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Frauke Petry – eine Frau will nach oben

AfD-Vorsitzende Frauke Petry – eine Frau will nach oben

Vor nicht einmal einem halben Jahr tobte in der AfD ein offener Machtkampf zwischen dem Parteigründer Bernd Lucke und Frauke Petry. Der Kampf ist entschieden: Lucke ist nicht mehr in der Partei, Petry unumstrittene Führungsfigur. Ihr großes Ziel ist die Bundestagswahl 2017, doch ihr fehlen bestimmte Eigenschaften – ein Porträt.

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Quelle: dpa

Hannover. Sie sitzt auf ihrem Stuhl, etwas erhöht, direkt neben ihren Vorstandskollegen. Frauke Petry wirkt anders als die anderen. Sie sitzt nicht, sie thront eher auf ihrem Platz, ruhig und überlegen. Während am Mikrofon die Vorsitzenden aus Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt kämpferische Grußworte in den Saal rufen und kräftigen Applaus ernten, blickt sie regungslos nach oben, unbeteiligt. Ist sie gedanklich überhaupt anwesend?

Frauke Petry ist die unumstrittene Führungsfigur der AfD, nach dem Bundesparteitag an diesem Wochenende in Hannover mehr denn je. Im Juli noch, als der Machtkampf zwischen ihr und Parteigründer Bernd Lucke eskalierte, stand die Partei vor der Spaltung. Lucke unterlag, trat mit seinen Getreuen aus, und die AfD rutschte in Umfragen ab. Das Ende schien nah. Doch seit September, parallel mit den Flüchtlingsströmen, klettert die AfD wieder nach oben, von Luckes Parteineugründung namens Alfa („Allianz für Fortschritt und Aufbruch“) redet kaum jemand – und Petry darf sich eigentlich wie ein Glückskind fühlen: Befreit von interner Konkurrenz kann sie den Siegeszug der AfD einleiten, die Umfragen deuten Erfolge bei den bevorstehenden Landtagswahlen an.

Petry sagt lieber „Pinocchio-Presse“ und nicht „Lügenpresse“

Trotzdem wird es kein strahlender Auftritt der Vorsitzenden vor den rund 500 Delegierten. Nicht nur wegen der Gegendemonstrationen, die groß angekündigt wurden, dann aber doch viel kleiner ausfielen als erwartet. Schon am Morgen war Petry verspätet im Tagungssaal erschienen, hatte eilig die Vorstandskollegen begrüßt und dann ihrem Ko-Vorsitzenden Jörg Meuthen die Eröffnungsrede überlassen. Sie nutzt die Zeit, sich zu sammeln für ihre politische Grundsatzrede gegen Mittag, die ein Höhepunkt dieses von vielen unspektakulären Satzungsfragen dominierten Parteitags werden soll.

Aber richtig leidenschaftlich klingt Petry nicht, eher pflichtschuldig. Natürlich gebe es einen Zusammenhang zwischen der starken Zuwanderung und der wachsenden Terrorgefahr in Europa, meint sie – „wer das leugnet, ist naiv“. Dann redet Petry über den Begriff „Lügenpresse“, der anfangs bei den Pegida-Demonstrationen benutzt wurde und inzwischen auch bei AfD-Politikern hoffähig geworden ist. Der Bundesvorstand setze dieses Wort „sparsam“ ein, sagt sie. Vor Monaten noch hatte sie sich davon distanziert. Am Freitag tanzte sie beim Bundespresseball. Petry meint nun, sie verstehe, dass sich Journalisten von dem „Lügenpresse“-Vorwurf „berührt“ fühlten. Mit „Humor“ könne man auf so etwas reagieren, fügt sie hinzu: „Deshalb will ich jetzt von ,Pinocchio-Presse‘ reden.“

Ein Beobachter nennt sie „Sahra Wagenknecht auf der rechten Seite“

Was witzig sein sollte, bekommt braven Applaus, aber richtig auflockern kann Petry ihre Rede damit nicht. Sie bleibt verkrampft. Ein Beobachter im Saal sagt, Petry sei „die Sahra Wagenknecht auf der rechten Seite“ – eine attraktive, kluge und ehrgeizige, aber eben auch unnahbare Politikerin.

