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Deutschland, der Elefant in der EU

Brexit Deutschland, der Elefant in der EU

Vordergründig geht es in der Volksabstimmung über den Brexit in Großbritannien um Brüssel und die EU. Doch im Hintergrund steht die Urangst der Briten vor einem allzu mächtigen Deutschland in Europa. Ein Gastbeitrag des Marburger Historikers Wilhelm Ernst Winterhager.

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Quelle: FOTOLIA

Potsdam. Willkommen im Vierten Reich“: So endete ein Aufsehen erregender Artikel des konservativen britischen Journalisten Simon Heffer, der am 17. August 2011 im Londoner Massenblatt Daily Mail erschien. Die Botschaft war simpel: Was Hitler mit militärischen Mitteln verfehlt habe – Europa zu erobern –, gelinge dem modernen Deutschland durch seine ökonomische Überlegenheit und fiskalische Disziplin. Die Krise der Eurozone führe dazu, dass Deutschland die Regeln der Finanz- und Wirtschaftspolitik für den Rest Europas diktiere und die übrigen Nationen zur Anpassung gezwungen würden, mithin einen Großteil ihrer Souveränität an Berlin abgeben müssten. An die Stelle der alten Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland in der Führung Europas trete die einseitige Hegemonie Deutschlands.

Heffer und andere Euroskeptiker in England haben das Schlagwort vom „Vierten Reich“ seit 2011 wiederholt aufgegriffen, um Deutschlands dominierende Position in Europa zu brandmarken. In der seriösen politischen Diskussion um den Brexit, die gegenwärtig in Großbritannien geführt wird, steht dies Motiv allerdings nicht im Zentrum. Allenfalls von Nigel Farage und seiner UKIP sind derlei Parolen ganz offen zu hören. Der medial vorherrschende Disput dagegen wird bestimmt durch Polemik gegen die Übermacht des EU-Regimes in Brüssel: „Brüssel“, nicht „Berlin“, scheint die Rolle des bösen Buben zu spielen in dem großen britischen Sommerdrama unserer Tage.

Man sollte sich indes nicht täuschen. Unterschwellig ist die Furcht vor deutscher Dominanz stets gegenwärtig. In der englischen Sprache gibt es die hübsche Redewendung, wonach sich ein Elefant im Raum befindet („there’s an elephant in the room“) und jeder doch so tue, als ob er nicht da sei. So ähnlich verhält es sich in der aktuellen Debatte: Deutschland ist der Elefant, den als Bedrohung unverhohlen anzuprangern sich im politisch korrekten Diskurs nicht gehört. Wer aber näher hinschaut, kann anderes wahrnehmen: Schon 2014 etwa, als es um das Gedenken an den Ersten Weltkrieg ging und das restliche Europa die tragische Verstrickung und Schuld aller Sei-ten an jenem Krieg betonte, wurde in England weithin festgehalten an der alten Version, wonach Großbritannien 1914/18 in einem gerechten Krieg die Freiheit Belgiens und des übrigen Europa gegen ein aggressives, machthungriges Deutschland verteidigt habe. Der seinerzeitige Bildungsminister Michael Gove, der heute zu den Wortführern der Anti-EU-Kampagne zählt, gehörte 2014 zu den eifrigsten Vertretern dieser Geschichtsdeutung. Nicht nur unter Hitler, schon im Ersten Weltkrieg war es hiernach Deutschland, das sich die Unterwerfung Europas zum Ziel gesetzt hatte. Und die Tatsache, dass in den beiden Kriegen gegen Deutschland das gewaltige britische Empire letztlich zerbrach, haben viele Briten, vor allem der älteren Generation, bis heute nicht wirklich verschmerzt und den Deutschen nicht wirklich vergeben.

Als Boris Johnson, der populäre Londoner Bürgermeister, sich mit einem Brandartikel im Daily Telegraph Mitte März 2016 auf die Seite der EU-Gegner schlug, stand auch dort die Anti-Brüssel-Polemik im Vordergrund. Nur relativ kurz, doch an zentraler Stelle war zugleich von Deutschland die Rede. Die EU, so Johnson, sei ursprünglich eine gute Idee gewesen, nur hätten sich die Rahmenbedingungen im Lauf der Zeit entscheidend zum Negativen gewandelt. Dieser Wandel begann, so Johnsons Analyse, mit der deutschen Wiedervereinigung, mit den daraus folgenden „panischen“ Versuchen, das erstarkte Deutschland durch den Euro in Europa einzubinden, und den sodann immer weiter getriebenen Verträgen zur Integration, Zentralisierung und Machtausweitung der EU. Im Weltbild von Boris Johnson hat damit Margaret Thatcher am Ende Recht behalten. Es ist das nach der Wiedervereinigung und wirtschaftlichen Erholung im 21. Jahrhundert übermächtige Deutschland, das den Weg der europäischen Staatengemeinschaft einseitig vorgibt – mit der Konsequenz für Großbritannien, sich dem dadurch drohenden Verlust der eigenen Souveränität nur entziehen zu können, wenn es die EU verlässt.

Im März 2016, als Premier David Cameron nach Ausrufung des EU-Referendums in Brüssel verhandelte, war die deutsche Regierung (anders als Englands historische Alliierte Frankreich, Belgien oder Polen) bemüht, den britischen Sonderwünschen möglichst weit entgegenzukommen. Das war ohne Zweifel ein kluges Verhalten, hat aber den verheerenden Eindruck nicht korrigieren können, den im vergangenen Spätsommer die Politik Wolfgang Schäubles in der Grie-chenland-Krise und der nationale Alleingang Angela Merkels in der Flüchtlingsfrage in der öffentlichen Meinung Großbritanniens wie auch des übrigen Europa hinterlassen haben: Mehr denn je schien sich hier die Furcht zu bestätigen, dass der deutsche Koloss rücksichtslos die kleineren europäischen Partner demütigt und auch in elementaren Fragen wie der Bewältigung der Migrantenkrise allein den Ton in Europa angeben will. In unzähligen Leserkommentaren und Internet-Posts haben seither britische Zeitgenossen die Fragen gestellt: Sollen wir uns eines Tages genauso herumstoßen lassen wie die Griechen und unsere Einwanderungspolitik von Berlin bestimmen lassen?

Die eklatanten politischen Missgriffe der deutschen Regierung vom August 2015 wiegen in England angesichts der Lasten deutsch-britischer Geschichte noch schwerer als anderswo. Wenn trotzdem – wie zu hoffen ist – die jüngere Generation in Großbritannien am 23. Juni den Ausschlag gibt zugunsten eines britischen Verbleibs in der EU, sollten die geschilderten Hintergründe der Debatte doch im Bewusstsein bleiben – nicht zuletzt als Lehre für die deutschen Eliten, wie rasch man durch eine herrisch-hegemonial anmutende oder moralisch-oberlehrerhafte Politik die Solidarität Europas zerstören kann, auf die gerade Deutschland angewiesen ist wie kaum ein anderes Land.

Wilhelm Ernst Winterhager (* 28. März 1949 in Hohennauen) ist ein deutscher Historiker der Neueren Geschichte. Von 1998 bis 2015 hatte er eine Professur für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Reformationsgeschichte an der Philipps-Universität Marburg inne.

Von Wilhelm Ernst Winterhager

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