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Die lieben Linksautonomen

Connewitz nach G-20-Ausschreitungen Die lieben Linksautonomen

Der Leipziger Stadtteil Connewitz gilt als bundesweites Zentrum der autonomen Szene. Nach der Gewalt beim G-20-Gipfel fordern Politiker die Schließung von linken Einrichtungen. Doch das ungewöhnliche Viertel gehört längst zur Stadt. Ein Besuch.

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Hitler-Jugend-Heim, FDJ-Jugendhaus – und nun Linkenzentrum: Conne Island in Leipzig Connewitz.

Quelle: dpa

Leipzig. Connewitz ist bunter als der Rest von Leipzig. Schöner, sagen manche. Wäre der Stadtteil ein Baum, dann wäre das Connewitzer Kreuz die Stelle, an der die Krone beginnt, die Straßen sich verästeln. Das Kreuz liegt am Anfang des Stadtteils, ist der inoffizielle Mittelpunkt. Direkt daneben liegt das Werk II, früher war es mal ein Betriebsgelände, heute heißt es „Kulturfabrik“. In den Backsteingebäuden sind Theater, verschiedene Vereine, eine Töpferei untergebracht. Immer wieder werden ausufernde Partys dort gefeiert, manchmal in Latex und Leder. Im Dezember findet hier ein Weihnachtsmarkt statt. An den Ständen gibt es gemalte Bilder, Strickmützen und Schnitzereien zu kaufen. Connewitz wirkt dann sehr friedlich.

Das will so gar nicht passen, zu dem Bild, was nun immer wieder von dem angeblich linksradikalen Stadtteil gezeichnet wird. Seit den Ausschreitungen von Hunderten Linksautonomen beim G-20-Gipfel in Hamburg Anfang Juli. Seitdem der Verdacht im Raum steht, dass auch aus Leipzig Connewitz gewalttätige Aktionen der linken Szene geplant werden.

Im Werk II hat Schwarwel sein Atelier. Er ist Comic-Künstler, über zehn Jahre war er der Art Director der Band „Die Ärzte“. Mit zwölf Jahren habe er sich den Künstlernamen gegeben. In Connewitz arbeitet er, mit Unterbrechungen, seit 1995.

„Hier leben die Individualisten. Ich finde, das macht das Leben bunter“, sagt er. Dass Connewitz jetzt als extremistisch bezeichnet wird, verstehe er nicht. „Da keine Absicht zu unterstellen, fällt schwer.“

Zu lange verharmlost?

Nach den G-20-Ausschreitungen wurde viel um den Umgang verschiedener Parteien mit Linksextremen gestritten. Während SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ziemlich doppeldeutig behauptete, wer links sei, könne gar nicht gewalttätig werden, sagte FDP-Chef Christian Lindner, man habe den Linksextremismus zu lange verharmlost. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte wörtlich: „So etwas wie die Rote Flora, besetzte Häuser in Berlin und so etwas, was es in Connewitz in Leipzig gibt, kann man nicht hinnehmen.“

Ob de Maizière überhaupt schon einmal in Connewitz war, ist indes nicht bekannt. Schnell vernahm man aus der sächsischen CDU: Linke Zentren wie das Werk II oder das Zentrum Conne Island in Connewitz müsse man schließen. Sachsens CDU ist als konservativ bekannt, eine ostdeutsche CSU. Für sie kam die Aussage de Maizières und der Trubel rund um die Ausschreitungen von Hamburg womöglich sehr gelegen: Wirkliche Fans waren sie von dem Stadtteil noch nie. Bei der Landtagswahl 2014 gingen fast alle Direktmandate an die CDU. Einzige Ausnahme: Der Wahlkreis Leipzig-Süd, zu dem auch Connewitz gehört. Dort gewann die Linke Juliane Nagel.

Angela Merkel schleicht sich aus dem Bild

Schwarwel, der Künstler, malt jeden Tag eine politische Karikatur: Nach den Ausschreitungen bei G 20 sieht man auf den kleinen Werken Olaf Scholz in einem BMW, dem „Scholzomobil“, davonfahren, während Hamburg in Rauchschwaden versinkt. Angela Merkel schleicht sich aus dem Bild, Polizisten versprühen Pfefferspray, und eine alte Frau klammert sich an ihrer Handtasche fest. „Tschulligung“, steht über der Sprechblase von Scholz’ Gesicht. Sie soll zeigen: Schuld an der Zerstörung sind nicht die Demonstranten, sondern die Politik, die keine Verantwortung übernehmen will.

Schwarwel wünscht sich mehr Menschlichkeit in der Politik. Er sitzt in einem Campingstuhl in der Küche seines Ateliers, raucht Pepe-Zigaretten und trinkt Kaffee. Er trägt nur schwarz. Seine Mitarbeiterin Sandra Strauß, 38, sitzt ihm gegenüber, vor ihr steht eine Kamera. Sie nehmen das Gespräch auf. Schwarwel wirkt misstrauisch, sieht einem nur selten in die Augen.

Gegengewicht zu der Jugendkultur der Rechten

Bis vor ein paar Jahren gab es an Silvester jedes Jahr Ausschreitungen am Connewitzer Kreuz. Viele seien Krawalltouristen gewesen, behauptet er. Strauß sagt, sie fühle sich hier sicher. Selbst nachts um drei, allein. Seit sieben Jahren hat Schwarwel im Werk II sein Büro. Ob sie Angst davor hätten, dass die Stimmung jetzt benutzt würde, um Mittel zu streichen? Oder die Zentren in Connewitz zu schließen? „Natürlich“, sagt er, die CDU nutze die Situation aus, wo sie nur könne.

