Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Der AfD-Erfolg stärkt die Demokratie

Nach Wahl in Mecklenburg-Vorpommern Der AfD-Erfolg stärkt die Demokratie

Man mag es bedauern, dass die AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Stand zweitstärkste Kraft geworden ist. Eine Gefahr für unsere Demokratie aber ist das nicht. Im Gegenteil. Deutschland steht am Beginn einer neuen Ära. Es ist aus dem Biedermeier-Schlaf der frühen Merkel-Jahre erwacht und hat sich im Eiltempo politisiert. Ein Kommentar.

Voriger Artikel
Cyber-Angriffe auf Regierungsnetz "viel erfolgreicher" als früher
Nächster Artikel
Clinton schlägt Einladung nach Mexiko nach Trump-Besuch aus

Leif-Erik Holm, AfD-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, jubelt und wird eingerahmt von Brandenburgs AfD-Chef Alexander Gauland und Beatrix von Storch, AfD-Europaabgeordnete.

Quelle: imago

Schwerin. Jetzt haben sie wieder Hochkonjunktur, die Wählerversteher. Es sind „diffuse Abstiegsängste“, die die Bürger in die Arme der Populisten treiben, sagen die einen. Es ist die „Bevormundung durch die Politik“, die den legitimen Widerstand der Bevölkerung hervorruft, sagen die anderen. Beides ist Unsinn. Und beides taugt nicht, den Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern zu erklären.

Bei der Wahl des Schweriner Landtags ist Folgendes passiert: Das seit jeher vorhandene Potenzial von Fremdenfeinden hat sich mit dem seit jeher vorhandenen Potenzial von Protestwählern vereinigt. Hinzugekommen ist das Potenzial heimatlos gewordener Konservativer – und am Ende stehen 20 Prozent plus x. Man mag es bedauern, dass eine Partei aus dem Stand zweitstärkste Kraft wird, deren Führungspersonal eine zum Teil menschenverachtende Rhetorik pflegt. Eine Gefahr für unsere Demokratie aber ist das nicht.

Im Gegenteil: Seit Jahr und Tag beklagen Vertreter aller Parteien die stetig sinkende Wahlbeteiligung und jammern über den schwindenden Rückhalt des Parlamentarismus. Jetzt steigt die Wahlbeteiligung plötzlich wieder an – im Fall Mecklenburg-Vorpommerns um sagenhafte zehn Prozent – und die gleichen Vertreter beklagen das angeblich demokratieschädigende Wahlergebnis. Das ist bigott.

In der Politikwissenschaft gibt es die Theorie, wonach sich eine neue Partei immer dann gründet, wenn sich eine ausreichend große Gruppe von Bürgern nicht mehr repräsentiert fühlt. Das war bei den Grünen so, das war bei der WASG nicht anders. Und das ist jetzt auch bei der AfD zu beobachten. In dem Maße, in dem Angela Merkel die Union in die Mitte geführt hat, wurden konservative Wählerschichten politisch heimatlos. Beobachter haben seit Langem einen Aufstand der CDU gegen ihre inhaltliche Entkernung erwartet. Aber die Partei Konrad Adenauers und Helmut Kohls hat es nicht so mit Aufständen. Jetzt kommt der Protest eben von außen – aus der ehemaligen Stammwählerschaft.

Gut möglich, dass sich die AfD als feste Größe im deutschen Parteiensystem etabliert. Die Vertreter der etablierten Parteien müssen sich zumindest mittelfristig darauf einstellen. Sie täten gut daran, die Neulinge nicht als „Antidemokraten“ abzustempeln und in die Ecke stellen zu wollen. Stattdessen sollten etablierte Parteien die inhaltliche Kontroverse suchen. Dazu gehört, Lösungsvorschläge statt dumpfer Parolen einzufordern und rassistische Äußerungen als solche zu brandmarken.

Deutschland steht am Beginn einer neuen Ära. Es ist aus dem Biedermeier-Schlaf der frühen Merkel-Jahre erwacht und hat sich im Eiltempo politisiert. Harte Auseinandersetzungen stehen bevor. Die Demokratie wird dadurch aber nicht schwächer. Sondern stärker.

Von Andreas Niesmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Politik
../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-160928-99-628713_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Bayern 0:1 gegen Atlético - Erste Niederlage für Ancelotti

Ein neues Geheimdienst-Gesetz steht an: Sollte der BND mehr Befugnisse erhalten?