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Nachrichten Politik Außen Kirche, innen Moschee: Das etwas andere Gotteshaus
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07:27 08.10.2018
Ungewohnte Perspektive: Von der Frauenempore fotografiert eine junge Muslima die Männer im Hauptraum der Al-Nour-Moschee, der ehemaligen Kapernaum-Kirche, während der Eröffnung. Quelle: Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Hamburg

Das letzte Hindernis ist ein schwarzer Fleck, dort, wo der Schreibtisch stehen soll. Schimmel im Büro des Imams, ausgerechnet.

Daniel Abdin, der 55-jährige Vorsitzende der Al-Nour-Gemeinde, steht inmitten zusammengeschobener Möbel und zeigt auf den schwarzen Fleck an der Wand, die Folge eines Wasserrohrbruchs. Es wird nun noch dauern, bis die Gläubigen hier beten können. Abdin, ein Mann in dunklem Anzug, weißem Hemd, wirkt dennoch unbeschwert.

„Wer sechs Jahre lang gewartet hat, der kann auch noch ein paar Monate länger warten“, sagt er lächelnd. Die Leichtigkeit des Daniel Abdin hat vielleicht noch einen anderen Grund als seine große Geduld. Es wären ja, als das Projekt vor sechs Jahren begann, weit größere Hürden denkbar gewesen als ein Wasserschaden im Büro des Vorbeters.

„Dieser Bau ist ein Schatz“: Daniel Abdin, Vorsitzender der Al-Nour-Gemeinde, im neuen Gotteshaus.. Quelle: Thorsten Fuchs

Zum Beispiel Widerstand der Nachbarn und der Kirche dagegen, dass Abdin und seine Gemeinde die Hamburger Kapernaum-Kirche in eine Moschee umbauen. Oder rechte Gruppen hätten zum großen Aufmarsch gerufen und den goldenen Schriftzug „Allah“ auf der Spitze eines Kirchturms zum Symbol eines Kulturkampfs gemacht. Schließlich wäre es auch gut möglich gewesen, dass Abdins Handwerkern die Mauern des maroden Nachkriegsbaus unter den Händen zerbröseln.

Aber nichts, oder: wenig von all dem ist passiert. Und so kommt an der Sievekingsallee in Hamburg-Horn dieser Tage eine erstaunliche Geschichte an ihr Ende: Zum ersten Mal ist in Deutschland eine Moschee zu besuchen, die bis vor Kurzem noch eine Kirche war.

Ein heikles Unternehmen – mit gutem Abschluss

Der Tag der offenen Tür am Tag der Deutschen Einheit war der Abschluss eines heiklen Unternehmens. Wie konnte es gelingen? Und ist es ein Modell für andere überzählige, marode Kirchen?

Die baufällige Kapernaum-Kirche ist nun ein für 5 Millionen Euro durchrenovierter Bau. Von außen ist er, bis auf den „Allah“-Schriftzug auf der Spitze des Turms, kaum verändert. Im Kirchenschiff aber, wo einst die Bänke standen, liegt nun dicker roter Teppich. Statt Kanzel und Altar an der Ostseite gibt es eine Nische für den Vorbeter an der Südseite. Die Wände, früher aus rotem Backstein, sind weiß verputzt. Geblieben sind die wabenförmigen, bunten Fenster. Neu ist die große Empore, der Gebetsplatz für die Frauen. Und in der Mitte steht, natürlich auf Strümpfen, Daniel Abdin, der stolz wirkt – und doch lieber woanders wäre. Vom „Schatz dieses Baus“ schwärmt er und sagt zugleich: „Es ist mir lieber, wenn Kirchen Kirchen bleiben. Wenn Christen ihre Räume nicht aufgeben müssen.“ Und: „Dies muss eine Ausnahme bleiben.“

Ein Balanceakt: Die Eröffnung der Moschee ist für Daniel Abdin ein Triumph. Weil er etwas geschafft hat, das wenige ihm zugetraut hatten. Geld auftreiben, den Umbau organisieren, die Kirche überzeugen, zum Beispiel. Doch er will jede Geste des Triumphs vermeiden. Auch weil man sie missverstehen könnte.

