Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Christian Lindner – Die Lichtgestalt der FDP

Porträt Christian Lindner – Die Lichtgestalt der FDP

Ganz allein hat Christian Lindner die FDP reanimiert, sie zu einer Ein-Mann-Partei umgekrempelt. Am 24. September könnte er zum Kanzlerinnenmacher avancieren. Aber Lindner weiß: Glänzen reicht nicht, er muss auch liefern.

Voriger Artikel
Welche Partei passt zu Ihnen?
Nächster Artikel
TV Duelle: So stimmen Sie in Echtzeit ab

Der Spitzenkandidat der FDP: Christian Lindner.

Quelle: dpa

Berlin. Als Christian Lindner gedanklich schon wieder auf der Rückfahrt nach Berlin ist, als er seine schmale Krawatte löst, das Sakko ablegt und aufs Handy schaut, als allmählich die Spannung aus seinem Körper weicht, tritt eine junge Frau in kurzem schwarzen Kleid ans Mikrofon. Zwei Stunden hat sie gewartet, geduldig den Lobeshymnen auf den schwarz-gelben Koalitionsvertrag in Nordrhein-Westfalen gelauscht, Ideen zu Umgehungsstraßen in Ostwestfalen und den Applaus für ein neues „liberales Lebensgefühl“ vernommen.

Doch jetzt hat sie da noch eine Frage an den FDP-Chef. Sie sei Altenpflegerin, fünffache Mutter – und Mama eines Trans-Kindes. Ob es denn künftig an den Schulen im Land auch Toiletten für Schüler gibt, die sich weder als Junge noch als Mädchen fühlen, will sie wissen.

Christian Lindner bei der Bundesleserkonferenz

Am Donnerstag stellt sich der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner bei der Bundesleserkonferenz des RedaktionsNetzwerks Deutschlands den Fragen von Leserinnen und Lesern. Ab 17 Uhr beantwortet der Politiker im Saal der Bundespressekonferenz in Berlin Fragen rund um die Themen Persönliches, Wirtschaft, Steuern und Soziales, Bildung und Zuwanderung sowie Wahlkampf.

Ein Raunen geht durch den Multifunktionssaal in der beschaulichen Kleinstadt Rheda-Wiedenbrück. Lindner hält einen Moment lang inne. Der Mann, der sonst nie um ein Bonmot oder eine freche Antwort verlegen ist und rhetorisch zu glänzen versteht, schweigt. Verflogen ist plötzlich die joviale und gönnerhafte Attitüde, mit der er die „Dame mit dem Doppelnamen – so viel Zeit muss sein“ kurz zuvor noch vorgestellt hat. Schließlich sagt er: „Das ist ein überraschender Auftritt. Herzlichen Dank.“

Lindner hat in der Politik längst das Metier gewechselt

Es ist einer jener seltenen Momente, in denen die routinierte Souveränität spontaner Sprachlosigkeit weicht. Längst hat Lindner in der Politik das Metier gewechselt. Früher galt er als Spieler. Heute ist er Schauspieler. Wie kaum ein Zweiter beherrscht er Rollenwechsel, passt sich geschmeidig seinem jeweiligen Publikum an und setzt sich perfekt in Szene. Im tief ausgeschnittenen T-Shirt mit Sneakers und Dreitagebart weiß er inzwischen ebenso zu gefallen wie im hautengen Designer-Anzug.

Nur Überraschungen, die liegen ihm überhaupt nicht. Lindner ist Kontroll-Freak. Kleine weiße Zettel in seiner rechten Hosentasche helfen ihm aus der Klemme, wenn er wirklich einmal den Faden verliert.

Nichts überlässt Lindner dem Zufall, seitdem er damit begonnen hat, die FDP aus dem Jammertal der außerparlamentarischen Opposition zurück an die Hebel der Macht zu führen. Er hat die „Freien Demokraten“, wie er sie jetzt nennen lässt, an der Seite der Union in Kiel und Düsseldorf zurück in zwei Landesregierungen gehievt. Es ist klar, dass dem Hauptmann der Reserve ein solches Kunststück am 24. September auch im Bund gelingt. Im September könnte er dann zum Kanzlermacher der Republik werden.

Höhenflug macht Schwarz-Gelb wieder möglich

Umfragen sehen die FDP derzeit bei neun Prozent – eine Partei, die vor vier Jahren krachend aus dem Bundestag flog und eigentlich als klinisch tot galt. Lindner hat die FDP reanimiert, schneller, als gedacht. Der aktuelle Höhenflug der Liberalen macht Schwarz-Gelb wieder möglich und setzt Lindner unter Zugzwang. Wie geht er damit um? Und was macht das mit ihm?

