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Nachrichten Politik Der Diktator Kim überrascht die Welt
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21:03 28.04.2018
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Kim Jong Un (li.) und Moon Jae In reichen einander über die Demarkationslinie hinweg die Hand – und Kim betritt als erster nordkoreanischer Staatschef südkoreanischen Boden. Quelle: YNA
Panmunjom

Sie überbieten einander an Liebenswürdigkeit. „Es ist schön, Sie zu sehen“, sagt der Präsident, Moon Jae In. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, antwortet der Diktator, Kim Jong Un. Bei strahlend blauem Himmel stehen sich die Staatschefs gegenüber: Südkoreas Präsident Moon Jae In im eleganten Anzug mit blauer Krawatte, Nordkoreas sehr viel jüngerer Machthaber Kim Jong Un im – ebenfalls maßgeschneiderten – dunklen Mao-Anzug. Sie lachen miteinander, und in diesem Moment umweht das Treffen dieser Männer zwischen den frisch gestrichenen blauen Baracken des Grenzdorfs Panmunjom ein Hauch von Geschichte, von historischer Bedeutung.

Denn die blauen Baracken stehen an der am schärfsten bewachten Grenze der Welt – und gelten seit diesem Freitag als Ort der Zuversicht. Und einer sensationellen Überraschung.

Lange haben Koreaner auf beiden Seiten der Grenze auf diesen Moment gewartet. Nun, auf dem ersten gesamtkoreanischen Gipfel seit mehr als zehn Jahren, verkünden Moon und Kim, den seit 1953 bestehenden Kriegszustand auf der koreanischen Halbinsel noch in diesem Jahr offiziell beenden zu wollen. Und: Beide Länder, das stalinistische Nordkorea wie das demokratische Südkorea, wollen eine „vollständige nukleare Abrüstung“ anstreben.

Gipfel der Versöhnungsgesten: Hand in Hand arbeiten der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un und Südkoreas Präsident Moon Jae In beim symbolischen Baumpflanzen. Quelle: AP

Konkrete Details geben sie zunächst nicht bekannt. Aber es sind ohnehin die Gesten, die Bilder mehr noch als die Worte, die diesen Gipfel zu einem so bewegenden Moment werden lassen.

Denn ausgerechnet der Diktator Kim widersetzt sich, ungewohnt charmant, dem vorab von den Unterhändlern ausgehandelten Protokoll.

Kim macht, wie vorgesehen, einen Schritt über die Demarkationslinie inmitten der entmilitarisierten Sicherheitszone und betritt damit als erstes nordkoreanisches Staatsoberhaupt überhaupt südkoreanischen Boden. Dort nimmt er, mit einem Grinsen, Präsident Moon an die Hand, und gemeinsam gehen sie, inzwischen lachend, kurz hinüber in den Norden und dann wieder zurück in den Süden. Wie ein Tanz. Erst dann beginnt die Arbeit.

Nebeneinander auf rotem Teppich gehen die Staatschefs zum sogenannten Friedenshaus auf südkoreanischer Seite. Einen Platz am Verhandlungstisch hat dort auch die jüngere Schwester des Machthabers, Kim Yo Jong, eine Schlüsselfigur im jüngsten Annäherungsprozess. Moon war ihr bereits bei den Olympischen Winterspielen begegnet. Sie überbrachte ihm die Botschaft, dass ihr Bruder an einem persönlichen Treffen interessiert sei.

Manche Dinge allerdings ändern sich nicht so schnell: Kim Jong Un fährt in der Limousine vor – begleitet von einem Tross joggender Bodyguards. Quelle: AP

Schon nach der ersten offiziellen Unterredung am Vormittag verkünden Moon und Kim Ergebnisse. Auch das ist ein Novum. Normalerweise hält Nordkorea Treffen seines Machthabers mit anderen Regierungschefs zunächst geheim, um sie anschließend propagandistisch aufbereitet auszuschlachten.

In Sichtweite der Fernsehkameras, aber doch so weit entfernt, dass sie ungestört sind, unterhalten sich die beiden nach dem Mittagessen ohne Unterhändler im Freien weiter – auf einem knallblau gestrichenen Steg. Die Farbe Blau steht für Wiedervereinigung. Sie soll Vertrauen aufbauen.

Am späten Nachmittag unterzeichnen Moon und Kim dann feierlich die gemeinsame Erklärung. „Einen Krieg auf der Halbinsel wird es nicht mehr geben“, heißt es darin. Bis zum Ende des Jahres werde das Waffenstillstandsabkommen von 1953 zu einem Friedensabkommen weiterentwickelt. Und Moon kündigt an, dass er im Herbst nach Pjöngjang reisen werde. Kim habe ihn eingeladen. Dann wollten sie arbeiten an einer „dauerhaften und stabilen“ Friedensregelung.

