denen die AfD sonst nur mit Verachtung spricht.

Von Jörg Köpke

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