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Der bizarre Kampf um Katalonien

Regionalwahl Der bizarre Kampf um Katalonien

Ein Spitzenpolitiker im Exil, Minister in Haft, die Region unter Zwangsverwaltung: Am Ende eines äußerst ungewöhnlichen Wahlkampfs bestimmen die Katalanen ihr neues Parlament. Eine Annäherung von Gegnern und Befürwortern der Abspaltung ist dabei nirgends in Sicht – sie stehen sich unversöhnlicher gegenüber denn je.

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Wahlkampf aus der Ferne: Der katalanische Ex-Präsident Carles Puigdemont erscheint seinen Anhängern per Live-Schaltung aus seinem belgischen Exil.

Quelle: AP

Sort/Torroella de Montgrí. Das Geländer zum Fluss entlang der Hauptstraße des Ortes hängt voller gelber Schleifen. „Das sind keine Schleifen“, sagt Xavier Gabriel unwirsch, „das sind Knoten.“ Die seien erstens „eine Sauerei“ und zweitens „die persönliche Meinung eines Teiles der Öffentlichkeit“. Gabriel redet sich mit leiser Stimme in Fahrt. „Ich zahle doch nicht meine Steuern für Dinge, die nicht zulässig, legal, ethisch und auch nicht schön oder gut gemacht sind. Das ist eine Scheiße. Deutlicher kann man das nicht sagen. Findest du es normal, dass sie hier zu Weihnachten, statt Lichter aufzuhängen, gelbe Schleifen anbinden?“ So redet Gabriel. Manche im Dorf hassen ihn dafür, sagt er. Sollen sie ruhig.

Eigentlich hätten die Menschen in Sort gute Gründe, Gabriel dankbar zu sein. Der 60-Jährige hat das katalanische Pyrenäendorf in der Nähe von Andorra und fernab von allen größeren Städten auf die Landkarte gebracht, als er hier 1986 eine Lottoannahmestelle aufmachte. Er nannte sie La Bruixa d’Or, die Goldhexe, und er hat es hinbekommen, dass sie heute jeder Spanier kennt. Im vergangenen Jahr verkaufte er Lose im Gesamtwert von 62 Millionen Euro, vor allem Lose der Weihnachtslotterie, weit mehr als jedes andere spanische Lottobüro und wahrscheinlich mehr als jedes Lottobüro in der Welt. Gabriel war der erste, der seine Lose im Internet anbot, über das er inzwischen 87 Prozent seines Geschäfts abwickelt. Aber immer noch kommen jedes Jahr 150 000 Menschen nach Sort, viele von ihnen in organisierten Busreisen, um sich hier persönlich ihr Goldhexen-Los zu kaufen. „Ich habe für das gearbeitet, was ich am meisten liebe: mein Dorf“, sagt Gabriel. „Ich wollte hier vorankommen, ich wollte nie gehen, ich habe die Neidereien eines kleinen Dorfes ertragen – um schließlich festzustellen, dass sie alles kaputt machen.“

Ein Geschäft mit der „Goldhexe“

Ein Geschäft mit der „Goldhexe“: Xavier Gabriel hat eine Lotterie gegründet – und fürchtet die Unabhängigkeit.

Quelle: Martin Dahms

Wer da alles kaputt macht, aus Gabriels Sicht, sind die katalanischen Separatisten. Sie haben die gelben Schleifen an das Geländer entlang der Straße vor Gabriels Lottoannahmestelle geknotet. Überall in Katalonien sieht man diese Schleifen, in Schaufenstern, auf Transparenten, aufs Straßenpflaster gemalt, an der Brust von Politikern. Sie sollen an die vier Männer in Untersuchungshaft erinnern, die abgesetzten Minister Oriol Junqueras und Joaquim Forn und die Unabhängigkeitsaktivisten Jordi Sànchez und Jordi Cuixart: politische Häftlinge, meinen die Separatisten. Was Xavier Gabriel an ihnen so aufregt, ist ihre Attitüde: Dass sie immer so tun, als sprächen sie im Namen aller Katalanen. „Ich würde den Mund halten, wenn 80 Prozent der Bevölkerung die Unabhängigkeit wollten“, sagt er. Es stehen sich in Katalonien aber zwei etwa gleich große Blöcke von Abspaltungsgegnern und -befürwortern gegenüber, und unter diesen Umständen hat Gabriel keine Lust, „die Unabhängigkeit zu schlucken“.

