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Die unheimlichen Flüchtlinge

Tschetschenen Die unheimlichen Flüchtlinge

Verfolgt oder geschickt? Tausende Tschetschenen kommen derzeit nach Deutschland und stoßen auf Misstrauen. In Brandenburg bilden sie die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe, viele werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Aber in Tschetschenien haben die Repressionen drastisch zugenommen. Das Schreckensregime von Präsident Ramsan Kadyrow setzt auf Folter und Verschleppung.

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„Niemand flieht aus einem guten Leben.“ Nach der Ermordung ihres Sohnes konnten Ruslan Lulaev und seine Frau nur ein paar Fotos nach Berlin retten.

Quelle: Schulz

Berlin. „Niemand flieht aus einem guten Leben“, sagt Ruslan Lulaev. Seine Finger streichen über die Klarsichtfolie, in der ein Foto seines einstigen Zuhauses steckt. „Alles weg.“ Lulaev kennt nicht viele deutsche Wörter, doch diese beiden sind ihm vertraut. Alles weg.

Ruslan Lulaev ist mit seiner Frau, zwei Söhnen, einer Schwiegertochter und drei Enkeln aus Russland nach Deutschland geflüchtet. In den Asylstatistiken dieses Jahres liegt Russland plötzlich mit vorne. Genauer: Aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien haben sich Tausende Menschen auf den Weg nach Deutschland gemacht. Oder werden sie geschickt? So oder so – die tschetschenischen Flüchtlinge sind vielen suspekt.

Ruslan Lulaev setzt dem Misstrauen die Geschichte seiner Familie entgegen. Drei Jahre lang hatten er und seine Frau Raisa ihren Sohn Ansur nicht gesehen. Sein Leben lang hat der junge Jurist im Clinch mit dem Regime gelegen, hat Opfer von Folter und Verschleppung beraten. Als er selbst verfolgt wurde, versteckte er sich in den Wäldern von Sernowodskoje mit vier Verwandten vor den Schergen des tschetschenischen Gewaltherrschers Ramsan Kadyrow, Statthalter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. An einem Dezembermorgen des Jahres 2014 fanden Kadyrows Trupps die Dissidenten. Drei erschlugen sie an Ort und Stelle. Ansur konnte zu seinen Eltern flüchten. Kurz darauf stürmten Milizionäre deren Haus und erschossen Ansur vor den Augen seiner Eltern und seiner Kinder. Dann zündeten sie den Klinkerbau an. Als das Feuer erloschen war, räumte ein Bulldozer die Trümmer weg.

„Eine besorgniserregende Entwicklung im Land“

In Brandenburg machen die Tschetschenen inzwischen die zweitstärkste Flüchtlingsgruppe nach den Syrern aus. Die Bundespolizei, die im brandenburgisch-polnischen Grenzgebiet unterwegs ist, schlug im Sommer bereits Alarm, weil sich die Zahl der aufgegriffenen Tschetschenen im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht hatte. Das Innenministerium stuft die Entwicklung als besorgniserregend ein, da der „weitaus überwiegende Teil der vom Verfassungsschutz beobachteten rund 70 Islamisten in unserem Land aus dieser Region stammt“.

Das Leben, aus dem die Lulaevs nach Deutschland geflüchtet sind, hat der Vater in einem dicken Ordner dokumentiert. Die öffentlichen Demütigungen nach dem Untertauchen des Sohnes, die Verhöre, den Mord. Es ist ein Album des Schreckens, das Ruslan Lulaev zu dem Treffen in den Literarischen Salon von Ekkehard Maaß mitgebracht hat. Diese mit Kunst gefüllte Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg war in den Achtzigerjahren wichtiger Treffpunkt regimekritischer Dichter und Literaten der DDR. Wo Uwe Kolbe, Katja Lange und Christa Wolf lasen, hoffen heute Tschetschenen auf Hilfe.

„Die Repressionen in Tschetschenien haben heftig zugenommen“

Als Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft unterstützt Ekkehard Maaß seit vielen Jahren Flüchtlinge aus Russland und dem Kaukasus. Zurzeit hat er besonders viel zu tun. Maaß sagt: „Die Repressionen in Tschetschenien haben heftig zugenommen.“ Dies ist wohl ein Grund für den sprunghaften Anstieg der Zahl tschetschenischer Asylbewerber. Von Januar bis September stellten 8374 Tschetschenen einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Im Jahr 2015 waren es 4472, im Jahr davor 3891. Doch nur wenige, 3,9 Prozent, dürfen als politische Flüchtlinge bleiben. Alle anderen müssen in jenes Land zurückkehren, in dem sie erstmals EU-Boden betraten, also nach Polen oder Tschechien.

Das geschieht auch. Die Lulaevs wurden vor einem Jahr nach Polen abgeschoben. Aber die Familie kehrte zurück, nachdem Kadyrows Leute einen der Söhne im Abschiebelager Bezvolia aufgespürt und verprügelt hatten. Der Arm des Diktators ist lang. Nun hoffen die Lulaevs auf Milde bei den deutschen Asylbehörden – wie viele andere, die es ein zweites Mal versuchen. An der deutschen Ostgrenze herrscht ein reges Kommen und Gehen von Tschetschenen.

