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Gabriel verliert Maß und Anstand

Kommentar Gabriel verliert Maß und Anstand

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat seiner Enttäuschung, von seiner Partei im künftigen Kabinett wahrscheinlich nicht berücksichtigt zu werden, Luft gemacht. Menschlich ist das verständlich, die Art und Weise ist jedoch infam. Ein Kommentar von Thoralf Cleven.

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Noch ist er Bundesaußenminister: Sigmar Gabriel (SPD).

Quelle: imago/photothek

Berlin. Sigmar Gabriel, derzeit einer der beliebtesten Politiker Deutschlands, versteht die Welt nicht mehr. Als Außenminister ist er angesehen, innerparteilich hat er seinem (früheren?) Freund Martin Schulz nur wenig dazwischengefunkt und sein Goslarer Wohnzimmer wurde zur heimlichen Zentrale für Völkerverständigung, samt neuer Teekanne. Trotzdem will ihm Schulz den Ministerposten nehmen, trotzdem will ihn die SPD nicht im künftigen Kabinett sehen. Und kaum jemand springt ihm bei.

Schön wenigstens, dass sich die Familie über einen Mann und Vater freut, der nun mehr Zeit hat, lässt Gabriel wissen. Dann zitiert er seine kleine Tochter: „Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“ Vielleicht soll es lustig klingen, vielleicht trotzig. Vor allem aber ist es infam, das Äußere eines Konkurrenten zu beschreiben, um ihn ganz subtil madig zu machen. Gabriel wollte Schulz treffen – den Sandmann meinte er bestimmt nicht.

Da kichern manche in der SPD

Der frühere SPD-Chef gibt sich jetzt als Unschuld vom Lande. Seine politische Karriere, in der er im Bundesvorstand der Falken saß, Pop-Beauftragter, Ministerpräsident und mehrmals Bundesminister war, hat er sicher nicht dem Werfen mit Wattebäuschchen zu verdanken. Er spricht nun von Respektlosigkeit im Umgang miteinander, Wortbruch und fehlender Wertschätzung – da kichern manche in der SPD. Ross und Reiter nennt Gabriel nicht. Bleibt nur im Gedächtnis: Der Mann mit den Haaren im Gesicht. Böse.

Er vergisst: Vor einem Jahr noch stand er in der Beliebtheitsskala ganz unten. Warum wohl? Vor einem Jahr griff er sich das bequemere Außenamt – und verzichtete auf den kräftezehrenden (und sicher aussichtslosen) Kampf ums Kanzleramt. Der Verzicht wurde noch als noble Geste gewertet, ihm – dessen Sprunghaftigkeit viele Genossen häufig zur Verzweiflung brachte – schlug plötzlich großer Respekt entgegen. Hörbar war jedoch auch ein lautes Aufatmen.

Selbst ausmanövriert

Nun hat Gabriel den Diplomaten in sich – ja, auch diese Fähigkeit besitzt er – wieder entlassen. Zurück bleibt ein 58-jähriger Sozialdemokrat mit großem Machtinstinkt, der fürchtet, in die politische Bedeutungslosigkeit zu fallen und vergnatzt ist. Abgesehen davon, dass Gabriels Selbstverständnis, ihm stehe das Außenamt quasi zu, Bände spricht: Er hat sich selbst aus dem Spiel genommen.

Von Thoralf Cleven/RND

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