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Der schwarze Tag von Las Vegas

USA unter Schock Der schwarze Tag von Las Vegas

Schon wieder schockt ein Massaker die USA: Von seinem Hotelzimmer aus nimmt ein Einzeltäter die Besucher eines Musik-Festivals ins Visier – und schießt sie reihenweise nieder. Jetzt diskutiert das Land eine alte Frage neu: Müssen die Waffengesetze verschärft werden?

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Das Mandalay Bay Hotel in Las Vegas: Der Schütze mietete ein Zimmer in den oberen Stockwerken an. Von dort eröffnete er dann das Feuer auf die Festivalbesucher.

Quelle: AP

Las Vegas. Am Tag nach dem Massaker klingt Caleb Keeter so entschlossen wie nie. „Wir brauchen schärfere Waffengesetze“, schreibt der Musiker, und um zu zeigen, wie ernst es ihm ist, fügt er in Versalien hinzu: „GENAU. JETZT.“ Es gebe jedoch auch etwas, das er bedauert, ergänzte Keeter noch: „Dass ich das erst verstanden habe, als meine Kollegen und ich durch Waffen bedroht wurden.“

Keeter gehört zu denjenigen, die den Massenmord von Las Vegas mit viel Glück unverletzt überstanden haben. Gemeinsam mit seiner Band, der Josh Abbott Band aus Texas, war Keeter beim „Route 91 Harvest Festival“ aufgetreten. Wie immer hatte er den Gedanken sehr beruhigend gefunden, dass Menschen mit Waffen in seiner Nähe waren. Menschen, die ihn schützen sollten. „Wir haben Teammitglieder, die verdeckt Waffen tragen dürfen, wir hatten sogar ganz legal Waffen im Tourbus“, sagt Keeter. Als die ersten Schüsse auf die Konzertbesucher und Musiker fielen, musste er jedoch erkennen: „Sie waren nutzlos.“ Sie konnten niemanden schützen.

Sein ganzes Leben lang habe er das Recht, eine Waffe zu tragen, verteidigt, sagt Keeter – bis Sonntagabend. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie gründlich ich mich geirrt habe.“

Steht das Recht auf eine Waffe zur Debatte?

Bei Caleb Keeter hat das Massaker von Las Vegas ein Umdenken bewirkt. Vom Waffenfreund wurde er zum Waffengegner. Zu einem Befürworter strikterer Gesetze. Die Frage ist nur: Wird sich jetzt etwas ändern? Sind 59 Tote und mehr als 500 Verletzte genug, um einer seit Jahren schwelenden Debatte mit all ihren rhetorischen Ritualen eine neue Richtung zu geben? Wird sich jetzt möglicherweise eine Mehrheit finden, die den zweiten Verfassungszusatz, für seine Verfechter ein Heiligtum der amerikanischen Werteordnung, gegen alle Widerstände einschränkt?

Der Schock in den USA sitzt jedenfalls tief, nach dem, was sich am Sonntagabend in Las Vegas im Bundesstaat Nevada zugetragen hat. Es ist kurz nach 22 Uhr Ortszeit, als das Massaker beginnt. Über fünf Minuten feuert der Täter aus seinem Zimmer im 32. Stock des Hotels Mandalay Bay in die Menge. Die Schüsse aus dem automatischen Sturmgewehr hallen über den hell erleuchteten Platz, und die Konzertbesucher laufen Hilfe suchend durcheinander. Erst Stunden nach dem Angriff wird das ganze Ausmaß eines der größten Verbrechen dieser Art in der jüngeren amerikanischen Geschichte bekannt.

Ein Festival endete im Blutbad

Es sollte der fröhliche Abschluss des dreitägigen Festivals werden, das von fast 30 000 Country-Musik-Liebhabern besucht wurde. Mit Cowboyhut und Gitarre in der Hand betritt gerade der populäre Sänger Jason Aldean die Bühne. Ivetta Saladana steht in diesem Augenblick in den vordersten Reihe – neben ihr gehen die ersten Opfer zu Boden. „Es war ein reiner Horror. Die Menschen liefen zuerst durcheinander, dann warfen sie sich schutzsuchend zu Boden“, sagte die junge Frau später gegenüber der örtlichen Zeitung „Las Vegas Review-Journal“.

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Es passierte während eines Konzerts des Countrysängers Jason Aldean am weltberühmten Strip in Las Vegas (Nevada): Plötzlich peitschten Salven aus einem Sturmgewehr durch die Nacht. Die Menschen rannten um ihr Leben.