Wer es in die EU geschafft hat, kann sich im Schengen-Raum bewegen

Gagik Grigorian reiste kürzlich von Berlin nach Warschau.Dort berät er Flüchtlinge. „Polen ist rassistisch. Niemand will Tschetschenen Wohnungen vermieten oder Arbeit geben. Selbst die Regierung hetzt und behauptet, sie seien wegen ihres muslimischen Glaubens eine Gefahr für das polnische Christentum.“

Die Debatte um den Grenzschutz der EU kreist um das Mittelmeer, die Ostgrenze ist darüber aus dem Blick geraten. Zwar haben die polnischen Behörden die Kontrollen an der EU-Außengrenze zu Weißrussland verschärft. Doch es gibt viele Schlupflöcher. Und wer es in die EU geschafft hat, kann sich im Schengen-Raum weitgehend unbehelligt bewegen. Es gibt jetzt nicht wenige Sicherheitsexperten, denen der unkontrollierte Zuzug aus Osteuropa Sorgen bereitet. Sie vermuten unter den Flüchtlingen aus Tschetschenien potenziell gefährliche Islamisten. Zu den 70 als gewaltbereit eingestuften Islamisten in Brandenburg etwa gehören „insbesondere Tschetschenen“, heißt es im Innenministerium.

Ekkehard Maaß, Deutsch-Kaukasische Gesellschaft

Ekkehard Maaß, Deutsch-Kaukasische Gesellschaft

Quelle: Jacqueline Schulz

Die Bundespolizei habe die Personen- und Fahrzeugkontrollen in der deutsch-polnischen Grenzregion „intensiviert“, sagt ein Sprecher der Behörde. 616 unerlaubt eingereiste russische Staatsangehörige wurden von der Bundespolizei seit Jahresbeginn registriert. „Es ist der Bundespolizei zurzeit nicht möglich, unerlaubte Grenzübertritte zu verhindern“, sagt Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei im Bereich Bundespolizei. Kontrollen fänden nur stichprobenartig statt. Deswegen seien die Zahlen aufgegriffener illegaler Einwanderer auch nicht wirklich aussagekräftig.

Von einem „Kreml-Komplott“ ist die Rede

Radek warnt vor einem Sicherheitsrisiko, da man nicht wisse, wer kommt. „Es sind gut organisierte Schleuserbanden, die den Flüchtlingen den Weg nach Deutschland weisen.“ Immer wieder wird in den Medien auch darüber spekuliert, dass die Tschetschenen gezielt von Moskau eingeschleust werden, um Unsicherheit zu schüren. Von einem „Kreml-Komplott“ ist die Rede, aber bislang hat niemand Belege dafür liefern können, dass etwas an diesen Gerüchten dran ist. Mitunter fahren die Schleuser die Flüchtlinge bis vor die Schranke der Erstaufnahmeeinrichtung. Das hat Frank Nürnberger beobachtet, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs in Eisenhüttenstadt. Dort kommen die meisten Neuankömmlinge aus dem Kaukasus zunächst unter. Von den derzeit 2200 in Eisenhüttenstadt untergebrachten Asylbewerbern stammen 1450 aus Tschetschenien.

Nürnberger ist im Gespräch bemüht, keine Ressentiments zu bedienen. Aber er will Schwierigkeiten nicht verschweigen. Er sagt: „Von allen Ethnien in unseren Einrichtungen sind die Tschetschenen die Asylbewerbergruppe mit der höchsten Gewaltbereitschaft und der geringsten Integrationsbereitschaft.“ Immer wieder erlitten Frauen und Kinder Gewalt. „Nach Auskunft unseres psychologischen Dienstes weisen die tschetschenischen Männer oft Traumatisierungen auf, die auf Gewalterfahrungen zurückgehen“, sagt Nürnberger. Hinzu komme eine ausgeprägte Clanstruktur. „Es kam schon vor, dass Tschetschenen aus Berlin von Streitigkeiten in Eisenhüttenstadt erfuhren und zur Massenschlägerei anreisten.“ Nürnberger berichtet, dass die Kommunen des Landes besonders einfallsreich seien, um ja keine tschetschenischen Flüchtlinge aufnehmen zu müssen.

Der Ruf der Tschetschenen ist miserabel. Organisierte Kriminalität, Dschihad, Rückständigkeit – das von russischen Medien gezeichnete Zerrbild dieser Volksgruppe hat es bis in den deutschen „Tatort“ geschafft. Gewiss tragen Tschetschenen eine Mitschuld; die radikalen Vertreter in Moskau ebenso wie die Extremisten, die sich dem „Islamischen Staat“ andienen, und die in norddeutschen Boxklubs verkehrenden Anhänger Kadyrows.

Ruslan Lulaev und seine Frau Raisa wissen um den schlechten Ruf ihres Volkes, und das treibt ihnen die Tränen in die Augen. Er habe von einem deutschen Sprichwort gehört, sagt Lulaev, und das sei sehr wahr. Es lautet: „Überall gibt es auch gute Menschen.“

Von Marina Kormbaki

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