Direkt hinter dem Kreuz liegt die Wolfgang-Heinze-Straße, einer der Hauptäste des Stadtteils. Durch die Schaufenster sieht man in Cafés und Kneipen, in eine „Naturbäckerei“ und einen Laden, der ausschließlich Tanzschuhe und Ballettbedarf verkauft. Wenn man die Wolfgang-Heinze-Straße immer weiter hinuntergeht und einmal links abbiegt, kommt man zum Conne Island. Der mit Graffiti bemalte Bau hat eine Geschichte, die nicht weniger disparat wirkt, als die der Deutschen insgesamt. Zu Zeiten des Dritten Reichs war der „Eiskeller“, wie er in der Szene genannt wird, ein Hitler-Jugend-Heim, in der DDR dann ein FDJ-Jugendhaus. In den frühen Neunzigern etablierte sich das Conne Island als linksalternatives Jugendzentrum. Als selbstverwaltetes Stadtteilzentrum, auch als Gegengewicht zu der Jugendkultur der Rechten, die auch rund um Leipzig Auftrieb hat.

Hochburg des Widerstands

Nahe der Wolfgang-Heinze-Straße hat der Fußballverein „Roter Stern“ sein Domizil. Auf einem Transparent, das am Eingang befestigt ist, liest man: „Love Football. Hate Racism“. Adam Bednarsky ist der Geschäftsführer des Vereins, für die Linke sitzt er im Stadtrat in Leipzig. Dass Connewitz jetzt als Stadtteil voller gewalttätiger Autonomer dargestellt werde, habe vor allem mit Wahlkampf, weniger mit der Realität zu tun, sagt er. In den Neunzigern sei das durchaus anders gewesen. Damals wurde man in vielen Stadtteilen in Leipzig mit großer Regelmäßigkeit von Neonazi-Banden überfallen. Connewitz sei eine Hochburg des Widerstands gewesen. Bednarsky, Jahrgang 1980, hatte 1999 den Verein „Roter Stern e.V.“ mitgegründet.

Dass der Stadtteil ein wichtiges linkes Zentrum ist, ist an jeder Ecke zu erahnen. Die Laternenpfosten sind mit Stickern und Plakaten der Antifa beklebt, auf einem steht „Leipzig bleibt rot“, auf einem anderen wird zu einer Demo aufgerufen. „Kein Mensch ist illegal“ und „Homophobie ist in deinem Stadion nicht verfügbar“, hat jemand an eine Mauer gemalt.

„Wir dürfen nicht so tun, als würden hier jeden Tag Ausschreitungen passieren“

„Wir dürfen nicht so tun, als würden hier jeden Tag Ausschreitungen passieren“, sagt Bednarsky. Mit dem normalen Leben in Connewitz hätte Gewalt wie bei G 20 nichts zu tun. Die kulturellen Zentren seien der CDU in Leipzig „ein Dorn im Auge“. Natürlich gebe es in Connewitz auch Menschen, die das System in Frage stellten. Aber das müsse man in einer Demokratie aushalten. Wichtiger sieht er die Arbeit gegen Neonazismus. Viele im Kiez engagieren sich. Von Connewitz geht eine gewisse Strahlwirkung aus, auch auf die Dörfer und Jugendlichen im Umland.

Schwarwel bietet Film-Workshops an, an Jugendgefängnissen und Schulen. Oft merke man, dass man schon mit einfachen Mitteln winzige Wunder bewirken könne. Die Jugendlichen müssten merken, dass es noch etwas außerhalb ihrer Welt und Wahrnehmung gebe.

Sowohl das Werk II am Connewitzer Kreuz, als auch das Conne Island werden von der Stadt Leipzig gefördert. Der Rote Stern ist Mitglied des Deutschen Fußballbundes. Angefangen hat der Verein mit 35 Mitgliedern, heute sind es 1100. Das Werk II und auch das Conne Island seien längst Teil des städtischen Kulturbetriebs geworden, sagt Bednarsky. In seinem Verein finde neben der politischen Arbeit gegen Rassismus und Homophobie hauptsächlich Ballsport statt.

Lange stand schräg hinter dem Werk II eine Fabrik leer. Mit rosa Farbe hatte jemand aus einer Maschine auf dem Dach ein Schwein gemacht. Die Fabrik wird nun saniert. Es sollen Wohnungen entstehen.

Oberbürgermeister lobt „wertvolle Stadtteilarbeit“

Am 11. Januar 2016 überfielen etwa 250 Neonazis den Bezirk und verwüsteten die Geschäfte, schlugen Fenster ein, schmissen Molotow-Cocktails. Es war eine gezielte Attacke gegen einen Stadtteil, der sich klar gegen rechts positioniert. Die Autonomen waren auf einer Anti-Legida-Demonstration.

Bei den G-20-Demonstranten kam keiner der Festgenommenen aus Connewitz. Auch Leipzigs Oberbürgermeister hat sich mittlerweile auf die Seite des alternativen Stadtteils geschlagen. Er stimme dem Bundesinnenminister zu, dass man derartige Kriminelle, die für die Gewaltexzesse des vergangenen Wochenendes verantwortlich sind, nicht akzeptieren könne, sagte Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Deshalb fordere er ein konsequentes Vorgehen der Polizei und des Verfassungsschutzes gegen kriminelle Strukturen - auch in Leipzig. Die Stadt werde die verantwortlichen Behörden dabei unterstützen. „Wir stehen jedoch zur Förderung unserer soziokulturellen Einrichtungen. Es gibt nach unserer Erkenntnis keine Verbindung in die kriminellen Strukturen, die für diese schweren Krawalle verantwortlich sind“, sagte Jung. Vielmehr leisteten die soziokulturellen Zentren wertvolle Stadtteilarbeit.

Von Valerie Höhne/RND

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