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22:04 27.09.2017
Buchautorin und Frauenrechtsaktivistin: Heute lebt Manal al-Sharif nicht mehr in Saudi-Arabien – will aber in ihre Heimat zurückkehren Quelle: AFP/Getty Images
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Hannover

Der Dalai-Lama beriet sich mit ihr, Hillary Clinton steht in ihrem Adressbuch. Das ­„Time-Magazine“ kürte sie zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten und „Forbes“ zu den zehn Frauen, die die Welt bewegt haben. Das war bereits im Jahr 2011, doch erst jetzt, am Dienstagabend, hat Manal al-Sharif in ihrem großen Kampf einen echten Sieg errungen. Die Frauenrechtlerin ist maßgeblich daran beteiligt, dass Saudi-Arabien Frauen nun etwas erlaubt, was im Rest der Welt eine Selbstverständlichkeit ist: das Autofahren. Das königliche Dekret soll im Juni 2018 in Kraft treten, die Verkündung wurde live im Staatsfernsehen übertragen.

Manal al-Sharif bei ihrem Treffen mit dem Dalai Lama in Prag 2016. Quelle: EPAEPA

Als Manal al-Sharif von der Eilmeldung hörte, musste sie weinen. „Ich stand unter Schock. Nach sechs Jahren, in denen ich ausgegrenzt, beleidigt und mundtot gemacht worden bin, ist dieser Tag ein Tag der Erlösung und des Lohns“, sagt al-Sharif. Sie klingt erleichtert. „Dieser Tag steht für das Ende eines der drakonischsten Verbote in der modernen Geschichte.“

Alles begann mit einem verwackelten Interviewvideo im Jahr 2011. Es zeigt die heute 38-jährige Frau mit dunklem Kopftuch und schwarzer Sonnenbrille am Steuer eines Autos. Eine Frau, die Auto fährt. Unerhört! Jedenfalls in Saudi-Arabien. Die junge Informatikerin wurde mitten in der Nacht verhaftet.

Erst als der internationale Druck zu groß wurde, ließen sie die Machthaber neun Tage später frei. Das Video aber ging um die Welt. Binnen eines Tages sahen es 700 000 Menschen bei Youtube. Al-Sharif war plötzlich berühmt – und sie hatte etwas in Gang gesetzt. Seitdem taten es ihr mehrere Frauen gleich, fotografierten sich hinter dem Steuer, einige demonstrierten für die Fahrerlaubnis.

Es bleibt noch viel zu tun

Die überraschende Entscheidung des Königshauses, nun plötzlich das Autofahren für Frauen zu erlauben, führt al-Sharif auf den Kronprinzen Mohammed bin Salman zurück. „Er ist ein Ökonom und arbeitet daran, unser Land vom Öl unabhängig zu machen. Und er weiß, dass das nicht gelingen wird, wenn die Hälfte der Gesellschaft von der Wirtschaft ausgeschlossen ist“, sagt al-Sharif. Zufrieden ist sie dennoch nicht – es bleibe noch sehr viel zu tun.

„Frauenrechtlerinnen werden genau beobachten, wie diese neuen Regeln umgesetzt werden“, sagt sie. Frauen würden weiterhin unterdrückt. „Wir fordern nichts weniger als die vollständige Gleichberechtigung. Die Aufhebung des Fahrverbots ist nur der Anfang vom Ende hergebrachter ungerechter Gesetze, die saudische Frauen immer als Minderjährige angesehen haben, denen man nicht zutraute, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.“ Politische Forderungen sendet sie auch in Richtung Deutschland: „Ich bitte Angela Merkel, Druck auf die saudische Regierung auszuüben, damit das männliche Vormundsystem abgeschafft wird. Und bitte entsenden Sie nur weibliche Botschafterinnen nach Saudi-Arabien!“

Manal al-Sharif konnte der Frauenbewegung in Saudi-Arabien neuen Auftrieb geben Quelle: EPA

Manal al-Sharif ist so etwas wie das saudische Pendant von Rosa Parks. Was sie für die Frauenbewegung in ihrem Land getan hat, vergleichen einige mit der Weigerung der schwarzen US-Näherin im Jahr 1955, ihren Busplatz für einen Weißen zu räumen – ein Wendepunkt in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Beide Frauen haben mit kleinen Handlungen den Lauf der Geschichte beeinflusst.

„Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen“ – dieser Ausspruch von Manal al-Sharif ist in Saudi-Arabien zum geflügelten Wort geworden – und sie selbst zu einem Symbol für eine Generation von Frauen, die „losfahren“ wollen. „Losfahren“, so hat sie auch ihre Autobiografie genannt, die sie kürzlich veröffentlicht hat. Sie ist zugleich das Porträt einer Gesellschaft geworden, die sonst verborgen bleibt hinter den dichten Vorhängen, die Saudis vor ihre Fenster zu hängen pflegen. Manal al-Sharif nennt das die „Kultur der verstohlenen Blicke“.

Zirkel der Angst ist gebrochen

In Saudi-Arabien spreche man von der Frauenbewegung „vor Manal und nach Manal“, sagt sie selbstbewusst. Ihre Verhaftung und Entlassung habe den „Zirkel der Angst“ gebrochen. Und sie gibt sich kämpferisch: „Freiheit bekommt man nicht geschenkt. Man muss sie sich nehmen.“ Die Frau mit den mandelförmigen Augen spricht Englisch mit nur leichtem Akzent. Die Sprache hat sie sich selbst beigebracht.

Das wahhabitische Königreich war das letzte Land der Welt, das Frauen das Autofahren verbietet. Es gab nicht einmal ein Gesetz dafür, nur einen nicht schriftlich fixierten Verhaltenskodex. Das Verbot stand stellvertretend für die Angst vor Veränderung: Saudische Universitätsgelehrte gaben kurz nach der Manal-Affäre eine Statistik heraus, die vor Führerscheinen für Frauen warnte: Ein Anstieg von Prostitution, Pornografie, Homosexualität und Scheidung wären die Folge. Das ist nur ein Beispiel für die Absurditäten, mit denen Frauen in Saudi-Arabien auch weiterhin zu kämpfen haben.

Männer sind Vormünder

Sie brauchen für jeden Behördengang die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds, dem Mahram. Sie dürfen ohne sein Einverständnis nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten und nicht verreisen. Nicht einmal eine Wohnung dürfen sie im eigenen Namen mieten. Krankenhäuser nehmen Frauen ohne ihren Vormund nicht auf. Das Land steht wegen seiner rigorosen Geschlechtertrennung auf der Global-Gender-Gap-Liste für Gleichberechtigung, die vom World Economic Forum erstellt wird, auf Platz 141 von 144. Als im März der erste Frauenrat des Landes gegründet wurde, saßen nur Männer auf der Bühne – die weiblichen Mitglieder des Rates waren aus einem Nebenraum per Audioübertragung zugeschaltet. Nichtsdestotrotz wurde das Königreich im April in den UN-Frauenrechtsrat gewählt.

Manal al-Sharif ist enttäuscht von der Europäischen Union, denn fünf EU-Mitglieder stimmten für die Aufnahme. „Die EU müsste mehr Druck auf Saudi-Arabien ausüben“, sagt sie im Gespräch. Im Hintergrund ruft ihr junger Sohn Daniel. Den Redefluss der Mutter stört das nicht.

Die Frauenrechtlerin erzählt, wie es zu ihrem rollenden Protest kam: Als sie eines Abends zu einem Arzttermin ging, fuhr ein Mann im Auto neben ihr her und belästigte sie. Sie hatte Angst. Und sie wurde wütend. Ihrem Ärger machte sie auf Facebook Luft. Twitter, Youtube, Facebook. Al-Sharif sagt: „Die Medien werden von der Regierung kontrolliert. Mit den sozialen Medien habe ich ein Podium gefunden.“ Dort veröffentlichte sie schließlich auch das Video von sich hinter dem Steuer.

Fundamentalismus war Teil des Alltags

Manal war nicht immer Revolutionärin. Als Jugendliche wandte sie sich gar dem radikalen Islam zu. Wer die Fingernägel lackiert hatte oder sich die Augenbrauen zupfte, wurde in der Mädchenschule verprügelt. Ein Unterrichtsfach hieß: „Die Unzulässigkeit, jemandem beizustehen, der sich von Gott und seinem Propheten abgewandt hat“.