Dass die Operation Wiederbelebung so unverschämt gut läuft, führen Freunde wie Gegner auf Lindner zurück. Er hat die FDP zu einer Ein-Mann-Partei umgekrempelt. Als ihn 2011 der chaotische Kurs der Führungsriege anwidert, gibt der damalige Generalsekretär seinen Posten auf, um fortan aus Düsseldorf den Neustart zu organisieren. Er allein. Noch am Abend des Wahldesasters schmiedet er einen Nichtangriffspakt mit FDP-Vize Wolfgang Kubicki und hält sich so den Rücken frei.

Lindner wird zum Unverzichtbaren. Und er kokettiert mit diesem Image. In der ostwestfälischen Provinz liefert er die passenden Bilder dazu. Als Tribun in eigener Sache steigt er auf ein dreistufiges Podest. Wie ein Sonnenkönig thront er auf der Bühne, um die Vorzüge einer schwarz-gelben Koalition zu preisen. Im Gegenlicht des Overhead-Projektors verschmilzt seine schlanke Silhouette im maßgeschneiderten Anzug zu einem dünnen Strich, zu einer bodenlangen Krawatte mit Kopf. Lindner, die Lichtgestalt.

Westerwelle vermasselte zenrale Wahlversprechen

Er werde das Land „entfesseln“, sagt er mit leicht nasaler, militärisch schneidender Stimme. Es gebe in Deutschland durch Donald Trump und Brexit ein Zeitfenster für mehr Liberalität. Das müsse man nutzen. Denn als die FDP 2009 triumphal mit 14,6 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl erzielt, vermasselt es Lindners Vorgänger Guido Westerwelle, das zentrale Wahlversprechen einzulösen: die Steuern zu senken.

Dafür hätte er Finanzminister und nicht Außenamtschef werden müssen. Der Rest ist bittere Parteigeschichte. Diesen Fehler will Lindner diesmal tunlichst vermeiden. Lindner weiß: Will seine Partei nicht erneut Schiffbruch erleiden, muss sie diesmal liefern.

Erstmal aber liefert Lindner vor allem sich selbst. Vor Wirtschaftsleuten im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt vergleicht er sich mit Emmanuel Macron. Gut gelaunt frotzelt er, dass gerade ein 39-jähriger eloquenter, gut aussehender Reformer an die Macht gekommen sei. In einer Kunstpause lässt er die Manager rätseln, ob er nun Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron oder tatsächlich sich selbst meint. Dann fügt er trocken hinzu: „Ich bin 38.“

Lindner hat die Lacher auf seiner Seite

Vor Werbern und Computer-Profis im Berliner Szene-Club Soho schlüpft der FDP-Chef in das Gewandt des jugendlichen Digital-Nerds. Er knöpft sein Hemd auf und legt los. Deutschland brauche wie die FDP ein Update. Das Digitalste an der Schule seien die Pausen. Am meisten würden Juristen vor dem IT-Zeitalter zittern, denn Anwälte müssten künstliche Intelligenz fürchten. Ach, und der Alexander Dobrindt. So geht das in einem fort, ein 20-minütiges Feuerwerk, ein Heimspiel. Lindner hat die Lacher auf seiner Seite. Und er genießt es.

In Rheda-Wiedenbrück ist die Sache komplizierter. Nachdem noch einige Fragen gestellt sind, ergreift NRW-Generalsekretär Joachim Stamp das Wort. Noch einmal geht es um die Sache mit dem Trans-Kind und den fehlenden Toiletten. Ohne Antwort soll die Frau nicht nach Hause gehen. Natürlich habe die FDP das Thema ganz weit oben auf dem Zettel, sagt er. Immerhin stehe keine andere Partei so sehr für Liberalität und Selbstbestimmung wie die FDP. Erleichtert spendet ihm Lindner für diesen Befreiungsschlag Beifall.

Wenig später ist die Veranstaltung zu Ende. Am Ausgang stellt sich Lindner für Selfies auf und unterschreibt Autogrammkarten. Dann steigt der Pop-Star der FDP in seine Dienstlimousine ein. Kennzeichen: „D-CL 2017“. Es soll sein Jahr werden. Ganz allein sein Jahr.

Von Jörg Köpke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
03326c00-d446-11e7-9deb-d9e101ec633c
Die Weihnachtsdekoration im Weißen Haus

Kunstschnee, Kugeln, Kerzenschein: Melania Trump hat das Weiße Haus festlich dekoriert.

Heiligabend fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Sollten die Geschäfte trotzdem öffnen?