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Ein Platz der Hoffnung

Griechische Woche von Marina Kormbaki - Teil 8 Ein Platz der Hoffnung

Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Rentner, Lehrer und Studenten in Griechenland, während die Mächtigen Europas über die Zukunft ihres Landes entscheiden? Reporterin Marina Kormbaki ist eine Woche vor Ort und berichtet aus dem Alltagskrimi. Heute: "Wir haben die Wahl zwischen Nichtstun, Klauen und Drogenhandel" – Flüchtlinge in Athen.

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Der zentrale Omonia-Platz in Athen ist umgeben von Kiosken. Jeder dieser Kioske hat Dutzende, Hunderte karierter Plastiktaschen im Sortiment. Wo immer auf der Welt diese billigen Taschen im Quadratformat zu haben sind, sind sie ein untrügliches Zeichen dafür, dass Menschen hier auf der Durchreise sind. Dass es sich um einen Platz des Kommens und des Gehens handelt. Oft auch des Bleibens.

Zur Person

Marina Kormbaki (32) ist Berlin-Korrespondentin des RedaktionsNetzwerks Deutschland der Mediengruppe Madsack. Sie reist seit ihrer Kindheit regelmäßig zu Verwandten nach Athen, beherrscht die griechische Sprache - und begleitet für uns die europäische Schuldenkrise seit Jahren journalistisch. Zurzeit berichtet sie an dieser Stelle aus Athen von dem Leben am Rande des Staatsbankrotts.

Jami, 41, sitzt hier seit 18 Jahren. Wenn auch mit Unterbrechungen. Er hat die letzten vier Jahre in griechischen Gefängnissen verbracht, sein Vergehen: sein Status als "Illegaler". Vor drei Wochen wurde der Iraker aus der Haft entlassen, Jami ist ein freier Mann, was ziemlich zynisch klingt in seinem Fall. Jami hat keine Wohnung, keine Arbeit, keine Papiere. Er hat seit zwei Tagen nichts gegessen. Auf freien Fuß hat ihn und viele der Männer hier auf dem Platz ein Erlass der Syriza-Regierung gesetzt: Es war eine der ersten Amtshandlungen von Premier Alexis Tsipras, Amnestien zu verfügen für all jene Einwanderer, die hinter Gitter sitzen, weil sie von Polizisten ohne Papiere aufgegriffen worden sind. "Dafür sind wir Syriza sehr dankbar", sagt Jami. "Aber was wird jetzt aus uns?" Früher, erzählt er, da gab es Arbeit. Da stellte er sich morgens an einen der Marktlätze für Tagelöhner in Athen und konnte sicher sein, dass irgendwer im Pickup vorfährt und ihn mitnimmt, für einen Job auf dem Bau. "Aber jetzt gibt es diese Jobs nicht", sagt Jami. "Wir haben jetzt die Wahl zwischen Nichtstun, Klauen und Drogenhandel."


Die Schwächsten trifft die Krise besonders hart. Und die jetzt geschlossenen Banken sind für viele Flüchtlinge verheerend. „Viele der Jungs hier erhalten Geld von Familienangehörigen in Deutschland oder Schweden – jetzt, wo Western Union zu hat, gibt’s gar nichts“, sagt Jami.

Neben ihm sitzt ein hagerer Mann mit rastlosem Blick, Ibrahim sein Name, auch er saß bis vor wenigen Wochen im Gefängnis. Er hält einen Packen Papiere in Händen. "Lies das", sagt er, immer wieder, blättert und blättert, so als müsste irgendwo zwischen in den Bescheiden und Bescheinigungen die Antwort auf seine Frage verborgen sein. "Wie komme ich aus diesem Land weg? Ich will hier weg", sagt der 30-Jährige. "Das ist kein Leben in Griechenland. Ich will zurück in den Irak." Er hat Angst davor, an der Grenze zur Türkei aufgegriffen und wieder ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Griechenland hat dieses Jahr 42.000 Flüchtlinge aufgenommen

Griechenland ist längst zum Einwanderungsland geworden. Wider Willen, was sich vor allem im Fehlen einer Asyl- oder gar Integrationspolitik niederschlägt. Anfangs, in den Neunzigern, kamen Albaner, Bulgaren, Rumänen. Seit gut 15 Jahren führt die Hauptroute für Pakistaner, Afghanen und Iraker nach Zentraleuropa durch Griechenland. Und seit Beginn des Syrienkrieges auch jene für Syrer.

Sehr viele, vielleicht die meisten all der Flüchtlinge und Einwanderer, die auf der Suche nach einem besseren Leben die streng bewachten Grenzen Europas überwinden und sich in Griechenland wiederfinden, erreichen früher oder später den Omonia-Platz. Mehr als 42.000 Flüchtlinge trafen nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR allein in diesem Jahr in Griechenland ein. Man kann jetzt beinah täglich beobachten, wie Busse vorfahren, aus denen syrische Flüchtlinge aussteigen, manchmal Hunderte an einem Morgen. Es sind jene Menschen, die sich aus Syrien in die Türkei durchgeschlagen und dort ein Boot bestiegen haben, das sie nach Lesbos, Samos oder eine andere der griechischen Inseln im Osten der Ägäis gebracht hat. Die Inseln sind überfordert, sie fürchten um ihren guten Ruf als Touristenorte, zumal jetzt, mitten in der Urlaubssaison. Die Flüchtlinge werden daher rasch nach Athen gebracht. Die meisten machen sich von dort auf den Weg nach Nordgriechenland - Mazedonien - Serbien - Ungarn - Österreich und weiter nördlich.

Jamal, 21, kam vor zwei Wochen in Athen an. "I'm fresh", sagt er und setzt ein breites Grinsen auf. Er hat etwas Kostbares, was die anderen in der Runde nicht haben - er hat Papiere, eine Aufenthaltserlaubnis. Vor allem aber hat er Hoffnung. "Ich will in Griechenland bleiben", ruft er aus. "Ich will hier arbeiten - Athen, Kreta, Korfu, Tourismus!" Jami und Ibrahim schauen Jamal an und schweigen. Ganz so, als wollten sie ihm seine Träume lassen.

Von Marina Kormbaki

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