Am 21. Dezember wählen die Katalanen ein neues Regionalparlament. Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen von separatistischen und antiseparatistischen Parteien voraus, und dazwischen könnte ein kleines linksalternatives Bündnis, das sich in der Unabhängigkeitsfrage nicht festlegt, das Zünglein an der Waage spielen. Falls aber die Separatisten wieder die Mehrheit im Parlament stellen sollten, „dann lebte ich nicht mehr in meinem Land“, sagt Gabriel, „dann gehe ich nach Zamora oder León oder sonstwohin.“

Massenexodus auf dem Papier

Einen ersten, symbolischen Schritt hat er schon getan: Mitte Oktober verlegte er seinen Firmensitz nach Tudela in Navarra. Aus Gründen der Sicherheit, sagt Gabriel, aber auch, „weil deine Marke Persönlichkeit haben muss“. Im Netz hatten Gerüchte kursiert, Gabriel sei katalanischer Nationalist und außerdem der Vater von Anna Gabriel, dem bekanntesten Gesicht der linksradikalen, proseparatistischen CUP. Ein Witz. Aber ein gefährlicher: Rund drei Viertel ihres Geschäfts macht die Bruixa d‘Or mit spanischen Kunden außerhalb Kataloniens, und die haben zumeist wenig Sympathie für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung. Die Firmensitzverlegung war Anlass für Dutzende Interviews, in denen Gabriel klar stellte, dass er für die Separatisten nichts übrig hat. Wonach seine Losverkäufe kräftig anzogen.

So wie die Bruixa d’Or haben mehr als 3000 katalanische Unternehmen seit dem Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober ihren Firmensitz in andere spanische Regionen verlegt. Die beiden Banken Sabadell und Caixabank machten den Anfang, fast alle großen und viele mittlere Unternehmen sind ihrem Beispiel gefolgt. Es ist ein Massenexodus auf dem Papier: Die allermeisten Arbeitsplätze sind in Katalonien geblieben. Für den Fall aber, dass dort irgendwann das ganz große Chaos ausbrechen sollte, hat man schon mal einen Standort in einem anderen Teil Spaniens. Auch Gabriel verkauft seine Lose weiter in Sort. Doch die Firmensitzverlegung hat ihm die Idee zu Expansionsplänen gegeben. Zwei neue Mitarbeiter im navarresischen Tudela arbeiten an einem Franchise-Modell für La Bruixa d’Or: Jeder Großstadt ihre Goldhexe, das könnte die Zukunft sein. „Und wenn dann dort jemand gewinnt, fliege ich mit dem Hubschrauber ein und erkläre, dass wir wieder einen Gewinn vergeben haben.“

Krippenfiguren beim Stuhlgang

Gabriel hat immer groß gedacht. So ist er zur Nummer eins geworden. Wenn einer exakt dasselbe Produkt wie 11 000 andere Lottoannahmestellen in Spanien verkauft, nämlich Lose der staatlichen Lotería Nacional, muss er sich was einfallen lassen, um herauszuragen. Dass sein Heimatort Sort heißt, was das katalanische Wort für Glück ist, hat geholfen. Das sei aber nur „einer der 1000 Kunstgriffe, derer ich mich bedient habe“, sagt Gabriel, der seinen Erfolg mit „Eifer, Beständigkeit, Beharrlichkeit“ erklärt. Und was auch immer die nähere Zukunft bringen wird: „Gib mir ein Problem, und ich werde eine Idee haben, es zu lösen.“

So denkt auch Sergi Alós. „Dieses Jahr habe ich Puigdemont“, sagt der 43-Jährige. „Aber wenn es der nicht gewesen wäre, hätte ich mir etwa anderes einfallen lassen.“ Der Unternehmerstolz verbindet die beiden Männer, die ansonsten nicht viel gemeinsam haben. Alós hat nie daran gedacht, seinen Firmensitz zu verlegen. Er macht auch keine Millionenumsätze wie Gabriel. Aber sein Familienbetrieb im Costa-Brava-Ort Torroella de Montgrí, drei Autostunden östlich von Sort, ist fast so berühmt wie die Bruixa d’Or. Sein Name: caganer.com. Sein Produkt: Krippenfiguren beim Stuhlgang. Ja, wirklich.

Ein Geschäft mit Puigdemont

Ein Geschäft mit Puigdemont: Sergi Alós verdient Geld mit kleinen Figuren – und will die Unabhängigkeit.