Die letzte Provokation:Mit einem Raketentest will Nordkorea am 22. Mai 2017 Stärke im Kampf um sein Atomprogramm demonstrieren. Quelle: KCNA

Dass es nach Jahren heftiger Anfeindungen innerhalb weniger Monate überhaupt zu einer Begegnung der Staatschefs der beiden verfeindeten Staaten kommt, war schon im Vorfeld des Gipfels als Sensation gefeiert worden. Dass dieses Treffen aber so konkrete Ergebnisse zeitigen würde – damit hatten selbst die kühnsten Optimisten nicht gerechnet. Erstmals seit dem Ende des Koreakriegs 1953 könnte für Millionen von Menschen auf der Halbinsel der Frieden Wirklichkeit werden.

Eine Nation und 65 Jahre Feindschaft: Der lange Weg zur Versöhnung

1948 – die Teilung Koreas wird besiegelt:Mit der japanischen Kapitulation endete 1945 die 35-jährige Kolonialherrschaft Japans in Korea. Die Siegermächte USA und Sowjetunion teilen Korea in zwei Einflusszonen auf: 1948 wird am 15. August im Süden die Republik Korea gegründet und am 9. September im Norden die Demokratische Volksrepublik Nordkorea ausgerufen. Erster Staatschef im Norden wird Kim Il Sung, der Großvater des heutigen Präsidenten Kim Jong Un.

1950 – der Koreakrieg beginnt:Im Juni stoßen nordkoreanische Truppen in den Süden vor. Der Weltsicherheitsrat verurteilt – ohne die UdSSR – Pjöngjang als Aggressor und stellt UN-Friedenstruppen unter US-Kommando auf. China entsendet eine Million „Freiwillige“ zur Unterstützung Nordkoreas. Erst im Juli 1953 beendet ein Waffenstillstandsabkommen den Krieg. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. 1972 aber erklären beide Staaten gemeinsam die Wiedervereinigung zum Ziel.

1990 – vorsichtige Annäherung: Erstmals treffen im September die Regierungschefs beider Staaten zusammen. Vier Jahre später stirbt, nach 46-jähriger Herrschaft, der Diktator Kim Il Sung. Sein Sohn Kim Jong Il wird neuer Staatsführer. 1996 schlagen Südkoreas Präsident Kim Young Sam und US-Präsident Bill Clinton Vierergespräche zwischen Nord- und Südkorea, den USA und China vor. Diese werden in New York und Genf abgehalten.

1998 – Sonnenscheinpolitik und Feuergefechte:In seiner Antrittsrede spricht der südkoreanische Präsident Kim Dae Jung von Aussöhnung und wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Ziel der Wiedervereinigung („Sonnenscheinpolitik“). Wegen immer neuer Scharmützel enden Friedensverhandlungen ergebnislos. Im Jahr 2000 werden immerhin „vertrauensbildende Maßnahmen vereinbart“ und ein Verbindungsbüro eröffnet.

2002 – die Atomkrise nimmt ihren Anfang:Die USA legen Beweise für ein verdecktes Programm Nordkoreas zur Urananreicherung vor. Pjöngjang tritt im Januar 2003 aus dem Atomwaffensperrvertrag aus. Die USA, Südkorea, China, Japan und Russland verhandeln mit dem Diktator. Doch Nordkorea erklärt 2005, Atomwaffen zur Selbstverteidigung hergestellt zu haben und sich auf unbestimmte Zeit aus den Sechs-Länder-Gesprächen zurückzuziehen.

2017 – die Welt in Angst:Beim sechsten Atomwaffentest zündet Nordkorea nach eigenen Angaben eine Wasserstoffbombe. Schon 2006, als Pjöngjang den ersten unterirdischen Atomtest startete, hatten die UN Sanktionen verhängt, die nach weiteren Tests in den Folgejahren immer wieder verschärft werden. Der Dritte in der Kim-Dynastie, Kim Jong Un, provoziert seit 2011 – und lenkt im April 2018 überraschend ein.

65 Jahre ist es her, dass Nord und Süd der geteilten Nation einen Krieg mit wahrscheinlich mehr als vier Millionen Toten lediglich mit einem Waffenstillstand beendeten. Ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen. Formal befinden sich Nord- und Südkorea damit weiter im Kriegszustand. Abgesehen von einigen Scharmützeln ist es zu einem erneuten Kriegsausbruch zwar nicht mehr gekommen. Die Spannungen sind aber all die Jahrzehnte geblieben. Bis heute stehen sich an der demilitarisierten Zone mehr als eine Million Soldaten gegenüber. Die USA haben weitere 30 000 Soldaten in Südkorea stationiert. Beide Seiten haben Zehntausende Raketen aufeinander gerichtet, die beide Hauptstädte binnen weniger Minuten in Schutt und Asche legen könnten.

