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Die Stunde des Verführers Geert Wilders

Wahl in den Niederladen Die Stunde des Verführers Geert Wilders

Geert Wilders hetzt gegen Muslime und die EU – und hat damit ausgerechnet in den traditionell so toleranten Niederlanden gewaltigen Erfolg. Wie konnte es dazu kommen? Ein Stimmungsbild kurz vor der Parlamentswahl.

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Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders.

Quelle: dpa

Den Haag. Um den Mann zu treffen, den Europa fürchtet, hat Daan Warnas viel auf sich genommen. Zunächst die Strecke, 90 Kilometer aus Amersfoort bis hierher, zum Van ­Coothplein in Breda, wo Geert Wilders gleich auftreten soll. Dann die Kosten, Daan hat den Bus verpasst und dann, aus Angst, Wilders zu verpassen, das Taxi genommen, 256 Euro. Wenn Daan, ein begeisterungsfähiger 18-jähriger Student, über Geert Wilders spricht, gerät ins Schwärmerische: „Er sagt, was er denkt. Er redet nicht herum. Er nutzt die neuen Medien, Twitter, Facebook. Er ist einfach anders als die anderen Politiker, die nur in Talkshows herumsitzen.“

Und nun, gerade noch pünktlich, steht Daan Wardas im Endlosregen des südniederländischen Städtchens vor seinem letzten großen Hindernis: einem Schutzschirm aus zwei Dutzend Polizisten, Leibwächtern, Metallgittern. In dessen Mitte ragt ein Mann im Anzug hervor, mit Weste, blondiertem Haar und sonnengebräuntem Teint, Daans Idol.

Ein Selfie mit Wilders, sagt Daan, das wär’s, und es klingt, als spräche er über einen Popstar.

Auftritt Geert Wilders, des Islamhassers, Europagegners und Phantoms der niederländischen Politik. Des Mannes, der sich mitten im Wahlkampf tagelang nicht zeigte, Auftritte und Fernsehduelle verweigerte, und über den doch alle sprachen. In den Niederlanden, weil er mit seinem Ein-Mann-Projekt Partij voor de Vrijheid (PVV) bei den Parlamentswahlen am Mittwoch nächster Woche stärkste Kraft werden könnte, auf Platz zwei liegt er derzeit. Er wird nicht regieren können, weil praktisch keine Partei mit ihm koalieren will, aber das Stimmergebnis könnte ein gigantischer Erfolg werden. Außerhalb der Niederlande spricht man über ihn, weil sein Sieg bei den Wahlen ein Signal an seine Freunde im Geiste wäre, die AfD in Deutschland und den Front National in Frankreich. Schaut her, geht doch!

Ein Leben im Schatten

Sein öffentlicher Auftritt in dieser Woche in Breda ist der erste seit Wochen, der Beginn seines Endspurts. Er war abgetaucht, noch tiefer als sonst. Ein Mann aus seinem Sicherheitsteam soll marokkanischen Banden gesteckt haben, wo sich Wilders wann aufhält.

Vielleicht war der Rückzug aber auch Kalkül, denn die Menschen und Geert Wilders, das ist seit Langem ein schwieriges Verhältnis. Einerseits nimmt kein anderer Politiker so sehr für sich in Anspruch, für das Volk zu sprechen. Andererseits ist kein Politiker dem Volk so entrückt wie er. Seit gut zwölf Jahren lebt Geert Wilders unter ständigem Polizeischutz, an einem geheimen Ort. Wo auf den Listen der Abgeordneten sonst der Wohnort steht, klafft bei ihm eine Lücke. Es heißt, er sehe seine Frau Kristina, eine Ungarin jüdischer Abstammung, nur ein- oder zweimal die Woche. Keinen Schritt kann er ohne Bewachung gehen. Keine Chance, sich abends mal eben eine Tüte Fritten zu holen.