Die Gehirnwäsche fruchtete. Manal schmolz die Popmusikkassetten ihres jüngeren Bruders im Ofen ein, weil Musik im fundamentalistischen Islam „haram“, verboten, ist. Ihre ehemals so geliebten Agatha-Christie-Romane landeten ebenfalls auf dem Müll. „Das ist die Geschichte einer ganzen Generation, die mit extremistischem Gedankengut und Hassreden indoktriniert wurde, einer ganzen Generation, die wie eingesperrt aufwuchs: erst durch Zwänge unserer Gesellschaft und ihrer religiösen Anführer, dann durch uns selbst.“

Schließlich waren es ausgerechnet die Backstreet Boys, die Manal zweifeln ließen an ihrer strengen Erziehung. „Show Me the Meaning of Being Lonely“ hieß der Titel, den ihr Bruder im Wohnzimmer hörte, als sie vorbeikam und gebannt lauschte. „Ich konnte nicht verstehen, wie so etwas Schönes und Verträumtes das Werk des Teufels sein sollte. Ich spürte, dass mir in meinem Herzen etwas fehlte.“

Sie musste sich ihre Unabhängigkeit hart erkämpfen

Auf ihrem Weg in die Freiheit wurden Manal al-Sharif immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. Sie studierte Informatik, doch sie und ihre Kommilitoninnen durften die Vorlesungen der männlichen Dozenten nur per Videoübertragung verfolgen und nicht aktiv am Unterricht teilnehmen. Als sie Anfang des Jahrtausends bei der staatlichen saudischen Ölfirma Aramco, dem wertvollsten Unternehmen der Welt, als Expertin für Datensicherheit anfing, hielt ihre Familie das aus Scham geheim. Al-Sharif war die einzige Frau in ihrer Abteilung, ihre Kollegen legten ihr anonyme Briefe auf den Schreibtisch, sie möge sich angemessener kleiden.

In Saudi-Arabien wird von Frauen erwartet, dass sie neben dem Gesichtsschleier (Niqab) ein bodenlanges Überkleid (Abaya) tragen. Al-Sharif aber entschied irgendwann: „Mein Gesicht zeigt meine Persönlichkeit. Niemand soll es bedecken. Wen mein Antlitz stört, der soll nicht hinschauen. Es ist nicht mein Problem, wenn für jemanden schon der Anblick meines Gesichts eine Versuchung darstellt. Niemand soll mir befehlen, es zu verschleiern.“

Manal al Sharif beschreibt ihre Kindheit und Jugend als zwiespältig. Schule und Uni durfte sie besuchen. Doch als sie einen Beruf ergriff, schämte sich die Familie dafür. Quelle: Secession

Ihr Familienleben beschreibt al-Sharif als Mischung aus Zuwendung und Gewalt. Die Mutter stammte aus Ägypten und verschaffte sich als Näherin ein eigenes Einkommen. Sie kämpfte dafür, dass auch ihre zwei Töchter eine Ausbildung erhielten. Doch sie verhinderte nicht, dass Manal mit acht Jahren genital verstümmelt wurde. Der Vater, ein Taxifahrer, stand mit seinem Rohrstock daneben und drohte der Tochter Schläge an, wenn sie sich wehren sollte.

Die bleibenden Narben an Körper und Seele haben sie gelehrt, andere Wege zu gehen. Geprägt hat sie ein längerer Berufsaufenthalt in New Hampshire 2009. Während dieser Zeit lernte sie auch Auto fahren. In den USA konnte sie zur Bank oder in eine Bibliothek gehen, wie sie wollte. Als sie nach Saudi-Arabien zurückkehrte, schienen ihr die Regeln, die sie vorher sklavisch befolgt hatte, genau das zu sein: Regeln der Versklavung.

Sie wurde als Agentin diffamiert

Al-Sharif hat einen hohen Preis für ihr Aufbegehren bezahlt. Sie wurde als „Schlampe“ und als „iranische Agentin“ diffamiert und erhielt Todesdrohungen. Nachrichtenagenturen verbreiteten die Falschmeldung, sie sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Schließlich sah sie sich gezwungen, das Land zu verlassen. Sie zog zunächst nach Dubai, seit diesem Jahr lebt sie mit ihrem zweiten Mann und dem gemeinsamen Sohn Daniel in Australien. Ihren Sohn Aboody aus erster Ehe musste sie in Saudi-Arabien zurücklassen. „Die Menschen sagen, ich sei im Exil. Das stimmt aber nicht. Ich kann nach Hause zurückkehren, wann immer ich möchte“, sagt sie und klingt ein bisschen trotzig.

Zu Hause, das ist für Manal noch immer Saudi-Arabien. Die 38-Jährige blickt erstaunlich optimistisch in die Zukunft. Nächstes Jahr werde die staatliche Ölfirma Aramco an die Börse gehen, das mache ihr Mut. „Niemand wird in ein Unternehmen investieren, das so einen schlechten Ruf hat“, sagt sie.

Vor dem Haus ihrer Eltern in der Hafenstadt Dschidda wartet seit sechs Jahren ihr Auto auf sie. Manal kann es kaum abwarten, es auf saudischen Straßen fahren zu können – ganz legal.

Von Nina May/RND

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