Moscheegemeinden wollen raus aus den Hinterhöfen

Die Geschichte der Verwandlung beginnt im Jahr 2012. Da stößt Daniel Abdin, gelernter Kaufmann, Sozialarbeiter, in der Hamburger SPD aktiv und gut vernetzt, abends im Netz auf eine interessante Anzeige: Kirche zu verkaufen. Preis: knapp eine Million Euro. Zustand: stark renovierungsbedürftig. Sehr interessant, denkt Abdin. Der Grad der Verzweiflung ist bei ihm zu diesem Zeitpunkt schon relativ hoch.

Seit mehreren Jahren ist Abdin, der mit 17 auf Geheiß seines Vaters aus dem Kriegsland Libanon nach Deutschland floh, da bereits auf der Suche nach einer neuen Bleibe für seine Al-Nour-Gemeinde. Bis heute treffen sich deren Gläubige in einer ehemaligen Tiefgarage im Stadtteil St. Georg, hinter dem Bahnhof. Freitags beten 2500 Muslime in zwei Schichten, zum Festgottesdienst am Ramadan weichen sie in die Alsterdorfer Sporthalle aus.

Was Abdin vor allem stört, ist die Hinterhofexistenz muslimischer Gemeinden, das Beten in Kellern, auf Parkboxen, in früheren Fabriketagen. „Das sieht doch aus, als hätten wir etwas zu verheimlichen. Als täten wir etwas Verbotenes. Das ist verheerend für das Bild des Islam.“

Daniel Abdin will sichtbar sein. Da kommt die Kirche gerade recht.

„Die Gebete gehen doch in denselben Himmel“: Irmgard Wolf (rechts) war jahrzehntelang Mitglied der Kapernaum-Kirchengemeinde, Pastorin Susanne Juhl (links) erinnert den letzten Gottesdienst in der Kirche als den „traurigsten, den ich je geleitet habe“. Quelle: Thorsten Fuchs

Für Irmgard Wolf war das Leben mit der Kapernaum-Kirche zu diesem Zeitpunkt, 2012, schon seit zehn Jahren zu Ende. Die 79-Jährige steht auf dem Bürgersteig an der Sievekingsallee, hinter sich der rauschende Verkehr, vor sich das rot-weiße Band, das den Zugang zur neuen Moschee noch versperrt. Sie zeigt auf eine Stelle neben dem Kirchenschiff, wo sie ein Beet angelegt hatte, und auf den Eingang, durch den sie ungezählte Male ging. „Das hier war mein zweites Wohnzimmer“, sagt sie. Und jetzt?

Irmgard Wolf gehört zu jenen Menschen in Horn, für die der Wandel die größte Umstellung bedeutet. Als sie 1970 mit ihrem Mann in eines der Mehrfamilien-Backsteinhäuser zwei Minuten von hier zog, da war die Kapernaum-Kirche eine kleine Berühmtheit. Ein junger Pastor ließ eine Band im Gottesdienst auftreten, das Fernsehen berichtete über die erste deutsche „Beat-Kirche“.

Am Ende saß nur noch ein Dutzend Gläubige in den Bänken

Irmgard Wolf ließ ihre Kinder hier taufen. Mehr als 20 Jahre lang putzte sie die Kirche, sie besuchte die Frauengruppe und Gottesdienste, die erst voll waren und später immer leerer, bis sich nur noch ein Dutzend Gläubige in den Bänken verlor. Und sie sah, wie die Kirche verfiel: „Wenn wir im Winter freitags die Heizung hochfuhren, floss uns im Turm das Tauwasser entgegen.“

1,5 Millionen Euro sollte die Renovierung kosten. Eine Summe, die die evangelische Kirche nicht aufbringen wollte. Am zweiten Weihnachtstag 2002 feierte die Gemeinde ihren letzten Gottesdienst in der Kapernaum-Kirche. „Der traurigste Gottesdienst, den ich je geleitet habe“, sagt Susanne Juhl, die Pastorin von damals.