Quelle: Martin Dahms

In Alós‘ Werkstatt in einem modernen Industriebau am Ortsrand von Torroella stehen die Tische und Regale voll mit kleinen bemalten Tonfiguren. Sie alle haben die Hosen heruntergelassen, um sich, in leichter Hockstellung zu erleichtern. Ursprünglich gab es nur eine solche Figur: einen Bauern in katalanischer Tracht, der wahrscheinlich ab dem 18. Jahrhundert als lustige Randfigur katalanische Weihnachtskrippen bereicherte. Alós‘ Mutter begann 1992 mit der Herstellung von Krippenfiguren nach alten Formen, darunter dem traditionellen Caganer, bis Sergis Bruder Marc zehn Jahre später auf die Idee kam, dem Caganer die Gesichter katalanischer Politiker zu geben. Es war ein durchschlagender Erfolg. „Mit drei Figuren haben wir angefangen“, erzählt Alós, „heute machen wir 45 im Jahr.“ Der diesjährige Verkaufsschlager ist Carles Puigdemont, der abgesetzte katalanische Regionalpräsident.

„Wir versuchen immer zu erklären, dass wir uns nicht über die abgebildeten Persönlichkeiten lustig machen“, sagt Alós. Im Gegenteil, die Figuren seien als „Huldigung“ der Dargestellten zu verstehen. In Katalonien ist man erst eine Berühmtheit, wenn man seinen eigenen Caganer hat. Um ausländische Touristen für die Figuren zu interessieren, haben die Alós auch etliche internationale Politiker im Programm, von Macron über Putin bis Merkel. Im vergangenen Jahr gingen Hillary Clinton und Donald Trump besonders gut. Was Alós auf die Idee brachte, den „Caganometer“ zu erfinden. „Ich bekam einen Anruf vom New-York-Times-Korrespondenten, und ich sagte ihm, wer die Wahl gewinnen werde, wisse ich auch nicht, aber Hillary begann bei uns ganz stark, während in den letzten Wochen nur noch Trumps verkauft wurden.“ Als der Artikel darüber in der New York Times erschien, gingen auf der Website von Alós noch am selben Tag 800 Bestellungen des Trump-Caganers aus den USA ein.

Laut „Caganometer“ gewinnen die Separatisten

Und was geschieht am 21. Dezember in Katalonien? „Die Wahlen wurden so kurzfristig angesetzt, da konnte ich nicht alle Spitzenkandidaten ins Programm nehmen“, erklärt Alós. „Aber wenn ich nach dem ,Caganometer’ gehe, dann gewinnt Puigdemont.“ Die Umfragen sagen etwas anderes, da stehen Puigdemonts separatistischer Konkurrent Junqueras und die liberale Antiseparatistin Inés Arrimadas ganz vorn. „Die Umfragen sind alle manipuliert“, glaubt Alós. Und dann beginnt auch er, sich in Fahrt zu reden. „Ich bin nie Befürworter der Unabhängigkeit gewesen, aber sie haben mich zu einem gemacht. Angeblich werden hier ja die Kinder in der Schule indoktriniert. Aber sie sind es, die uns indoktrinieren.“ Er meint die spanischen Politiker, die dem katalanischen Unabhängigkeitsprozess in die Parade gefahren sind. „Wir leben wieder in einer franquistischen Epoche. Sie wollen uns die katalanische Sprache nehmen. Statt Politik zu machen, reden sie darüber, hier einzumarschieren oder Panzer zu schicken.“ Starke Worte. Bisher hat die spanische Regierung nur ein paar Beamte nach Katalonien geschickt, und alles ist friedlich geblieben. Trotzdem: „Es ging uns so gut, warum jetzt diese ganze Scheiße?“ Ist dafür nicht gerade Puigdemont verantwortlich? „Alle Welt ist schuld, und zuvorderst die Europäische Union. Warum sollen wir Europäer sein?“

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben tiefe Spuren in der katalanischen Gesellschaft hinterlassen. Sie ist zu einer wütenden Gesellschaft geworden: wütend auf alle, die den eigenen Überzeugungen entgegenstehen, wütend auf die Separatisten mit ihren gelben Schleifen oder wütend auf die spanischen und europäischen Politiker, die Katalonien nicht das Recht auf einen eigenen Staat zugestehen wollen.

Die Wahlen werden diese Wut nicht verrauchen lassen. Xavier Gabriel und Sergi Alós machen trotz allem immer noch gute Geschäfte. Möge sie ihnen der Streit um die Unabhängigkeit nicht verderben.

Von Martin Dahms

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