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13:09 11.12.2018
„Ich passe darauf auf, dass das Grundgesetz eingehalten wird“: Bruno Watara ist vor 21 Jahren aus Togo nach Deutschland geflohen – heute hilft er selbst Flüchtlingen beim Einleben. Quelle: Foto: Jacqueline Schulz
Berlin

Manchmal geht die Integration ins deutsche Vereinswesen ganz schnell. Bei Ennio Spina brauchte es nur einen Zuruf seines Präsidenten im Karnevalsverein: „Du trägst die Standarte.“ Dann stand der 36-Jährige in Ornat und Smoking mit der Standarte der Harlekins Berlin auf der Bühne und gehörte dazu. Nur, dass er in der Eile keine Handschuhe dabei hatte, fiel auf. Das war eigentlich ein Sakrileg. Aber in der Berliner Karnevals-Diaspora geht vieles nur mit ein bisschen Improvisation.

In Karnevalsvereinen, insbesondere außerhalb des Rheinlands, trifft man nur selten Menschen mit außerdeutschem Hintergrund. Insofern ist Ennio Spina, Sohn eines italienischen Restaurantbetreibers und einer Berlinerin, ein Exot unter Exoten.

Das Vereinswesen überhaupt ist einer der letzten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, in denen migrantische und nicht migrantische Deutsche ganz unterschiedlich ticken. Zu dem Ergebnis kommt jedenfalls eine Studie der Bertelsmann Stiftung zum „Bürgersinn in der Einwanderungsgesellschaft“.

Respekt vor Älteren und dem Gesetz

In einer repräsentativen Umfrage wurden 2058 Menschen in Deutschland befragt, was sie unter einem „guten Bürger“ verstehen. 892 der Befragten hatten keinen Migrationshintergrund, 569 waren in Deutschland geborene Kinder von Migranten, 598 waren Einwanderer. Alle drei Gruppen konnten sich auf dieselben Grundwerte einigen: Sehr wichtig war allen, dass Ältere Respekt verdienen, dass Gesetze befolgt werden müssen, dass man für seinen Unterhalt selbst sorgen soll, aber auch, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind.

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„In aktuellen Debatten ist oft das Trennende das beherrschende Thema. Wir wollten wissen: Was ist das Gemeinsame?“, berichtet Orkan Kösemen, der die Studie geleitet hat. „Die Ergebnisse lassen vor allem einen Schluss zu: Wir können eine Annäherung hier geborener Menschen mit Migrationshintergrund an die Mehrheitsgesellschaft feststellen.“

Eine für viele wohl überraschende Beobachtung: Sehr viel stärker als andere Gruppen werten die im Ausland geborenen Migranten Eigenschaften wie die Bereitschaft, für den eigenen Unterhalt zu sorgen, Recht und Ordnung zu achten, Steuern zu zahlen und auch stolz auf Deutschland zu sein. „Diese Menschen“, vermutet Kösemen, „wollen sich beweisen, dass sie dazugehören, dass sie es schaffen können.“

Es sind Menschen wie Ennio Spinas Vater Ivo, der vor mehr als 40 Jahren aus San Benedetto del Tronto an der Adria nach West-Berlin kam. Sein Bruder Mariano hatte ihn um Hilfe in den deutschen Restaurants der Familie gebeten. Die Werte, die ihm sein Vater vermittelt hat, seien unmissverständlich gewesen, sagt Ennio heute: „Wir sollen die Regeln und Gesetze des Landes achten, in dem wir leben. Und unser eigenes Geld verdienen.“ Sein Vater habe stets gesagt: „Und wenn du Toiletten putzen gehst – geh’ arbeiten! Du kannst dich im Spiegel anschauen und weißt, du hast für dich selbst gesorgt.“

Toiletten putzen musste Ennio Spina nie, seinem Vater im Restaurant aber half er immer in den Sommerferien und später auch nach der Schule. Er hängte eine Gastronomielehre in der Pfalz dran und lernte dort seine Frau Jennifer kennen, Tochter eines US-Soldaten und einer Deutschen aus Mannheim. Gemeinsam gingen sie zurück nach Berlin, eine deutsche Familie mit zwei halben Migrationshintergründen. Matteo und Maria Sophie heißen ihre Kinder. Opa Ivo spricht mit ihnen stets italienisch, und im Sommer fährt die ganze Familie nach San Benedetto del Tronto. Wie jedes Jahr, seit Ennio denken kann.

In diesem Jahr nun sind alle vier Spinas bei den Harlekins dabei: die Kinder bei den kleinen Tänzern, Jennifer bei der Showtanzgruppe und Ennio eben als Standartenträger. Der Kontakt zu den Karnevalisten kam über Matteos frühere Kindergartengruppe zustande. Für die Harlekins ist es ein Glück, auch die Nordberliner Karnevalstruppe sorgt sich um Nachwuchs – wie viele Vereine in Deutschland.