Was ist das für eine Frau, die an der Spitze der deutschen Rechtspopulisten steht und damit eine ähnliche Rolle einnehmen könnte wie Marine Le Pen in Frankreich? Petry lässt keinen Zweifel daran, dass das nächste große Ziel die Bundestagswahl 2017 ist – und auch wenn sie es noch nicht sagt: Sie selbst dürfte die Spitzenkandidatin werden. Kann sie das, führen und integrieren? „Was ihr fehlt, ist Empathie“, sagt ein AfD-Funktionär, der ungenannt bleiben will. Der Delegierte Christian Klinge aus Schweinfurt, der nach Petrys Rede kräftig geklatscht hat, nennt ihren Vortrag „ordentlich“. Begeisterung wäre etwas anderes.

So wird auf diesem Parteitag ein Problem der AfD-Führung sichtbar: Als Lucke noch die Nummer eins war, galt er als abgehobener und kopfgesteuerter Professor, Petry als menschlicher Gegenentwurf dazu. Nun ist sie oben allein – und kommt kühl rüber.

Petry war in der Schule zielstrebig, eine Zwei war wie eine Niederlage

Dabei war sie mal ganz anders. Frauke Petry kam 1975 in Dresden zur Welt. Der Vater ging in den Westen und ließ die Familie in der DDR zurück. Als die Mauer fiel, zog sie mit ihrer Mutter nach Bergkamen in Nordrhein-Westfalen. In der Schule fiel die 15-jährige Frauke damals mit guten Leistungen auf. „Sehr zielstrebig“ sei sie gewesen, erinnert sich ihr Chemielehrer Harald Sparringa. Wenn sie mal eine Zwei statt einer Eins geschrieben hatte, sei das für sie schon eine Niederlage gewesen. Aber so ehrgeizig sie auch war, Sparringa erinnert sich an ein freundliches, geselliges und sehr offenes Wesen: „Sie konnte gut auf Menschen zugehen und war immer sympathisch.“ Dominant sei sie gewesen, auch in der Beziehung zu ihrem Mann, einem Schulkameraden, mit dem sie später wieder nach Sachsen zog.

Vor wenigen Monaten hat Frauke Petry ihren Mann verlassen. Auch der Kontakt zum alten Lehrer Sparringa, der über Jahre Bestand hatte – als sie in England Chemie studierte, promovierte, heiratete, vier Kinder bekam und eine Firma gründete – ist inzwischen abgebrochen. „Es passt einfach nicht mehr“, sagt der Grünen-Sympathisant Sparringa, „ich verstehe sie nicht mehr.“

Petry ist in den vergangenen Wochen immer wieder abgetaucht

Ihr früherer Lehrer vermutet, dass ein Schlüsselerlebnis im Scheitern ihrer Firma liegt. Purivent hieß das kleine Unternehmen, das sie nach Abschluss ihrer Ausbildung gründete. Entwickelt wurde ein umweltfreundlicher Füllstoff für Autoreifen – basierend auf einer Rezeptur, die Petrys Mutter ausgetüftelt hatte. Die mächtige Konkurrenz auf dem Reifenmarkt ließ dem kleinen Unternehmen keine Chance, alles endete mit einer Privatinsolvenz. „Das war ihre erste große Niederlage – und vielleicht wirkt sie deshalb manchmal so unerbittlich, weil sie mit ihrer Firma so harten Gegenwind erleben musste“, meint Sparringa.

Hat dieser Lebensweg sie gestählt? In den vergangenen Monaten wirkte Petry wie abgetaucht, in politischen Konflikten war sie nicht sichtbar. Sie gönnte sich eine Verschnaufpause, zeigte damit Schwächen. Nun weiß sie: So etwas verzeiht man ihr nicht.

Von Klaus Wallbaum

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