Nur einmal in diesen sechseinhalb Jahrzehnten gab es die Chance auf einen Friedensprozess. Im Zuge der sogenannten Sonnenscheinpolitik unter dem liberalen südkoreanischen Präsidenten Roh Moo Hyun kam es 2007 zum letzten Gipfel der beiden Koreas, damals noch mit Kim Jong Il, dem Vater und Vorgänger des jetzigen Machthabers. Beide Seiten unterzeichneten eine Friedenserklärung, in der sie zu internationalen Verhandlungen aufriefen. Sie nahmen sich zudem vor, das Waffenstillstandsabkommen durch einen permanenten Friedensvertrag zu ersetzen. Dazu kam es aber nicht.

Waffenstillstand – aber kein Frieden: Der nordkoreanische Marschall Kim Il Sung (l), Großvater des jetzigen Machthabers Kim Jong Un, unterzeichnet 1953 im südkoreanischen Kaesong das Waffenstillstandsabkommen nach dreijährigem Krieg. Ein Friedensabkommen gibt es bis heute nicht. Quelle: dpa

Und: Entgegen seiner Zusagen hat Nordkorea sein Atomprogramm unbeirrt fortgeführt. Allein im vergangenen Jahr feuerte das Regime mehrere Dutzend ballistische Raketen ins All und brachte damit die gesamte Weltgemeinschaft gegen sich auf. Die verbalen Hasstiraden zwischen Kim und US-Präsident Donald Trump ließen die Befürchtung aufkommen, eine bewaffnete Auseinandersetzung stehe unmittelbar bevor.

Von diesen Spannungen ist am Freitag nichts zu spüren. Stattdessen werden den Medien schriftlich konkrete Verhandlungsergebnisse übermittelt:

In der nordkoreanischen Stadt Kaesong soll ein ständiges Verbindungsbüro eingerichtet werden mit dem Ziel, die einstige gemeinsam betriebene Wirtschaftszone wieder in Betrieb zu nehmen.

Alle feindseligen Akte zu Land, See und Luft sollen gestoppt werden. Am 1. Mai wollen beide Seiten zudem ihre seit Jahrzehnten betriebene Propaganda per Lautsprecher entlang der entmilitarisierten Zone beenden.

Am 15. August soll es erstmals seit über vier Jahren wieder eine Zusammenführung von Familien geben, die der Krieg vor 65 Jahren auseinandergerissen hatte. Weitere zivile Kontakte sollen ausgeweitet werden, ebenso gemeinsame Sport- und Kulturveranstaltungen.

Auf der anschließenden gemeinsamen Pressekonferenz sagt Moon: „Wir erklären hiermit gemeinsam den Anbruch des Friedens.“ Und weiter: „Wir haben den ersten Schritt für eine Wiedervereinigung getan.“ Kim, den die Welt nur als unberechenbaren und unbarmherzigen Diktator kennt, ergänzt: „Nord- und Südkorea sind von einem Volk, und wir können nicht getrennt leben.“ Die Gespräche und die Ergebnisse seien ein „Wendepunkt in der koreanischen Geschichte“. Und er verspricht einen „freien Verkehr“ zwischen Nord- und Südkorea.

Nächstes Ziel Wiedervereinigung? Kim Jong Un und Moon Jae In posieren am Freitag, nachdem sie eine gemeinsamen Erklärung unterschrieben haben. „Einen Krieg auf der Halbinsel wird es nicht mehr geben“, heißt es unter anderem darin. Quelle: AP

Als hätte es für einen Tag nicht schon genug an Symbolik gegeben, pflanzen Moon und Kim zwischendurch gemeinsam noch eine Kiefer an der Grenze und enthüllen einen Gedenkstein mit der Aufschrift: „Frieden und Wohlstand pflanzen“. Wieder reichen sie einander die Hände – und umarmen sich sogar.

Später berichten südkoreanische Regierungskreise: Moon und Kim hätten sich nicht nur „ernsthaft und offen“ über die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel unterhalten. Kim habe auch zugegeben, dass die Straßen in seinem Land marode und in einem schlechten Zustand seien. Ein verschlüsseltes Bekenntnis, dass der letzte stalinistische Staat der Welt wirtschaftlich nicht mehr weiter weiß?

Beobachter interpretieren diese Äußerung jedenfalls als Präambel eines langen Wunschzettels, mit dem Nordkorea sich in den nächsten Monaten noch häufig an den Süden wenden wird. „Die Liste ist lang“, glaubt der japanische Korea-Experte Kan Kimura. „Und Südkorea wird für all das zahlen.“

Von Felix Lee

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