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Die meisten Opfer werden offenbar durch die ersten Gewehrsalven getroffen. Viele Besucher bringen sich nicht sofort in Sicherheit, weil die Musik das dumpfe Knattern der Gewehre übertönt. Es scheint, als wenn manche Touristen in diesem Moment ein buntes Feuerwerk erwarten – bis die ersten entsetzten Schreie zu hören sind. Sekunden später rennen die Menschen hektisch auseinander, „Deckung, geht in Deckung!“, brüllen mehrere Stimmen. Doch da ist es für viele schon zu spät.

Am Anschlagsort herrschte Chaos

Den Rettungskräften, die kurz darauf am Unglücksort eintreffen, bietet sich ein Bild des Grauens. Die Polizei wiederum hat zunächst Mühe, den Schützen zu lokalisieren. Einsatzprotokolle, die unter anderem die „New York Times“ am Dienstag veröffentlicht, belegen das Chaos der ersten Minuten.

„Wir können uns nicht um die Opfer sorgen, wir müssen den Schützen kriegen, bevor es noch mehr Opfer gibt. Sieht jemand den Schützen?“, fragt ein Polizist über Funk um 22.13 Uhr, fünf Minuten nach den ersten Schüssen. „Ich bin auf Etage 32, es ist Zimmer 135“, meldet ein Polizist um 22.24 Uhr – und fordert ein Spezialeinsatzkommando an. Kurz darauf wird ein Security-Mann auf der Etage verletzt – offenbar hat der Täter durch die geschlossene Tür auf den Flur gefeuert.

Etwa eine Stunde dauert es, bis die Polizei alle Gerüchte über weitere Täter in anderen Stockwerken ausgeschlossen und den Flur gesichert hat. Als die Beamten in das Zimmer eindringen, ist der Täter tot – er hat sich offenbar selbst erschossen.

Eine Verbindung zum IS sehen die Ermittler nicht

Seitdem rätselt Amerika über das Motiv des 64-jährigen Stephen Paddock, mit vollautomatischen Waffen in eine Masse von Konzertbesuchern zu feuern. Ein pensionierter Buchhalter, leidenschaftlicher Glücksspieler, bis auf einige ältere Verkehrsdelikte unbescholten, von Nachbarn und Bruder als unauffällig beschrieben. Ein Waffensammler, den die Behördern aber als kooperativ erlebten.

Eine islamistische Radikalisierung, wie vom IS behauptet, schließen die Ermittler nahezu aus. Doch nichts von dem, was Medien recherchieren und die Polizei bekannt gibt, liefert auch nur ansatzweise eine Erklärung. Was in Stephen Paddocks Kopf vorging, bleibt bislang ein Mysterium.

Prominente fordern schärfe Waffengesetze

Und so konzentriert sich ein kritischer Teil der US-Gesellschaft und -Politik nun vor allem auf eine Frage: Lassen sich Taten wie diese möglicherweise durch schärfere Waffengesetze verhindern?

Es sind vor allem Künstler und andere Prominente, die die Debatte um die Waffenkontrolle jetzt befeuern. „Demokraten und Republikaner, vereinigt euch endlich beim Thema Waffenkontrolle“, fordert zum Beispiel die Sängerin Lady Gaga. Nachdem US-Präsident Donald Trump am Montagnachmittag zu einer Schweigeminute vor dem Weißen Haus erschienen ist, fügt sie noch hinzu: „Gebete sind wichtig, aber Blut klebt an den Händen derer, die dazu gewählt wurden, Gesetze zu erlassen. Beeilt euch!“

Der in den USA sehr populäre Moderator Jimmy Kimmel griff die Debatte am Montagabend zu Beginn seiner Late-Night-Show auf. „Kein amerikanischer Bürger braucht ein Maschinengewehr oder gleich zehn davon“, sagte er. Die Politiker, die den Waffenbesitz unterstützten, sollten beten und um Verzeihung bitten, dass sie der Waffenlobby so viel Einfluss geben, erklärte er unter Tränen – Kimmel ist in Las Vegas aufgewachsen.

Jimmy Kimmel

Jimmy Kimmel: „Kein US-Bürger braucht ein Maschinengewehr – oder gleich zehn davon.“

Quelle: Invision/AP

11 000 Menschen starben 2017 in USA durch Schusswaffen

Tatsächlich liefert Nevada ein Beispiel für ein Waffenrecht, das schon mehr als liberal ist: Restriktionen gibt es hier praktisch nicht. Jeder kann dort Sturmgewehre kaufen, es gibt keinerlei Grenzen für Magazingrößen, und eine Registrierung wird nicht verlangt.