Eine deutsche Familie: Jennifer, Matteo, Ennio und Maria Sophie Spina (von links) mit Karnevalsinsignien. Quelle: Jan Sternberg

Das hat auch die Bertelsmann Studie festgestellt. Orkan Kösemen sagt: „Die große Bedeutung des Engagements in Vereinen ist ein westdeutsches, nicht migrantisches Phänomen. Und es ist ein Phänomen der Älteren. Engagement ist Jugendlichen am wenigsten wichtig, bei migrantischen Jugendlichen ist der Wert noch einmal niedriger.“

Die Neuankömmlinge der letzten Jahre wurden von Kösemens Leuten nicht befragt. Sie beschäftigten sich mit Menschen, die zum großen Teil bereits mehr als zehn Jahre in Deutschland sind. Bruno Watara lebt schon seit 21 Jahren hier. Und er hat viele Eigenschaften, die die Mehrheit der Bevölkerung einem „guten Bürger“ zuschreibt: Er ist engagiert, informiert – und ein Fan des Grundgesetzes.

Die ersten neun Jahre nach seiner Flucht aus Togo verbrachte der heute 56-Jährige in einer Unterkunft mitten in einem vorpommerschen Waldstück. Nur zum Einkaufen waren schon jedes Mal acht Kilometer Fußmarsch zu bewältigen. Bis heute nennt Watara den unwirtlichen Ort das „Dschungelheim“.

Eines Tages begannen er und die anderen Flüchtlinge, sich gegen die Bedingungen im Heim zu wehren. Zusammen erreichten sie, dass Orte wie das „Dschungelheim“ durch bessere, zentralere Unterkünfte ersetzt wurden. Inzwischen arbeitet Watara selbst als Betreuer von Flüchtlingen: Hilfe zur Selbsthilfe, das ist ihm oberste Maxime.

„Die deutschen Bürger haben viel geholfen“, findet er. Aber er denkt auch, dass sie nicht vehement genug mehr Rechte für Geflüchtete eingefordert haben, zum Beispiel beim Thema Familiennachzug. „Man kann nur jemandem helfen, der Rechte hat und diese auch kennt“, sagt der Wahlberliner. Deswegen versuche er, Geflüchteten immer als erstes ihre Rechte zu erklären, denn: „Ich helfe keiner einzelnen Person, ich passe darauf auf, dass das Grundgesetz eingehalten wird“, sagt Watara.

Migranten wünschen sich Werte, die sie selbst nicht immer erleben

„Die Bindungskraft der deutschen Gesellschaft wird unterschätzt“, sagt Orkan Kösemen. „Migranten fühlen sich genauso oft als gute Bürger wie der Rest der Bevölkerung und sehen sich somit als Teil der Gesellschaft.“

Und doch: Mehr als der gesellschaftliche Durchschnitt wünschen sich Migranten Respekt vor anderen Religionen und Toleranz – Werte, die sie selbst nicht immer erleben. Für Bruno Watara ist das der Grund, warum er noch immer nicht die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, obwohl er es längst dürfte. „Ich kann mich nicht deutsch fühlen, wenn ich nachts auf der Straße immer noch Angst haben muss“, sagt er. Angriffe von Rassisten habe er mehrfach erlebt, sowohl in Mecklenburg als auch in Berlin.

Ennio Spina hingegen hat zwei Pässe, den deutschen und den italienischen. Er musste sich nicht zwischen einer seiner beiden Identitäten entscheiden. Doch das hat einen Preis: Es hat ihn manchmal belastet, dass er in Berlin genauso wie an der Adria als halber Fremder wahrgenommen wird. „In Deutschland bin ich der Italiener, in Italien bin ich der Deutsche. Als Jugendlicher hatte ich Probleme damit, immer etwas Halbes und nie etwas Ganzes zu sein“, erzählt er. „Bis ich mir irgendwann sagte: Das ist mir egal. Nehmt mich, wie ich bin.“

Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland

Für den Bertelsmann-Forscher Kösemen ist das eine ganz typische Situation. Er weist auf die großen Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Befragten in der Studie hin und hat eine wichtige Feststellung gemacht: „Viele Debatten, die wir in Deutschland haben, kommen im Gewand von Migrationsdebatten daher, sind aber eigentlich Generationenkonflikte. Das hat auch damit zu tun, dass junge Menschen eine andere Wahrnehmung haben. Für Jugendliche ist Vielfalt normaler.“

Die wirklichen Gegensätze bestehen also nicht zwischen „Deutschen“ auf der einen und „Ausländern“ auf der anderen Seite – die Konfliktlinien liegen tiefer. Dass deutlich weniger Junge und Migranten es wichtig finden, sich politisch zu informieren und wählen zu gehen, gehört zu den bedenklichen Ergebnissen der Studie. Kösemen schreibt von „Defiziten bei der Vermittlung von politikbezogenen Merkmalen des Bürgersinns bei Migranten mit niedriger Bildung“.

Ebenso auffällig ist, dass Ostdeutsche viele Fragen anders beantworten als Bürger in den westlichen Bundesländern. Deutlich weniger Ostdeutsche würden sich selbst als „guten Bürger“ bezeichnen – und deutlich weniger Ost- als Westdeutsche geben an, dass es zu den „sehr wichtigen“ Bürgertugenden gehört, Gesetze zu befolgen. Kommt da eine tief sitzende Distanz zum aktuellen politischen System zum Ausdruck?

Wenn, dann nur bei einer Minderheit. Denn auch im Osten sagen 90 Prozent der Befragten, dass jeder ein „guter Bürger“ in diesem Staat, der Bundesrepublik Deutschland, werden kann, egal wo er oder sie geboren ist.

Von Pia Siemer und Jan Sternberg

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