Seine eigenen Lebensumstände sind, aus Wilders’ Sicht, der Beweis, dass er mit seinen Warnungen vor dem Islam recht hat. Jeder Feind ist ihm vor allem Bestätigung seines eigenen Weltbilds. So schafft er sich stets neue und beschwört ihre Macht. Gegen sie führt er einen Wahlkampf aus dem Off, gerne per Twitter, wie Donald Trump, den man sein Vorbild nennt, aber vielleicht ist es auch umgekehrt.

„Unser Land wurde besetzt. Wir müssen es zurückerobern“, sagt Wilders. Seine Anhänger halten das für die Wahrheit. Andere halten solche Sätze – bei einem Muslimanteil von 6 Prozent und massiv verschärften Asylgesetzen – für weltfremd. „Sehen Sie mich an“, sagt der 48-jährige El-Hadi lachend. „Sehe ich wie ein Besetzer aus? Ist das nicht ein bisschen viel der Ehre?“

El-Hadi, der nur seinen Vornamen nennt, lebt in Hoge Vucht im Norden Bredas, und er gehört zu jenen, die Wilders in Holland nicht mehr haben will. Bei einem Wahlkampfauftritt sprach Wilders schon mal beiläufig von „marokkanischem Abschaum“.

Abschaum? El-Hadi kam vor mehr als 20 Jahren aus Marokko nach Holland. Er studierte Informatik, heute arbeitet er als IT-Administrator in einem Unternehmen. „Ich empfand dieses Land immer als wunderbar offen, ich hatte nie Probleme“, sagt er. Heute jedoch muss er seinen Söhnen erklären, was das bedeutet, wenn sie auf Facebook oder Twitter Beschimpfungen lesen. „Wilders vergiftet das Klima in den Niederlanden“, sagt El-Hadi. „Er profiliert sich auf Kosten der Jungen, die hier aufgewachsen sind. Und das macht mir Angst.“

Der Ersatzmann für Pim Fortuyn

Wobei der holländische Antiislamismus keine Erfindung von Wilders ist. Es war der Polit-Dandy Pim Fortuyn, der die Muslimfeindlichkeit in diesem traditionelle toleranzverliebten Land Anfang der Zweitausenderjahre salonfähig machte. Fortuyn erklärte einen „kalten Krieg mit dem Islam“ zu seinem Projekt – und blieb selbst nach seiner Ermordung durch einen militanten Tierrechtler 2002 beliebtester Politiker der Niederlande. Dass ein Islamist zwei Jahre später den islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh umbrachte, wurde zu einem Wendepunkt. Wilders, bis dahin Abgeordneter der rechtsliberalen Partei VVD, gründete seine Partij van de Vrijheid. Er besetzte den Platz, den Fortuyn verlassen hatte.

Es gibt, noch immer, die gemäßigten Seiten von Geert Wilders. Bei den kurzen Begegnungen in Breda, die die Personenschützer gestatten, wirkt er freundlich, beugt sich für Fotos hinunter, „schön, dass du da bist“, sagt er jedem. Weggefährten beschreiben ihn als privat humorvoll, sogar selbstzweiflerisch. Das ist die sanfte Seite von Geert Wilders.

Die andere Seite ist die einer immer weitergehenden Radikalisierung. 2005 wollte er nur die radikalen Moscheen schließen lassen. Heute vergleicht er den Koran mit „Mein Kampf“ und will den Islam aus den Niederlanden „entfernen“. Nach dem Attentat in Berlin twitterte er ein Bild, das Angela Merkel mit blutbeschmierten Händen zeigt. Danach stellte sich sein Bruder offen gegen ihn. Geert sei immer „eine entsetzliche Plage“ gewesen, „egozentrisch und aggressiv“, sagte der zehn Jahre ältere Paul Wilders, ein IT-Experte, dem „Spiegel“.