Auslage eines Waffengeschäftes in Miami

Auslage eines Waffengeschäftes in Miami. Nach dem Attentat in Las Vegas am Montag schossen die Verkaufszahlen für Handfeuerwaffen in den USA in die Höhe.

Quelle: AP

Die Verfügbarkeit von Waffen hat es Amokläufern und anderen Massenmördern in den vergangenen Jahren in den USA immer wieder leicht gemacht. Erst im vergangenen Jahr erschoss ein Mann namens Omar Mateen mit einem Gewehr und einer Pistole 49 Besucher eines Clubs in Orlando. Im Oktober 2015 wurden in einem College in Roseburg, Oregon, neun Menschen erschossen.

Ebenfalls 2015 starben neun Menschen, als ein Mann in einer Kirche in Charleston, South Carolina, um sich schoss. In den USA kommen so viele Menschen durch Schusswaffen zu Tode wie in keinem anderen entwickelten Land. Jahr für Jahr. Nach Angaben der Organisation Gun Violence Archive gab es allein 2017 in den USA mehr als 46 000 Vorkommnisse mit Schusswaffen. Mehr als 11 000 Menschen starben, über 23 000 wurden verletzt.

Experten vermuten einen Überbietungswettbewerb unter den Tätern

Für Verbrechen wie diese gibt es in den USA den Begriff „mass shooting“, für den es im Deutschen im Grunde keine exakt adäquate Übersetzung gibt. Kriminologen vermuten, dass es unter den Tätern inzwischen einen zynischen Überbietungswettbewerb gibt: „Es ist eine neue Eskalationsstufe zu beobachten“, erklärt James Fox von der Northeastern Universität in Boston.

Dennoch gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass das Massaker von Las Vegas eine Verschärfung bewirkt. Zwar wollen die Demokraten seit langer Zeit strengere Waffengesetze. Schon Bill Clinton hatte sich als Präsident dafür eingesetzt, Barack Obama sowieso. Hillary Clinton hatte Schusswaffen zu einem ihrer Wahlkampfthemen gemacht – erfolglos. Sie alle kommen nicht am zweiten Verfassungszusatz vorbei, der den Amerikanern das Recht auf Selbstverteidigung zugesteht und damit das Recht auf Waffenbesitz festschreibt.

Die Demokraten stehen vor dem Problem, dass jeder vergebliche Anlauf, die Waffengesetze zu verschärfen, eine politische Niederlage darstellt und ihre Position weiter schwächt. Entsprechend vorsichtig hören sich die Worte von Charles Schumer an, dem Chef der demokratischen Senatsfraktion. „Wir müssen sicherstellen, dass die gefährlichsten Waffen nicht in die falschen Hände geraten“, sagt er.

Es wird sich wohl wenig an der laxen Gesetzgebung ändern

Präsident Trump kann sich nicht einmal zu solch zarten Konsequenzen durchringen. „Über Waffengesetze werden wir sprechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist“, sagte er am Dienstag. Bisher hat sich Trump als klarer Unterstützer der Waffenlobby präsentiert, ihre Sprache und Argumente übernommen, sich gar als „ihr Freund und Anwalt“ im Weißen Haus ausgegeben. Seine Wählerbasis wird mit überwältigender Mehrheit dem Pro-Waffen-Lager zugerechnet. Mit Neil Gorsuch berief er zudem einen klaren Befürworter des freien Umgangs mit Schusswaffen in den Obersten Gerichtshof.

Geschockt

Geschockt: Trauernder bei einer Mahnwache in Las Vegas.

Quelle: imago stock&people

Auch Experten in Deutschland glauben deshalb nicht an einen Kurswechsel in Washington in Sachen Waffen. „Das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Amerikaner ist stark verbunden mit dem Recht auf Waffenbesitz – obwohl dies in krassem Widerspruch steht zur objektiven Sicherheit“, sagte der Koordinator der Bundesregierung für die transatlantischen Beziehungen, der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt. „Wenn die US-Regierung restriktive Waffengesetze einführen und durchsetzen wollte, würde sie auf immense Widerstände stoßen“, befürchtet er.

Auch der Musiker Keeter gehörte bis Sonntag zu jenen US-Bürgern, die eine Verschärfung nicht akzeptiert hätten. Bei ihm war es allerdings auch eine Extremerfahrung, die ihn zum Umdenken brachte: „Wir hatten einfach unglaubliches Glück“, schreibt er, „dass wir nicht zu den Todesopfern dieses Verrückten gehören.“

Von Stefan Koch, Marina Kormbaki und Michael Donhauser/RND

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