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Politik Die Türkei geht auf Schmusekurs zu Europa
Nachrichten Politik Die Türkei geht auf Schmusekurs zu Europa
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16:07 03.01.2018
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu (r) treibt mit Erdogan die Charme-Offensive gegenüber Europa an. Er will Sigmar Gabriel am Samstag gar in dessen Heimat Goslar beehren. Quelle: dpa
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Istanbul

Die Reisen zeigen: Die türkische Regierung versucht, zerschlagenes Porzellan zu kitten. Staatschef Recep Tayyip Erdogan besucht am Freitag den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Paris. Tags darauf begrüßt Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in seinem Heimatort Goslar seinen türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu zu einem privaten Besuch.

26 Länder hat Erdogan im vergangenen Jahr besucht, 144 000 Flugkilometer zurückgelegt. Meist gingen die Reisen nach Osten. Allein vier Mal besuchte Erdogan Russland. Aber in jüngster Zeit fliegt er wieder häufiger nach Westen. Das signalisiert eine Kurskorrektur in Erdogans Außenpolitik.

Erdogan will für Tauwetter sorgen

2017 markierte einen nie dagewesenen Tiefpunkt in den Beziehungen der Türkei zum Westen. Die Europäer überzog Erdogan mit Faschismus-Tiraden, auch Kanzlerin Angela Merkel persönlich warf er „Nazi-Methoden“ vor. Europa, so zeterte Erdogan, sei „ein verrotteter Kontinent“, bevölkert von „Nazi-Überbleibseln“. In Rage geriet Erdogan vor allem, weil die Regierungen in Berlin, Den Haag und Brüssel sich weigerten, ihm und seinen Ministern Propaganda-Auftritte vor dem Verfassungsreferendum zu erlauben. Im Verhältnis zu Deutschland sorgte Erdogan mit den Festnahmen deutscher Staatsbürger für zusätzliche Spannungen. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sprach sogar davon, Erdogan nehme Deutsche als „Geiseln“.

Präsident Erdogan über Europa im Jahr 2017: „Ein verrotteter Kontinent“. Quelle: Pool Presidential Press Service

Jetzt scheint es, als wolle Erdogan diese Ära hinter sich lassen. „Wir haben keine Probleme mit Deutschland, den Niederlanden oder Belgien“, erklärte er kurz vor dem Jahreswechsel überraschten Journalisten auf dem Rückflug von einer Afrika-Reise. „Im Gegenteil, jene, die diese Länder regieren, sind alte Freunde von mir.“ Besonders hob Erdogan seine „sehr guten Beziehungen“ zu Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hervor.

Die türkische Regierung beschwört historische Bande mit Frankreich

Nachdem der türkische Präsident bereits im Dezember nach Griechenland reiste, besucht er nun als zweites EU-Land in kurzer Zeit Frankreich. Präsident Macron steht ohnehin in häufigem Telefonkontakt mit Erdogan – nicht immer aus erfreulichem Anlass. Im vergangenen Sommer ging es bei Macrons Telefonaten mit Erdogan vor allem um das Schicksal des in der Osttürkei verhafteten französischen Journalisten Loup Bureau. Er ist inzwischen frei. Auch in jüngster Zeit telefonieren Macron und Erdogan häufig, vor allem wegen des von US-Präsident Donald Trump entfachten Jerusalem-Streits, des gemeinsamen Kampfs gegen den Terror und wegen der Entwicklungen im Irak, Iran sowie Syrien.

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin beschwor vor dem Besuch die „sechs Jahrhunderte alten Beziehungen“ zwischen der Türkei und Frankreich und kündigte einen „engen Dialog“ mit Paris an. Heute ist Frankreich der fünftgrößte Absatzmarkt für die türkischen Exporteure und zugleich ein wichtiger ausländischer Investor in der Türkei sowie ein bedeutender Lieferant von Rüstungsgütern.

Der Türkei-Korrespondent der „Welt“, Deniz Yücel, hat sich den Zorn Erdogans zugezogen. Seit fast einem Jahr sitzt der Journalist in türkischer Haft. Quelle: dpa-Zentralbild

In Paris hieß es, die Situation der Menschenrechte in der Türkei werde bei dem Treffen der beiden Präsidenten am Freitag zur Sprache kommen. Es wäre auch keine Überraschung, wenn Macron stellvertretend für Merkel den Fall des seit fast einem Jahr inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel anspricht.

Ankara will es sich mit Investoren nicht verscherzen

Nach der Freilassung mehrerer Deutscher, wie der Journalistin Mesale Tolu und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, hofft die Bundesregierung auf Bewegung im Fall Yücel. Auch in Ankara scheint man erkannt zu haben, dass sich die Türkei auf die Dauer keine politische Eiszeit mit Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner und einem der größten ausländischen Investoren, leisten kann. So bat Außenminister Cavusoglu jetzt sogar in einem Interview deutsche Urlauber, an die verwaisten Strände seines Landes zurückzukehren. Seinen deutschen Kollegen Gabriel umschmeichelt er als „persönlichen Freund“.

Ein leerer Strand in Antalya: Viele Deutsche bleiben Erdogans Türkei derzeit fern. Quelle: dpa

Auch Erdogan will seine Suche nach neuen Freunden fortsetzen. Er ließ gegenüber Reportern bereits durchblicken, dass weitere Europa-Reisen in der Planung sind: Zum Vatikan, nach Holland – und möglicherweise sogar nach Deutschland.

Von Gerd Höhler/RND

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