Ein Investor scheitert an Kosten und Denkmalschutz

Der Investor, der die Kirche kaufte, hatte ehrgeizige Pläne. Eine Kita sollte in die Kirche ziehen, mit Gebetsecke. Doch während er gleich nebenan ein Seniorenwohnheim errichtete, scheiterte er hier an Kosten und Denkmalschutz. (Was Investoren aus anderen Kirchen gemacht haben, steht hier.) Die Kirche stand weiter leer, verfiel, Obdachlose schlugen im Eingang ihre Lager auf. 2012 setzte der Käufer die Kirche entnervt ins Netz. Es war die Anzeige, die Daniel Abdin entdeckte.

Was Irmgard Wolf denkt, wenn sie heute „vor Kapernaum“, wie sie ihre alte Kirche immer noch nennt, steht? Sie sieht hinauf zur Spitze des Turms, zum „Allah“-Schriftzug, dann sagt sie, es sei nicht leicht. „Aber es ist doch viel besser, als wenn die Kirche verfällt, Obdachlose vor der Tür campieren und sich der Dreck anhäuft.“ Das habe sie schwer ertragen. Jetzt werde immerhin in den Räumen gebetet. „Und die Gebete gehen doch in denselben Himmel.“

Leitlinien verbieten Verkauf an Moscheegemeinden

Die Leitlinien der evangelischen Kirche verbieten den Verkauf einer Kirche an eine Moscheegemeinde. Hier allerdings konnte sie wegen des Zwischeninvestors nichts mehr verhindern – und ließ sich stattdessen auf den Dialog ein. Pastorin Juhl, heute in der nahen Martinskirche heimisch, bat mit Daniel Abdin zu Gesprächen und interreligiösen Friedensgebeten. Abdin wiederum kämpfte mit ausufernden Renovierungskosten, statt 1,5 Millionen kostete die Sanierung am Ende 5 Millionen. Eine Million steuerte der Staat Kuwait bei, nachdem Abdin den Botschafter angeschrieben hatte.

Bedingungen? Auflagen? Keine, versichert Abdin. „Es war nur viel Bürokratie.“

Am Ende erhielten die Kirche und die Moschee sogar zwei Integrationspreise für ihre gemeinsamen Veranstaltungen. Es ist, so besehen, ein Vorzeigeprojekt geworden. Aber ist es auch beliebt? Oder zumindest: akzeptiert?

„Die Chance dieses Hauses ist die Begegnung“: In der Al-Nour-Moschee hat der christlich-muslimische Dialog schon begonnen. Quelle: Axel Heimken/dpa

Wer die Nachbarn fragt, die hier vorbeigehen oder bei Penny 50 Meter weiter einkaufen, der hört auch Sorgen, zum Beispiel vor zu wenig Parkplätzen. „Freitags ist doch hier dann sicher alles dicht“, sagt ein Mann. Gegen die Muslime habe er aber nichts. „Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten die Kirche abgerissen und eine neue Moschee gebaut“, sagt eine Frau. „Eine Moschee, die wie eine Kirche aussieht, finde ich irritierend.“ Eine ältere Frau mit Einkaufstrolley sagt: „Wir können jetzt ja eh nichts mehr machen“, und schiebt weiter.

Begeisterung, so kann man es zusammenfassen, klingt anders. Ablehnung aber auch. Bei vielen in Horn ist es irgendwas dazwischen.

Horn hat die Rechtsextremisten zurückgewiesen

Es hat auch offenen Hass gegeben. Dreimal, erinnert sich Daniel Abdin, eine Demo von „etwa zehn“ Rechtsextremisten, Hakenkreuzschmierereien und ein hetzerischer Post auf Facebook.

Dass den Rechten die mehr als zehnfache Zahl an Gegendemonstranten gegenüberstand, „das hat mich beruhigt“, sagt Abdin. „Die Chance dieses Hauses ist die Begegnung. Und ich bin sicher, dass viele zu uns kommen werden.“ Zuversicht spricht aus seinem Blick, wie fast immer. Ohne sie hätte er dieses Projekt wohl nie begonnen. Und alle Probleme gelöst.

Auch dies: Die Kirche ist nach Osten ausgerichtet. Muslime aber beten gen Mekka. Die Gläubigen verneigen sich nun gleichsam quer zum Kirchenschiff, zur christlichen Gebetsrichtung. Aber quer ist ja auch immer eine Frage der Perspektive.

Von Thorsten Fuchs/RND

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