Aber wahrscheinlich wäre Geert Wilders in den Niederlanden niemals so erfolgreich, wenn es ihm allein um den Islam ginge. Auf dem Platz in Breda verteilen seine Anhänger alte Gulden-Scheine. Wilders will raus aus Euro und EU. Sie verteilen auch das Parteiprogramm: ein Blatt, Format DIN A5. Mehr Unterstützung für die Älteren, für Pflege, für Kranke, Rentenalter wieder mit 65, auch das steht darauf. Es ist eine Mischung aus rechts und links, Wilders bedient sich. Das ist es, was es für seine Gegner so schwierig macht. „Wilders hat ja in manchem recht“, sagt Jack Vinders in einem Café am Marktplatz von Kerkrade. „Er hat keine Lösungen, aber die sozialen Probleme, die er benennt, sind real.“

Limburg, die Provinz im Südosten, in der Kerkrade liegt, ist die Hochburg von Wilders, er stammt von hier. In Kerkrade, nahe der deutschen Grenze, haben bei der letzten Wahl 36 Prozent der Menschen für ihn gestimmt. Vinders, 67 Jahre alt, Glatze, Ring im rechten Ohr, ist Sänger und Schauspieler. Mit seinen Auftritten füllt er die größten Säle. Vor sechs Jahren ließ er sich überzeugen, für die Sozialdemokraten in den Gemeinderat einzuziehen. So wurde Jack Vinders im Kleinen der Gegenspieler von Wilders. Keine leichte Rolle.

„Die Kürzungen, die sie in Den Haag beschließen, die treffen die Menschen hier besonders hart“, sagt Vinders. Den Niederlanden insgesamt geht es zwar gut. Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, alles sogar besser als in Deutschland. In Kerkrade jedoch geht es vielen schlecht. Die Minen, in denen auch sein Vater früher arbeitete? Längst zu. Ersatz? Keiner. Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben. Und dann hat die Koalition in Den Haag, wo Vinders‘ Sozialdemokraten mitregieren, noch die Erhöhung der Eigenbeteiligung an den Krankenkosten mitbeschlossen, von 150 auf mehr als 350 Euro im Jahr. Vinders macht eine Pause.

„Bei uns bei der Tafel sind jetzt so viele Bedürftige, dass sie eine Warteliste brauchen“, erzählt Vinders dann. Er fand, dass man der Tafel ganz schnell helfen müsse. „Aber ich musste lernen, dass vieles in der Politik sehr viel länger dauert …“

Die Vergessenen von Kerkrade

Für die Tafel in Kerkrade haben sie eine neue, größere Ausgabestelle gefunden. Aber die Sozialdemokraten werden bei der Wahl wohl dennoch schwer bestraft, mit weniger als 10 Prozent. Wilders aber wird seinen Stimmanteil von 2012 mindestens halten, wenn nicht deutlich erhöhen. Es gibt ja noch die 40 Prozent Unentschlossenen. Seine einfachen Botschaften kommen an.

Nicht nur bei Jungen wie Daan Warnas, die das Unkonvetionelle mögen. Auch bei Älteren, wie John Housen, der in Kerkrade am Marktplatz sitzt. Housen, 72 Jahre alt, war Fallschirmjäger, er hat unter anderem in Indonesien gedient. An der Lehne seines Elektromobils steht „Veteran“. „Ich werde PVV wählen, Wilders“, sagt Housen bestimmt. Weil er gegen Muslime ist? „Nein“, beteuert Housen, dazu sei er zu lange in der Welt unterwegs gewesen. „Mir geht es gut. Aber ich kenne zu viele, die unterhalb der Grenze leben müssen.“ Die Menschen hier in Kerkrade, so kommt es ihm vor, werden von den Mächtigen in Den Haag nicht gesehen. Es gibt in den Niederlanden sehr viele Kerkrades.

In Breda, 150 Kilometer weiter westlich, hat Daan Warnas sein Selfie mit Wilders am Ende bekommen. „Großartig“, sagt er, und stellt es ganz beseelt ins Netz. Hinter ihm schieben die Leibwächter Wilders in eine dunkle Limousine, nach einer Stunde im Regen von Breda, ohne Rede, wie immer. Es dauert nur Momente, dann ist er wieder verschwunden, unwirklich schnell.

Von RND/Thorsten Fuchs

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